Bretagne-Wandertour mit Kindern Von der Freiheit, offline zu sein

Kann man das eigentlich? Wandern mit Kindern? Fünf Tage lang? Ohne Geocaching? Ohne Wetter-App? Ein Test auf dem Fernwanderweg GR34 an der Küste der Bretagne.

Arne Ulbricht

Wir sind am vierten Tag unserer Bretagnewanderung von Concarneau bis nach Trévignon gewandert. Eigentlich ist es paradiesisch: Trévignons Spitze ragt ins Meer und sieht aus wie einer jener Orte, der diesem Département seinen Namen gegeben haben könnte: Finistère. Finis terrae. Das Ende der Welt. Wir selbst sind auch am Ende. Denn ich finde das Hotel nicht.

"Papa…, wann sind wir endlich da?"

Meine Tochter, 10, kämpft mit den Tränen. Mist! Genau das hatte ich vermeiden wollen. Die Kinder sollten nicht verzweifelt auf einem Parkplatz herumhängen müssen, weil Papa sich verirrt hat. Mein Sohn, 13, guckt auf die Wanderkarte und wirft mir einen ratlosen Blick zu. Beide Kinder sehen aus, als würden sie bereuen, ein halbes Jahr zuvor auf meine Frage, ob wir drei nicht in der Bretagne wandern gehen wollen, mit einem überschwänglichen "JA!" geantwortet zu haben.

Damals hatte ich sofort angefangen zu organisieren, bevor es sich die Kinder anders überlegen konnte. Das Ziel ist mir schnell klar: südliche Bretagne! Kennen wir im Gegensatz zum nördlichen Küstenabschnitt noch nicht. Und noch etwas ist mir klar: Wir gehen einen Teil des GR34. Die GR-Wanderwege, die Grandes randonnées, gehören in Frankreich zur nationalen Identität.

Ich entscheide mich für den Abschnitt zwischen Pont-l'Abbé und Pont-Aven. Viele Strände. Und spätestens nach 20 Kilometern ist man im nächsten Ort. Ich reserviere Zimmer in Hotels und plane die Etappen so, dass wir nie mehr als 22 Kilometer Fußmarsch zu bewältigen haben. Meine Frau findet das: "Verrückt!" Hm.

Fotostrecke

14  Bilder
GR34 in der Bretagne: Familienwandern im Flow

Verlaufen auf dem ersten Kilometer

Dann ist es auch schon so weit: Meine Tochter packt ihren Kinderrucksack, mein Sohn und ich Wanderrucksäcke. Wir drei haben kein Smartphone, also müssen wir nicht darüber nachdenken, ob wir eins mitnehmen. Aber das Familientablet? Nö. Eine digitale Auszeit könnte uns guttun.

Anstatt eine App herunterzuladen, nehme ich Wanderkarten (Série bleue/IGN) mit. Wir fahren mit dem Thalys nach Paris, mit dem TGV rasen wir nach Quimper, und von dort aus nehmen wir am folgenden Morgen einen Bus nach Pont-l'Abbé.

Kurz, bevor es endgültig losgeht, stelle ich mir nicht zum ersten Mal folgende Fragen: Kann man das eigentlich? Wandern mit Kindern? Fünf Tage lang? Ohne Geocaching? Ohne Nachrichten abzurufen und zu schreiben? Ohne Wetter-App?

Fest steht: Gleich zu Beginn hätten wir mit unseren Smartphones die Google- Maps-Notfallhilfe in Anspruch genommen. Denn wir vollbringen das Kunststück und verlaufen uns gleich auf dem ersten Kilometer. Vor lauter Aufregung sind wir einen Weg entlanggegangen, der zwar wie der gesamte GR weiß-rot gekennzeichnet war. Allerdings mit einem X, und das bedeutet: hier nicht! Letztendlich haben wir unsere eigenen Festplatten und Akkus (Gehirn, Sinne, Muskeln, Ausdauer, usw.) genutzt, um uns zu helfen… und den richtigen Weg gefunden.

Unser erstes Etappenziel ist der Badeort Bénodet, von dort geht es weiter auf die Landzunge Cap Coz. Einen Tag später erreichen wir die Festungsstadt Concarneau, wo wir einen Tag Pause machen, um uns für die finalen Etappen nach Trévignon und Pont-Aven zu stärken.

Wandern im Flow

Wer einen Teil des GR34 geht, der bekommt einen unvergleichlichen Eindruck von der Bretagne. Von den verschlafenen Dörfern im Landesinneren. Von den quirligen Küstenstädten. Von den endlosen Sandstränden. Von den wild-romantischen Buchten. Von der gewaltigen Tide, die ganze Flüsse in spektakuläre Sumpflandschaften verwandelt und jeden Blick aufs Meer zu einem Ereignis macht.

Der Wandertag folgt einem Rhythmus, der für uns zum Ritual wird: Morgens gehen wir nebeneinander und quatschen. Die Suche nach den Wanderzeichen wird zu unserem analogen Geocaching. Und dann geraten wir in einen Flow: Wir marschieren zügig und alles um uns herum löst sich auf.

Nach der Mittagspause sind die Rucksäcke deutlich schwerer, dabei müssten sie doch leichter sein, und der erste Kilometer ist zäh, als wäre man eingerostet. Die letzten Kilometer sind immer die anstrengendsten. Egal ob es auf unserer kürzesten Etappe die Kilometer 16 bis 18 oder auf unserer längsten Etappe die Kilometer 21 bis 23 sind.

Und das ist das Brutale, als wir in Trévignon ankommen: Die "letzten" drei Kilometer sind auf dieser Etappe besonders hart, weil wir durchgehend einen Sandweg mehr stapfen als gehen. Man versinkt knöcheltief. Als wir Trévignon erreichen, erzähle ich blöderweise den Kindern, dass wir da sind, woraufhin sie sich vor Begeisterung abklatschen.

Aber schnell stellen wir fest, dass das, was ich für die Postleitzahl gehalten habe - die Nr. 3585 - die Hausnummer der Straße ist, in der unser Hotel liegt! Wir gehen und gehen, bis ich auf einem Parkplatz aufgebe. Dort sitzen wir, und meiner Tochter sehe ich an, dass ihr "Ich gehe nie wieder wandern"-Moment erreicht ist.

"Bleibt hier…, ich frage jemanden", sage ich schließlich.

Genau -… auch im 21. Jahrhundert kann man andere Menschen ja einfach fragen! Wir müssen noch viel weiter gehen, sagt eine Frau, die in einem Garten Unkraut jätet.

Viel weiter? Ja, viel weiter!

Ich sage es meinen Kindern, und wir schleppen uns noch zwei Kilometer die Straße entlang, obwohl wir nicht mal mehr Kraft für zwei Meter haben. Irgendwann sind wir da. Ein herzliches Ehepaar empfängt uns und klärt uns auf:

"3585 bedeutet: 3585 Meter vom Ortskern entfernt!"

Irgendwann können wir darüber sogar lachen.

Entschleunigen in Wanderstiefeln

Einen Tag später verlassen wir die Küste und erreichen, nachdem uns der GR durch eine verzaubert aussehende Flusslandschaft geführt hat, unser Ziel Pont-Aven.

Und? Kann man mit Kindern wandern? Man kann nicht nur, man sollte unbedingt. Und in unserer hysterischen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft sollte man eine solche Wanderung nutzen, um sein Leben zumindest eine Woche lang zu entschleunigen. Eine digitale Auszeit ist heutzutage vergleichbar mit einem Klosteraufenthalt eines Großstädters vor 30 Jahren.

Ich habe zum Beispiel nie Mails abgerufen und mich geärgert, und mein Sohn hat sich nie verabschiedet, um in einer virtuellen, weit entfernten Galaxie die Bretagne zu vergessen. Wir haben es sogar als eine besondere Art der Freiheit empfunden, nicht ständig das Gefühl zu haben, uns irgendwo einloggen zu müssen.

Gestritten haben wir uns praktisch nie, obwohl zu Hause meistens gleich nach dem Aufstehen die Fetzen fliegen. Warum eigentlich nicht? Vielleicht ist man gerade auf einer Wanderung in höchstem Maße aufeinander angewiesen. Man muss ja weitergehen, und weil man sonst niemanden hat, unterhält man sich eben. Das Gespräch darüber, warum manche Menschen Krebs bekommen und andere nicht, werde ich vermutlich nie vergessen.

Ich glaube, dass ich in dieser Woche mehr mit meinen Kindern geredet habe, als sonst in einem halben Jahr. Und das liegt nicht daran, dass ich sonst nie mit ihnen rede.

Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht,, 45, Lehrer in Teilzeit und Autor, ist oft mit seinen Kindern unterwegs, während seine Frau arbeitet und Geld verdient. In seinem Buch "Mama ist auf Dienstreise" erzählt er, warum ein Rollentausch ein wunderbares Abenteuer ist.
  • www.arneulbricht.de
Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
saskgirl 05.10.2017
1. Geocashing
Beim Geocaching gehts nicht um Geld (cash), sondern um die moderne Form der guten alten Schnitzeljagd... man sucht nach einem 'cache' also nach einem geheimen Versteck...
worldg 05.10.2017
2. Das rächt sich...
Falls jemand ne Anleitung braucht, wie man alleine im Altersheim vor sich hinsiecht, ohne dass die Kinder einen jemals besuchen... s.o. Scherz ;-)
inschinoer 05.10.2017
3.
Schöner Beitrag & Vorstellung wie Offline-Urlaub mit Digital Natives aussehen kann. Trotzdem bitte öfter mal Rechtschreibung "googlen": Geocaching hat mit Cash Nichts zu tun und ist kostenlos :-)
Bernd R. 05.10.2017
4. "Geo-Cashing"?
:-D Gibt's da Geld? ... oder ist etwa "Geocaching" gemeint? Das schreibt man wohl sogar im Englischen zusammen ... und mit "ch" natürlich.
breizh44 05.10.2017
5. Wieder was gelernt
Mir war gar nicht bewußt, daß ich immer ein Stück des GR34 erwandere, wenn ich meinen Hund spazieren führe. Dieser Wanderweg ist insgesamt 1.800 km lang und man kann die gesamte bretonische Küste bis in die wirkliche südliche Bretagne (Loire-Mündung) erwandern. Im Volksmund heißt der Weg "Le chemin des douaniers", zu deutsch der Zöllnerpfad. Man kann sich denken, warum. Bargeld findet man unterwegs kaum, daher ist Geocashing dort weniger angesagt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.