Französische Gourmet-Schnäppchen: Genuss im Bus

Von , Paris

In der großen Gourmet-Nation Frankreich verkommen die Sitten. Fast-Food-Ketten sind auf dem Vormarsch, die astronomischen Preise der Spitzenrestaurants können sich Normalbürger nicht leisten. Eine Schnäppchen-Aktion soll jetzt Genießer mit kleinem Budget anlocken.

Gourmet-Festival: Sterneküche zum halben Preis Fotos
Pierre Monetta

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Nicole und Yves Regnard aus Versailles erhielten die Einladung zum Mittagessen am Fuß des Eiffelturms erst am Abend zuvor: Ihr Sohn überreichte ihnen den Gutschein für eine Verkostung bei Spitzenkoch Richard Toix. Jetzt sitzt das Rentnerehepaar nicht im renommierten Pariser Restaurant "L'Assiette", sondern in einem umgebauten Autobus mit hydraulisch ausfahrbaren Seitenteilen. Gut 40 Gedecke sind aufgelegt, die Kellner in schwarzem Anzug manövrieren zwischen engen Stuhlreihen, während der pensionierte Mediziner und seine Ehefrau die Speisekarte inspizieren: "Labmagen im Schmortopf gebraten, Mangold im eigenen Saft, Milchreis mit Vanille".

Sterne-Küche auf Rädern? Der außergewöhnliche Auftritt gehört zu einer Werbewoche für die französische Küche. Denn das "Restaumobile" ist kein bloßes Traiteur-Gefährt oder eine rollende Frittenbude, sondern ein veritabler Fresstempel auf Rädern, mit Küche und 40 Plätzen, bestückt mit einem Starkoch samt Brigade. Schnell waren sämtliche Plätze für die ganze Festival-Woche reserviert.

Klassen-Gesellschaft der Genießer

Gewiss, die kulinarische Tradition der Nation wird weltweit gepriesen und steht bei der Unesco sogar auf der Liste des Kultur-Welterbes. Doch trotz des internationalen Renommees sind die Spitzenleistungen der Gaumenkunst in der Heimat der Feinschmecker nur noch für gut betuchte Bürger erschwinglich. Der Menü-Preis in einer Top-Adresse der Hauptstadt beginnt meist jenseits der Hundert-Euro-Grenze und endet in den ausgezeichneten Restaurants in den Sternen. Und - die Krise lässt grüßen - selbst in Bistros und Brasserien überschreiten die Kosten für ein Abendessen oft das Budget einer Durchschnittsfamilie.

Das hat an den Theken und Tischen der Nation längst eine Klassen-Gesellschaft der Genießer heraufbeschworen. Auf der einen Seite die Liebhaber bodenständiger und bezahlbarer Kost, auf der anderen die Feinschmecker, die es auf raffinierte Kreationen abgesehen haben, die, optisch wie olfaktorisch, den Rang von Kunstwerken erreichen. Und deren Preis. Die Folge: Viele Franzosen kennen ihre Kochlöffel-Stars nur noch aus dem Fernsehen, die Kenntnisse über gute Küche und heimischen Wein verkümmern. Fastfood - man benennt die Ungeheuerlichkeit meist auf Englisch - ist auf dem Vormarsch.

Zur Rettung des guten Geschmacks startet in Frankreich diese Woche daher die Aktion "Tous au restaurant". Unter dem Motto "Ihr Gast ist unser Gast" werden Bürger von den Chefs der großen Restaurants, von jungen Starköchen und gepflegten Traditionsgaststätten zu Tisch gebeten - und von zwei Gästen zahlt jeweils nur einer. Der Koch lädt also den Mitesser zum Menü ein, Vorspeise, Hauptspeise und Dessert eingeschlossen. Nur die Getränke werden extra berechnet.

Schnäppchen-Woche gegen die Krise

Für diesen dritten "Nationalfeiertag der Restaurants" kommen die berühmten Kochmützen ihrer Klientel noch einen Schritt entgegen: In Paris, wo rund 170 Restaurants ihr Menu anbieten - Preise für zwei Personen zwischen 45 Euro (mittags) und 75 Euro (abends) - fährt aus Anlass der kulinarischen Woche nun erstmals jenes "Restaumobile" durch die Stadt, das zum Auftakt am Eiffelturm parkte.

