Gleitschirm-Rennen über die Alpen Die Überfliegerin

Mehr als tausend Kilometer will Yvonne Dathe über die Alpen zurücklegen - per Gleitschirm und zu Fuß. Die 38-Jährige ist eine von nur zwei Frauen, die an dem abenteuerlichen Wettfliegen X-Alps teilnehmen.

Ein Interview von

Carsten Haecker

  • Thomas Ide
    Yvonne Dathe, Jahrgang 1977, Betriebswirtin, Mentaltrainerin und Fluglehrer-Assistentin, fliegt seit ihrem 16. Lebensjahr und ist vierfache Deutsche Meisterin im Gleitschirm-Streckenfliegen. Anfang Juli wird sie als erste deutsche Frau an den X-Alps teilnehmen. Mit dem Gleitschirm und zu Fuß werden 33 Teams aus 18 Ländern versuchen, eine über tausend Kilometer lange Strecke über die Alpen, von Salzburg bis Monaco, zurückzulegen.
  • Facebook-Seite von Yvonne Dathe
  • Live-Tracking der X-Alps-Mannschaften
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei so einem Wettrennen wie den X-Alps noch Augen für die Natur oder geht es nur um das Ziel?

Dathe: Mir sind die Erlebnisse wichtig - wann kann man schon mal den Alpenhauptkamm überqueren? Ich freue mich auf das Matterhorn- und Mont-Blanc-Panorama und das Steinerne Meer, eine gigantische Felslandschaft zwischen Dachstein und Kampenwand. Wenn man dort entlangfliegt, merkt man erst, wie klein man ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Strecke über die Alpen ist tausend Kilometer lang und muss zu Fuß und mit dem Gleitschirm geschafft werden. Was sind Ihre Erfahrungen?

Dathe: Letztes Jahr habe ich an den X-Pyr teilgenommen, einem Wettrennen vom Atlantik über die Pyrenäen bis zum Mittelmeer mit einer Strecke von gut 470 Kilometern. Das war die Generalprobe für mich. Mit dem Gleitschirm können bis zu zweihundert Kilometer und mehr geflogen werden, wenn das Wetter gut ist. Dadurch relativiert sich die Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein einsames Rennen?

Dathe: Nicht wirklich, man lernt Land und Leute unterwegs ganz gut kennen, ob Hüttenwirt oder Wanderer. Die X-Pyr zum Beispiel führte am Jakobsweg entlang. Alle haben gedacht, wir wären auch Pilger, mit unseren großen Rucksäcken. Als wir vom Jakobsweg abwichen, haben sie uns zugerufen: "Nein, da entlang!".

SPIEGEL ONLINE: 33 Flieger stehen am 5. Juli am Start - davon nur zwei Frauen, die ersten seit 2005. Wollten Sie mit der Anmeldung auch ein Zeichen setzen?

Dathe: Nein, das war nicht meine Motivation. Vor zwei Jahren gab es darüber eine Diskussion: Für Frauen wäre das Wettrennen zu anstrengend, hieß es mitunter. Das glaube ich nicht - es kommt einfach darauf an, kluge Entscheidungen zu treffen und gut zu fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Welche ist die härteste Etappe?

Dathe: Die, bei der es regnet. Wenn man nicht fliegen kann, sondern laufen muss, wird es anstrengend. Die Südseite des Dachsteins soll relativ steil sein. Und das Matterhorn, einer der zehn sogenannten Wendepunkte im Wettbewerb, die man passieren muss, ist ja auch nicht ohne!

SPIEGEL ONLINE: Wie viel fliegt und läuft man im Durchschnitt?

Dathe: Das hängt vom Wetter ab. Vor zwei Jahren hat der damalige Sieger, der Schweizer Christian Maurer, die Strecke in rund sieben Tagen zurückgelegt. Das Wetter war gut, er konnte circa 90 Prozent fliegen. Bei schlechtem Wetter können es auch 50 Prozent oder weniger sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich vor?

Dathe: Mein Grundlagentraining ist Laufen, dazu kommen Kraftübungen und viele Bergläufe - und Flüge, zum Beispiel hier bei uns im Allgäu auf dem dreihundert Meter hohen Hausberg.

SPIEGEL ONLINE: Reicht das als Training für den 4810 Meter hohen Mont Blanc?

Dathe: Idealerweise trainiert man auch auf der Strecke. Dachstein und Gaisberg kenne ich bereits aus anderen Wettbewerben, und die Kampenwand in den Chiemgauer Alpen habe ich mir vor Ort angeschaut. Bei Google Maps oder Earth suche ich nach optimalen Routen. Aber es kann unterwegs so viel Unerwartetes passieren, alles kann vorher gar nicht geplant und getestet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten auch als Mentaltrainerin, wenden Sie auch bei sich selbst psychologische Techniken an?

