Gelobtes Land: Warum Deutsche nach Norwegen auswandern

Von Philip Wesselhöft

Die unbegrenzten Möglichkeiten Nordamerikas, die unendliche Weite Australiens, die Sonne Spaniens - 120.000 Deutsche wagen jedes Jahr einen Neustart im Ausland. Dabei liegt das Glück nicht nur im Süden oder in Übersee. Norwegen etwa lockt mit gut bezahlten Jobs - und dem Häuschen am Fjord.

Philip und Julia Reichel: Leben ohne Überstunden
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Philip und Julia Reichel: Leben ohne Überstunden

Leirvik ist nicht unbedingt die Art von Ort, die man als Erstes vor Augen hat, wenn man ans Auswandern denkt. Zunächst einmal liegt Leirvik in Norwegen, nicht in Kanada, an keinem australischen Sandstrand, und auch nicht auf Mallorca. Leirvik auf der Insel Stord im Westen von Norwegen ist komplett unspektakulär. Die Häuser von 11.000 Einwohnern drängen sich in einer großen Bucht des Hardangerfjords - kein hübsch weiß getünchtes Holzhaus-Ensemble wie in den Küstenstädtchen im Süden, keine repräsentative Altstadt wie die von Bergen. Leirvik ist ein praktischer Ort mit einer kleinen Werft, einer Tankstelle mitten im Zentrum und Einkaufsstraßen, in denen Touristen nicht viel Interessantes finden. Außerdem regnet es hier an 200 Tagen im Jahr. Und dann regnet es nicht bloß, es schüttet. So ein Tag ist heute.

Philip Reichel, 30, kommt aus dem Nebenzimmer, auf dem Arm seinen Sohn Nils. Bis eben hat der Eineinhalbjährige noch geschlafen. Doch dann pladderte es derart aufs Flachdach, dass der Jüngste der Familie nicht mehr allein im Kinderzimmer liegen wollte. Jetzt turnt er auf dem Sofa herum und hat schon wieder vergessen, warum der Mittagsschlaf heute kürzer war als gewohnt. Ungefähr so geht es auch seinen Eltern. Immer wieder werden sie plötzlich daran erinnert, dass sie jetzt nicht mehr in Bad Bramstedt in Norddeutschland leben. Zum Beispiel, wenn die Kollegen am Montag von der erfolgreichen Jagd am Wochenende erzählen. Oder wenn sie nach Bergen fahren und für die 80 Kilometer Richtung Norden drei Stunden brauchen, wovon zwei Stunden auf Kosten der Fähre gehen. Doch dann ist die Überraschung schon wieder vergessen im neuen Alltag.

Häuschen am Fjord, gefördert von Norwegen

Vor drei Monaten ist Familie Reichel aus Schleswig-Holstein nach Norwegen gezogen. Bessere Bezahlung, weniger Stress und keine Überstunden - der junge Arzt und seine Frau Julia, 29, die als Übersetzerin arbeitet, überlegen schon, ob sie sich den klassischen norwegischen Traum erfüllen sollen. Und aus ihrem 130 Quadratmeter großen Flachdachbungalow auf dem Krankenhausgelände bald in ein Häuschen am Fjord umziehen. Das wäre für die junge Familie kein Problem, Norwegen fördert ausländische Gastarbeiter beim Hauskauf mit billigem Baugrund und geringen Ratenzahlungen.

Leirvik:  Kein typisches Auswandererziel
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Leirvik: Kein typisches Auswandererziel

So wie Julia und Philip Reichel zieht es immer mehr Deutsche in den hohen Norden. Das boomende Norwegen lockt mit nahezu idealen Arbeits- und oft auch Lebensbedingungen. Nach wenigen Behördengängen ist man registriert, mit der wichtigen Personenkennziffer versehen und über den neuen Arbeitgeber automatisch kranken- und sozialversichert. Norwegen macht es Einwanderern leicht, man braucht hier qualifizierte Fachkräfte. Ausbildung und Arbeitsmarkt können mit dem rasanten Wirtschaftswachstum des Erdöl fördernden Landes bislang nicht mithalten. Besonders Ärzte, Pflegekräfte und Handwerker sind gefragt - vor allem auch in den entlegenen Regionen des weitläufigen Landes, in dem sich gerade mal vier Millionen Einwohner verlieren.

Den klassischen Auswanderzielen Nordamerika, Australien oder, wegen der Sprache, Österreich und der Schweiz kann Norwegen zwar nicht den Rang ablaufen - allein in die USA wandern pro Jahr zum Beispiel etwa 14.000 Deutsche aus. Doch auch in Norwegen leben mittlerweile rund 10.000 deutsche Aussiedler - angelockt auch durch die skandinavische Gelassenheit. "Norwegen hat eine sehr freizeitorientierte Gesellschaft", sagt Frank Lütje von der deutschen Botschaft in Oslo. "Sport, Hobbys und Familie sind sehr wichtig, es gibt am Arbeitsplatz keinen Stress, und Überstunden kennt man hier gar nicht."