Landesweit sind es fast tausend Häuser, die sich an der Aktion beteiligen. Sie wollen Einheimischen wie Touristen die Freude an der Atmosphäre rund um eine schön gedeckte Tafel nahebringen, jenen Aufwand um den Genuss, der in Frankreich als "Kunst des Tisches" zelebriert wird. Geboten werden klassische Rezepte ebenso wie innovative Kompositionen, exotische Speisen sowie die Spezialitäten aus Frankreichs Regionen: "Tous au restaurant" lädt zu Tisch, damit, so das hehre Ziel der Veranstalter, "das Restaurant mehr als je zum Ort des Teilens, des Entdeckens und des Vergnügens wird".

Dass die Übung in Sinnenfreunden durchaus einen ökonomische Hintergrund hat, wird nicht verschwiegen: Die Krise hat längst die Restaurant-Betriebe der Nation erfasst, einen Wirtschaftszweig mit 50 Milliarden Umsatz 2012 und - bei 600.000 Beschäftigten - der fünftstärkste Arbeitgeber der Nation. Wobei die Spitzenadressen noch am besten abschneiden. "Die Gäste der obersten Kategorie sind nicht weniger geworden", sagt Madame Marcon, deren Ehemann Régis mit Sohn Jacques in Saint-Bonnet-le-Froid (Haute Loire) das Drei-Sterne-Restaurant "La Coulemelle" führen. "Aber die einfache, ländliche Gastronomie, die Bistros der Kleinstädte, erleben einen deutlichen Schwund in der Nachfrage."

Zurück zu den Wurzeln

Die Kampfpreise der einwöchigen Aktion, die noch bis Montag dauert, sollen daher bei den klammen Franzosen wieder die Lust am Restaurantbesuch wecken und die Schwellenangst vor dem Besuch eines renommierten Hauses mindern. "Es handelt sich hierbei um eine durchweg optimistisch angelegtes Ereignis", sagt Laurent Plantier, Generaldirektor des international bekannten Sternekochs Alain Ducasse vom Pariser "Plaza Athénée".

"So zu kochen macht richtig Spaß", freut sich Richard, der sonst in der "L'Assiette" am Herd steht. Die Enge im "Restaumobile" stört den Koch überhaupt nicht: "Ich habe schon auf Campingplätzen gekocht", sagt er grinsend und schwenkt eine Portion Mangold in blaß-buttriger Béchamelsauce.

Derweil haben sich Nicole und Yves für ihr Doppel-Menü entschieden. "Drei Gänge, Spezialitäten der Ardèche, das sieht gut aus", sagt Yves, der mit seiner Frau "gerne exotisch" Essen geht, viel reist und sich mit Freude an ein gastronomisches Spitzenerlebnis im norddeutschen Lüneburg erinnert. Beim Mittagessen unter dem Eiffelturm ist für das Ehepaar aus Versailles freilich ganz und gar französische Klassik angesagt: "Hier geht es zurück zu den Wurzeln."