Dathe: Wenn ich in einer schlechten Position bin, dann neige ich dazu, hinterherzuhetzen, möglichst schnell zu fliegen, und übersehe dabei viel, zum Beispiel neue Thermikquellen. Durch einen mentalen Stoppbefehl kann ich das Muster durchbrechen. Ich ziehe meine Schultern hoch, atme tief ein und aus, lasse sie wieder fallen, schaue auf das aufgeklebte Smiley an meinem Cockpit und dann nach rechts und links zum Horizont - ein sogenannter Cross-Check. Danach bin ich wieder konzentriert und entspannt.

SPIEGEL ONLINE: Jeder Teilnehmer hat mindestens einen Begleiter beim Rennen - was sind seine Aufgaben?

Dathe: Für den Supporter kann das Wettrennen stressiger sein als für den Teilnehmer selbst. Er kauft Verpflegung ein, fährt das Begleitfahrzeug und verfolgt via Funk und Live-Tracking, wo der Pilot gerade ist. Er beobachtet den Wetterbericht und hilft mir bei der Routenwahl. Doch das Wichtigste: Er baut mich wieder auf, wenn es mir mal schlecht geht.

SPIEGEL ONLINE: Wer baut Sie auf?

Dathe: Mein Lebensgefährte Thomas Ide. Er weiß, wie er mich in Phasen, in denen es mir nicht so gut geht, motivieren kann. Vor allem fliegt er schon sehr lange, länger als ich. Er ist in der Nationalmannschaft und ein guter Streckenflieger.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegen die Risiken bei so einem Extremwettbewerb?

Dathe: Ich denke, gefährliche Situationen können entstehen, wenn ich müde bin, körperlich ausgelaugt und mich nicht richtig konzentrieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Zwischen 22.30 und 5 Uhr müssen die Teilnehmer sich laut Vorschrift ausruhen. Reicht das?

Dathe: Die Pause in der Nacht ist nicht wirklich lang. Es ist wichtig, dass der Körper sich auch tagsüber immer wieder regenerieren kann. Früher gab es gar keine vorgegebenen Ruhepausen, doch dann stellten die Organisatoren fest, dass die Nachzügler die ganze Nacht durchgemacht haben, um aufzuholen. Das war gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt immer noch einen sogenannten Nachtpass - eine Nacht, in der man durchlaufen oder -fliegen kann...

Dathe: Dieser Pass macht Sinn, wenn du etwa noch schnell irgendwohin möchtest. Es wäre ja blöd, wenn ich einen Kilometer vor einer Berghütte stehen bleiben muss, weil es kurz vor halb elf ist. Oder zum Ende des Rennens, wenn der Erste am Ziel ist, und man nur noch 48 Stunden Zeit hat, um ebenfalls noch das Ziel zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen das Ziel? Nur etwa zwölf Prozent schaffen es im Schnitt bis nach Monaco, das ist nicht gerade viel...

Dathe: Natürlich wäre es schön, in Monaco anzukommen. Das ist schon der Ansporn. Aber ich freue mich auf das Abenteuer und die Strecke. Meine Ziele für die X-Alps 2015 sind: gesund zu bleiben und die Strecke in vollen Zügen zu genießen!

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insgesamt 4 Beiträge
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fatherted98 02.07.2015
1. Coole Sache...
...trotzdem stelle ich mir das nach 3-4 Stunden fliegen doch irgendwie ein bisschen langweilig und unbequem vor...mal so mit dem Gleitschirm für eine Stunde kreisen OK...aber ob eine Alpenquerung so viel Spaß macht?...naja...die Teilnehmer machen ja immer wieder pausen und landen zwischendurch...das bringt Abwechslung in die Sache.
akita 02.07.2015
2. Genau andersrum
wird ein Schuh draus. Erst wenn man sich vom Kreisen an einem Ort löst (das in der Tat seinen Reiz bald verlieren kann) und auf Strecke geht, wird es richtig interessant. Da muss man diverse Faktoren ständig im Auge behalten, bewerten und alle paar Minuten eine richtungsweisende Entscheidung treffen (kleinere alle paar Sekunden). Selbst ohne die Konkurrenz beim Rennen ist es höchst anspruchsvoll und nichts für schwache Nerven, solche Strecken mit kaum mehr als einem Stück Stoff und ein paar Leinen zurückzulegen. Beim Punkt "unbequem" haben Sie wohl recht. Aber Langeweile wird bei den Teilnehmern dieses Rennens kaum aufkommen, solange die nicht tagelang auf einer Hütte festsitzen.
javra 02.07.2015
3. Aerodynamische Liegegurtzeuge,
wie von den Teilnehmern verwendet, sind alles andere als unbequem.
kasam 02.07.2015
4. Irre,
zu meiner Zeit waren die Gleitschirmflieger bescheidener unterwegs. Deswegen finde ich diese Art den Sport zu leben einfach IRRRE.TOLLL
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