Platz vier der beliebtesten Auswanderziele in Europa

Deswegen suchen und finden viele Deutsche in dem Land der Fjorde einen gesicherten Arbeitsplatz. Darunter sind immer mehr Menschen aus den neuen Bundesländern, frustriert und entnervt von einem am Boden liegenden Arbeitsmarkt. Vermittelt werden viele arbeitslose Facharbeiter - gerade auch Handwerker wie Maurer, KFZ-Mechaniker oder Dachdecker sind gefragt - durch die Bundesagentur für Arbeit. Die deutschen Arbeitsämter arbeiten dabei über das Kooperationsnetz der europäischen Arbeitsagenturen, EURES (European Employment Services), Hand in Hand mit den norwegischen Behörden. Nach einem dreimonatigen Sprachkurs sind die meisten Arbeitssuchenden fit für den Auslandseinsatz. "Wer Norwegisch spricht, findet sich schnell zurecht", weiß Botschaftsmitarbeiter Frank Lütje. "Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit."

Allein 2003 brachte die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur in Bonn 247 deutsche Arbeitslose in Norwegen unter. Damit liegt Norwegen derzeit auf Platz vier der beliebtesten Auswander-Ziele in Europa, hinter Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Vor allem jüngere Menschen suchen jenseits der Grenzen neuen Perspektiven. "Diese neue Auswanderergeneration ist zwischen 20 und Mitte 30 und verfügt über hervorragende Referenzen", sagt Martina Lüdeke vom Raphaelswerk Essen, das seit vielen Jahren auswanderwillige Deutsche berät. "Die haben ihren Glauben an die Heimat verloren und suchen ein neues, beruflich aussichtsreiches Umfeld."

Jeden Tag um 15.30 Uhr zu Hause

Auch Dirk Marquardt fand mit Hilfe des Arbeitamt-Netzwerkes EURES eine neue Perspektive: einen Job als Behindertenpfleger, in Oslo sogar und nicht auf den fernen Lofoten oder noch weiter im Norden, wo viele der offenen Stellen angesiedelt sind. Der arbeitslose Erzieher aus Kiel wurde von "paradiesische Zuständen" empfangen: Am neuen Arbeitsplatz sorgte ein Pfleger für jeweils einen Behinderten. "Da kann man ganz anderes arbeiten als in deutschen Einrichtungen, wo der Pflegenotstand regiert", sagt der heute 43-Jährige. Mittlerweile lebt Dirk Marquardt nach drei Jahren in Norwegen aus familiären Gründen zwar wieder in Deutschland, doch der hohe Norden lässt ihn nicht mehr los. Als er Anfang Januar zum Skilaufen dort war, besuchte er die alten Kollegen - und bekam prompt wieder einen Job angeboten. Jetzt überlegt er, ob er den Schritt nicht ein zweites Mal wagen sollte.

Familie Reichel: "Sohn nur noch schlafend gesehen"
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Familie Reichel: "Sohn nur noch schlafend gesehen"

So ein großes Wagnis ist der Aufbruch zu neuen Ufern oft gar nicht. "Wenn's uns irgendwann nicht mehr gefällt, kommen wir halt wieder zurück", sagt auch Arzt Philip Reichel. Dass es so weit kommt, glaubt er vorerst nicht. In Deutschland stand er in seinem Job als Assistenzarzt für Innere Medizin an einer Klinik in Schleswig-Holstein am unteren Ende der Krankenhaus-Hierarchie "Da gab's viel Stress, Konkurrenz unter den Kollegen und fast immer 14-Stunden-Tage", sagt der Aussiedler. "Meinen Sohn habe ich fast nur noch schlafend gesehen." Jetzt ist er jeden Tag um 15.30 Uhr zu Hause, hat "furchtbar nette Kollegen" und verdient etwa doppelt so viel wie in Deutschland.

Da fiel die Eingewöhnung nicht schwer, trotz des Regenwetters an der Westküste. Und den plötzlichen Aufbruch mit dem Mietlaster hat die Familie auch schon verdaut, als innerhalb von einer Woche entschieden wurde, das bisherige Leben in Deutschland aufzugeben - trotz gerade frisch bezogener Reihenhaushälfte in Bad Bramstedt und einem erst einjährigen Kleinkind. "Den idealen Zeitpunkt gibt es nicht", sagt Julia Reichel. "Man muss es einfach machen."

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