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1. preise
autocrator 19.09.2012
es muss endlich m,al eine lanze gebrochen werden für die gastro-preise! "astronomisch" sollen die sein??? - eher wohl unterirdisch!!! im artikel ist eigentlich alles angesprochen: spitzen-gastro produziert keine speisen (zwecks ernährung und zum sattwerden), sondern kunstwerke. Und wo auf der welt bekommt man schon einen Monet, Klimt, oder vanGogh für 100 Euro? Dann: kochen ist arbeits- und zeitintensiv. Im nebensatz nur fällt die info, dass eine ganze küchenbrigade, mithin also rund 10 mann, nötig sind, um 40 plätze zu bekochen ... und dann ist der kellner und die putzfrau noch nicht mit dabei. und gut kochen kann man nur mit guten ausgangsprodukten: klar bekomme ich das fischmehlgefütterte turbohähnchen schon für 3,50 € ... so schmeckt es aber dann auch. - Das alles kostet ... incl. miete, edle gläser und geschirr usw.usf. ... das gibt's nunmal nicht umsonst. und zuletzt: jaja: für den urlaub, das neue iPhone, für zigaretten oder den puff ist geld da ... nur für's "gut essen" angeblich nicht. Niemandem soll vorgeschrieben werden, wofür er sein geld ausgibt, bewahre! Aber mit schnäppchenpreis und bus-restaurant, fürchte ich, wird ein prioritätenwechsel nicht stattfinden. Nein, die preise sind nicht astronomisch. strenggenommen ist spitzengastronomie nicht nur preis-wert sondern spottbillig.
2. recht so
Meckerliese 19.09.2012
Meinetwegen können solche Restaurant die ein bisschen Essen für horrende Preise verkaufen alle dicht machen. Das braucht kein Mensch. Irgendwo ist mal eine Grenze erreicht. Oder sie leben halt von den wenigen Reichen die sich das leisten können. Dann aber bitte nicht jammern dass die Gäste ausbleiben.
3. Gute Aktion
Morgenstern064 19.09.2012
Wenn die Speisekarte denn einhält was sie verspricht. In Paris ist es in manchen gastronomischen Betrieben scheinbar Usus den Kunden eine aufgehübschte Tageskarte zu präsentieren. Bei Nachfrage ist das gewünsche gericht zufällig immer wieder 'ausverkauft', auch wenn man relativ früh am Tag/Abend im Lokal speist. Gut Essen ist in frankreich scheinbar ein Roulette-Spiel....
4. Genuss im Alltag
seine-et-marnais 19.09.2012
Zitat von sysopFre¿de¿ric VasseurIn der großen Gourmet-Nation Frankreich verkommen die Sitten. Fastfood-Ketten sind auf dem Vormarsch, die astronomischen Preise der Spitzenrestaurants können sich Normalbürger nicht leisten. Eine Schnäppchen-Aktion soll jetzt Genießer mit kleinem Budget anlocken. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,856533,00.html
Die ausgesprochenen Spitzenrestaurants (welche Küche man darunter auch immer versteht) in denen der Normalbürger mehrere hundert € für ein Essen à la carte und die Getränke bezahlen muss leiden weniger. Da wo gespart wird das sind die Restaurants und Brasserien in denen, in Deutschland würde man wohl sagen, eher gut-bürgerlich gekocht wird. Die haben nämlich in den vergangenen Jahren Konkurrenz bekommen in Form von Restaurantketten, ich spreche nicht von Fastfood und Caféterien in den Einkaufszentren. Wobei in Frankreich sehr oft vor allem die Getränke sehr teuer sind oder auch der anschliessende Café. Darum immer mehr die kostenlose 'Carafe d'eau' um die Rechnung zu begrenzen. Was die Bistros anbetrifft, da ist das Sterben voll im Gange. In den richtigen Bistros (nicht da wo Touristen reingehen) gab es vorher auch nurin der Regel einfache Gerichte, oft nicht einmal übertrieben teuer, aber man bestellte da sowieso eher ein Sandwich. A propos Sandwich, ein reichlich belegtes Sandwich in einer Bäckerei kostete vor 25 Jahren 10 Francs, also etwa 1,50 €, heute kostet ein gleichwertiges Sandwich das Dreifache, dafür ist es aber oft auch kleiner. Im übrigen gibt es in Frankreich, und wie in Deutschland Restaurants mit internationalen Spezialitäten, da ist z Zt 'japanisch' angesagt. Bin mal gespannt auf die nächste 'Tendence', denn die ersten Japaner machen bereits zu. Und wenn man einen Preisvergleich Berlin/Paris macht, ich war vor einiger Zeit in Berlin und da mehr als angenehm von der 'Addition' überrascht.
5.
Methusalixchen 19.09.2012
... lautete einst der Titel eines "Kochseminar der bürgerlichen französischen Küche" untertitelten Büchleins von Wolfram Siebeck. Deshalb gehen wir in Frankreich so gut wie nie in ein Restaurant, denn wir suchen uns immer ein ländliches "Chambre d'hôte", wie Bed and Breakfast auf Französisch heißt, mit "Repas", also Abendessen. Da sitzen wir mit den Gastgebern und anderen Gästen am Tisch und tafeln nach Herzenslust frisch zubereitete regionale Spezialitäten – und das alles inclusive Getränke und bester Unterhaltung für 14 bis 20 EUR pro Person.
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