Von Stefan Simons, Paris
Nicole und Yves Regnard aus Versailles erhielten die Einladung zum Mittagessen am Fuß des Eiffelturms erst am Abend zuvor: Ihr Sohn überreichte ihnen den Gutschein für eine Verkostung bei Spitzenkoch Richard Toix. Jetzt sitzt das Rentnerehepaar nicht im renommierten Pariser Restaurant "L'Assiette", sondern in einem umgebauten Autobus mit hydraulisch ausfahrbaren Seitenteilen. Gut 40 Gedecke sind aufgelegt, die Kellner in schwarzem Anzug manövrieren zwischen engen Stuhlreihen, während der pensionierte Mediziner und seine Ehefrau die Speisekarte inspizieren: "Labmagen im Schmortopf gebraten, Mangold im eigenen Saft, Milchreis mit Vanille".
Sterne-Küche auf Rädern? Der außergewöhnliche Auftritt gehört zu einer Werbewoche für die französische Küche. Denn das "Restaumobile" ist kein bloßes Traiteur-Gefährt oder eine rollende Frittenbude, sondern ein veritabler Fresstempel auf Rädern, mit Küche und 40 Plätzen, bestückt mit einem Starkoch samt Brigade. Schnell waren sämtliche Plätze für die ganze Festival-Woche reserviert.
Klassen-Gesellschaft der Genießer
Gewiss, die kulinarische Tradition der Nation wird weltweit gepriesen und steht bei der Unesco sogar auf der Liste des Kultur-Welterbes. Doch trotz des internationalen Renommees sind die Spitzenleistungen der Gaumenkunst in der Heimat der Feinschmecker nur noch für gut betuchte Bürger erschwinglich. Der Menü-Preis in einer Top-Adresse der Hauptstadt beginnt meist jenseits der Hundert-Euro-Grenze und endet in den ausgezeichneten Restaurants in den Sternen. Und - die Krise lässt grüßen - selbst in Bistros und Brasserien überschreiten die Kosten für ein Abendessen oft das Budget einer Durchschnittsfamilie.
Das hat an den Theken und Tischen der Nation längst eine Klassen-Gesellschaft der Genießer heraufbeschworen. Auf der einen Seite die Liebhaber bodenständiger und bezahlbarer Kost, auf der anderen die Feinschmecker, die es auf raffinierte Kreationen abgesehen haben, die, optisch wie olfaktorisch, den Rang von Kunstwerken erreichen. Und deren Preis. Die Folge: Viele Franzosen kennen ihre Kochlöffel-Stars nur noch aus dem Fernsehen, die Kenntnisse über gute Küche und heimischen Wein verkümmern. Fastfood - man benennt die Ungeheuerlichkeit meist auf Englisch - ist auf dem Vormarsch.
Zur Rettung des guten Geschmacks startet in Frankreich diese Woche daher die Aktion "Tous au restaurant". Unter dem Motto "Ihr Gast ist unser Gast" werden Bürger von den Chefs der großen Restaurants, von jungen Starköchen und gepflegten Traditionsgaststätten zu Tisch gebeten - und von zwei Gästen zahlt jeweils nur einer. Der Koch lädt also den Mitesser zum Menü ein, Vorspeise, Hauptspeise und Dessert eingeschlossen. Nur die Getränke werden extra berechnet.
Schnäppchen-Woche gegen die Krise
Für diesen dritten "Nationalfeiertag der Restaurants" kommen die berühmten Kochmützen ihrer Klientel noch einen Schritt entgegen: In Paris, wo rund 170 Restaurants ihr Menu anbieten - Preise für zwei Personen zwischen 45 Euro (mittags) und 75 Euro (abends) - fährt aus Anlass der kulinarischen Woche nun erstmals jenes "Restaumobile" durch die Stadt, das zum Auftakt am Eiffelturm parkte.
Landesweit sind es fast tausend Häuser, die sich an der Aktion beteiligen. Sie wollen Einheimischen wie Touristen die Freude an der Atmosphäre rund um eine schön gedeckte Tafel nahebringen, jenen Aufwand um den Genuss, der in Frankreich als "Kunst des Tisches" zelebriert wird. Geboten werden klassische Rezepte ebenso wie innovative Kompositionen, exotische Speisen sowie die Spezialitäten aus Frankreichs Regionen: "Tous au restaurant" lädt zu Tisch, damit, so das hehre Ziel der Veranstalter, "das Restaurant mehr als je zum Ort des Teilens, des Entdeckens und des Vergnügens wird".
Dass die Übung in Sinnenfreunden durchaus einen ökonomische Hintergrund hat, wird nicht verschwiegen: Die Krise hat längst die Restaurant-Betriebe der Nation erfasst, einen Wirtschaftszweig mit 50 Milliarden Umsatz 2012 und - bei 600.000 Beschäftigten - der fünftstärkste Arbeitgeber der Nation. Wobei die Spitzenadressen noch am besten abschneiden. "Die Gäste der obersten Kategorie sind nicht weniger geworden", sagt Madame Marcon, deren Ehemann Régis mit Sohn Jacques in Saint-Bonnet-le-Froid (Haute Loire) das Drei-Sterne-Restaurant "La Coulemelle" führen. "Aber die einfache, ländliche Gastronomie, die Bistros der Kleinstädte, erleben einen deutlichen Schwund in der Nachfrage."
Zurück zu den Wurzeln
Die Kampfpreise der einwöchigen Aktion, die noch bis Montag dauert, sollen daher bei den klammen Franzosen wieder die Lust am Restaurantbesuch wecken und die Schwellenangst vor dem Besuch eines renommierten Hauses mindern. "Es handelt sich hierbei um eine durchweg optimistisch angelegtes Ereignis", sagt Laurent Plantier, Generaldirektor des international bekannten Sternekochs Alain Ducasse vom Pariser "Plaza Athénée".
"So zu kochen macht richtig Spaß", freut sich Richard, der sonst in der "L'Assiette" am Herd steht. Die Enge im "Restaumobile" stört den Koch überhaupt nicht: "Ich habe schon auf Campingplätzen gekocht", sagt er grinsend und schwenkt eine Portion Mangold in blaß-buttriger Béchamelsauce.
Derweil haben sich Nicole und Yves für ihr Doppel-Menü entschieden. "Drei Gänge, Spezialitäten der Ardèche, das sieht gut aus", sagt Yves, der mit seiner Frau "gerne exotisch" Essen geht, viel reist und sich mit Freude an ein gastronomisches Spitzenerlebnis im norddeutschen Lüneburg erinnert. Beim Mittagessen unter dem Eiffelturm ist für das Ehepaar aus Versailles freilich ganz und gar französische Klassik angesagt: "Hier geht es zurück zu den Wurzeln."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Europa | RSS |
| alles zum Thema Frankreich-Reisen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH