Goldsucher in Lappland: Die Nuggets von Lamborghini City

Von Oliver Lück

Im hohen Norden Finnlands gehen Männer mit langen Bärten und Schlapphüten noch wie vor hundert Jahren auf Goldsuche. Sie sind wie Süchtige, die jahrzehntelang auf das große Glück hoffen. Und tatsächlich: Erst kürzlich gelang einem Dorfbewohner ein Jahrhundertfund.

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Das Werbebanner am Supermarkt hat der Wind zerrissen. "Werden Sie schon morgen Millionär!", verspricht die Reklame. Dazu blinkt eine Digitalanzeige: "Jackpot: 20 Millionen Euro!!!" In Inari, einem Ort mit 500 Menschen, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises im finnischen Nichts, gibt es zwei Möglichkeiten, reich zu werden: Entweder man gewinnt im Lotto, oder man findet einen riesigen Klumpen Gold. "Beides ist so gut wie unmöglich", sagt Risto Vehviläinen, den alle nur "Riku" nennen.

An diesem Abend sitzt der Mann mit dem wild wuchernden Vollbart, der Brille und der Baseballkappe in der einzigen Kneipe Inaris. Sie liegt gleich gegenüber der Tankstelle und dem Supermarkt. Vor Jahren ist mal ein deutscher Kinofilm hier gedreht worden. In diesem Film gibt es eine Szene, in der der Hauptdarsteller gefragt wird, wo er denn hin wolle. Als dieser "Inari" antwortet, hält das finnische Ehepaar kurz inne, guckt sich an und sagt: "Inari? Okay, dann lass uns nicht mehr reden – lass uns trinken!"

Mit seinen Händen umklammert Riku ein Glas "Lapin Kulta", auf Finnisch: das Gold Lapplands. Es sind Männer wie Riku, die neben ihm sitzen und in ihre Biere vor sich gucken. Wie er tragen sie lange Bärte, die im Sommer vor den Mückenschwärmen schützen und in den kalten Monaten etwas wärmen. Auf den Tischen kleben Schilder: Rauchen verboten. Direkt daneben stehen Aschenbecher - es gibt hier niemanden, der nicht raucht. An der Decke hängen unzählige kleine Sterne, die im Dunkeln leuchten. Die Gäste könnten nach ihnen greifen, wenn sie sich auf die Tische stellten. "Die einen glauben an Gott, die anderen an Gold", sagt einer der Männer.

Zehntausende Euro für ein Riesen-Nugget

An der Wand hängen gerahmte Porträts. "Die besten Goldgräber" steht auf einem Holzschild darüber. Auch die Abgebildeten tragen Bärte und Schlapphüte. Eigentlich müsste auch ein Foto von Riku in dieser Galerie hängen. Keine drei Monate ist es her, dass er ein kleines Vermögen aus dem Boden holte. 193 Gramm, der fünfgrößte Nugget, der jemals in Finnland gefunden wurde. So etwas hatte es hier schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Fast 40.000 Euro hat der 57-Jährige dafür bekommen. Fast 30 Jahre hatte er danach gesucht.

Es sind die letzten Tage der Saison. Der Winter ist längst da. Die Tage werden zu Nächten. Die Flüsse werden zu Eis. Doch man braucht das Wasser, um das Gold aus der Erde zu waschen. Auf 400 Claims, die beim Staat gemietet werden können, wird in Lappland zurzeit gegraben. Hier, im Land der Samen und Rentiere, liegen die größten Vorkommen an losem Gold in Europa; wenn man Glück hat in Form eines Nuggets, häufiger aber als Goldstaub, sogenannten "Flitterchen", die je nach Größe und Aussehen auch "Wanze", "Laus" oder "Kakerlake" genannt werden.

Rikus Goldfeld liegt weit abseits der Hauptstraße, etwa eine Stunde geht die Fahrt über eine schlaglochgepflasterte Sandpiste. Unterwegs stehen Wegweiser zu anderen Claims: "Golden Camp", "El Dorado" oder "Lamborghini City". Namen, die nach Abenteuer klingen und voller Hoffnung stecken. Doch für die wenigsten Goldsucher erfüllt sich der Traum von plötzlichem Reichtum.

Automatten als Werkzeug

Denn die meisten Prospektoren schürfen noch wie vor hundert Jahren, stehen mit Blechtellern im Bach oder schaufeln die Erde in ihre selbstgebauten Goldwaschanlagen. Zunächst in das Sieb am oberen Ende der hölzernen Waschrinne. Wasser läuft darüber. Tausend oder mehr Liter in der Minute. Was durch das Sieb fällt und in der Rinne abfließt, sind Steine und Schlamm. Was hängen bleibt in den Gummimatten, die sonst im Fußraum von Autos liegen, ist Gold. In der Theorie.

Die Genehmigung, mit Maschinen zu arbeiten, haben die wenigsten. Risto Vehviläinen schon. Seine Eltern suchten bereits nach dem Edelmetall, bekamen die Lizenz für eine Mine, die erlaubt, schweres Gerät einzusetzen. Mit der Schaufel schafft ein starker Mann rund hundert Kubikmeter Erde in einem Sommer. Das schafft Rikus Bagger an einem Tag. Täglich pflügt er den hellen, steinigen Boden seines Claims um, der sich auf fast drei Kilometer entlang eines Seitenarmes des Ivalojoki erstreckt, des Flusses, an dem vor über 130 Jahren bereits Männer mit Bärten den ersten Goldrausch Finnlands auslösten.

Mit riesigen Sieben wäscht er die Erde durch. Dass dies nicht schonend für die Natur ist, ist offensichtlich. Geröll und Sand schichten sich zu kleinen Bergen. Die Erdlöcher sind metertief. Eine Baustelle in der Wildnis. Umweltschützer würden die Hände vors Gesicht schlagen. "Ein Schlachtfeld", sagt Riku selbst. Doch eines Tages werde er die Landschaft rekultivieren müssen, dazu sei er gesetzlich verpflichtet. Ob es aber jemals wieder so aussehen werde, als habe es den Abbau nie gegeben? Nein, sagt er, das sei auch ihm klar. Er ist es nicht gewohnt, viele Worte zu verlieren.

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Lapplands Gold: Suche nach dem Klumpen Glück

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