Städtereise Graz Liebenswert altmodisch, aufregend modern

Wien? Schon schön. Aber waren Sie mal in Graz, Österreichs zweitgrößter Stadt? Kommen sollte man mit offenen Augen - und leerem Magen. Hier sind die besten Tipps einer Zugezogenen.

Harry Schiffer

Ein Interview von


Zur Person
  • Katrin Ohlendorf
    Nava Ebrahimi wurde 1978 in Teheran geboren. Als Dreijährige kam sie mit ihren Eltern nach Köln. Seit 2012 wohnt die deutsche Schriftstellerin in Graz. Für ihren Debütroman "Sechzehn Wörter" über das Leben einer deutsch-iranischen Familie erhielt sie im vergangenen Jahr den Österreichischen Buchpreis.

SPIEGEL ONLINE: Der Tourismus boomt in Graz. Seit sieben Jahren in Folge vermeldet die Stadt Besucherrekorde, 2017 kamen mehr als 1,1 Millionen Menschen hierher. Was lieben Sie an Ihrer Stadt?

Ebrahimi: Die Gegensätze. Einerseits finden Sie in Graz viele Renaissancebauten und Barockfassaden, aber nur ein paar Schritte neben der Altstadt steht ein futuristisches Kunsthaus mit rüsselartigen Noppen auf dem Dach. Die Architekten nannten es "friendly alien", und genauso sieht es auch aus: wie ein intergalaktisches Wesen, das in der Altstadt gelandet ist. Es wurde 2003 eröffnet, als Graz Europas Kulturhauptstadt war. Seither wird die Stadt immer vielseitiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?

Ebrahimi: Es gibt klassische Festivals wie die Styriarte und popkulturelle wie das Spring Festival und das Elevate. Daneben existiert eine kleine, aber sehr vitale alternative Szene, die sich beharrlich gegen die starken konservativen Kräfte in der Stadt behauptet. Aus diesen Gegensätzen entsteht eine große Dynamik.

SPIEGEL ONLINE: Wo kann ich die als Besucher besonders spüren?

Ebrahimi: An manchen Stellen ist Graz noch wunderbar altmodisch. Im Zentrum gibt es noch traditionelle Geschäfte für Hutmoden, Gummiwaren oder eine Messer-Feinschleiferei. Und Cafés, die lange nicht mehr renoviert wurden. Wenn der Besitzer in Pension geht, übernehmen oft junge Leute, ändern nicht viel, aber widmen das Ganze um. Das sind dann eigensinnige Läden mit Geschichte und Profil. Etwa das Feinkost Mild in der Stubenberggasse, das Café Wolf in der Annenstraße oder die Kombüse am Rande des Stadtparks. Das war einmal ein typisch österreichischer Würstelstand, jetzt ist es ein kleiner Klub.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den größten Teil Ihres Lebens in deutschen Großstädten verbracht. Was ist anders in Graz?

Ebrahimi: Graz hat knapp 300.000 Einwohner und ein riesiges ländliches Einzugsgebiet bis nach Slowenien hinein. Wien, die nächste Großstadt, ist zwei Stunden Autofahrt entfernt. In Graz leben viele Studenten aus aller Welt - auch sehr viele aus Deutschland. Ich finde, die Stadt hat mehr zu bieten als eine deutsche Stadt vergleichbarer Größe, bleibt dabei aber gemütlich.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Kehrseiten ländlicher Gemächlichkeit?

Ebrahimi: Die Leute sind weniger direkt als in Deutschland, man tauscht viele Höflichkeiten und Geschenke aus, kann aber nie ganz sicher sein, was die Menschen wirklich von einem halten. Und das Straßenbild ist mir zu homogen. Hier leben einige dunkelhäutige Menschen, in der Innenstadt sehe ich welche aber höchstens als Straßenmagazin-Verkäufer. Einen Schwarzen im Businessanzug oder bunt gemischte Teenager-Gruppen auf Shoppingtour, denen man ansieht, dass die Eltern aus verschiedenen Ländern stammen, trifft man hier selten. Daran zeigt sich die Provinzialität der Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Graz-Touristen tummeln sich in der Altstadt, am Schlossberg und auf dem Hauptplatz. Welche Ecken mögen Sie besonders?

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Graz entdecken: Eine Stadt für Genießer

Ebrahimi: Auf der anderen Murseite, zwischen dem Kunsthaus und dem Lendplatz, gibt es eine spannende Gegend. Sie galt früher als "verrufen". In den letzten Jahren hat sich das Viertel in eine alternative Ausgehmeile mit Restaurants und Klubs verwandelt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Adressen gilt es anzusteuern?

Ebrahimi: Auf dem Lendplatz wird im Sommer bei schönem Wetter jeden Mittwoch Lateinamerikanisch getanzt. Nicht weit entfernt ist das Noël. Ein ehemaliger Nachtklub. Dessen kultige Markise, auf der in Großbuchstaben "NIGTH-CLUB" falsch geschrieben steht, hängt immer noch, auch wenn sich innendrin jetzt eine angesagte Bar befindet. Günstig und vor allem Vegetarisches kann man im Viertel auch gut essen, etwa in der Scherbe.

SPIEGEL ONLINE: Und wo kann man richtig steirisch tafeln?

Ebrahimi: Zum Beispiel in der Gerüchteküche in der Nähe des Rechbauerkinos, einem alten Arthouse-Kino in der Nähe des Stadtparks. Traditioneller ist der Steirer am Grieskai. Dort gibt es steirische Tapas, Mini-Portionen, ideal zum Durchprobieren. Für Kulinariker sind die Bauernmärkte ein Muss. Auf dem Kaiser-Josef-Markt nahe der Altstadt bieten die Bauern aus der Umgebung ihre selbsterzeugten Spezialitäten an: Kürbiskernöl, Rote-Rüben-Salat oder hausgemachten Strudel. Beim Rossian kann man nett zu Mittag essen und das Treiben beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Wo treffen sich die alteingesessenen Grazer?

Ebrahimi: Eine Institution ist der Frankowitsch in der Stempfergasse: ein Delikatessengeschäft mit angeschlossenem Café. Er ist berühmt für seine "Brötchen", so nennen die Österreicher Canapés. Es gibt eine große Auswahl an Brötchen, etwa mit Roten Rüben, Beinschinken und Kren oder Forelle. Interessanter finde ich jedoch die anderen Gäste. Hier trifft sich die Noblesse von Graz - und alle, die dazugehören wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wo bringen Sie gerne Gäste unter, wenn nicht bei Ihnen zu Hause?

Ebrahimi: Bis jetzt haben wir noch jeden bei uns untergebracht. Aber das Hotel Wiesler ist sehr schön und perfekt gelegen. Das Hotel Daniel am Hauptbahnhof wartet mit einem spektakulären Zimmer auf, einem Würfel auf dem Dach.

SPIEGEL ONLINE: Woran sollte man nicht vorbeilaufen?

Ebrahimi: Besonders mag ich den Innenhof des Deutschritterhauses in der Sporgasse, einer der bekanntesten Flaniermeilen von Graz. Er ist direkt an der Ecke zur Hofgasse, Hausnummer 22. Man tritt durch einen Torbogen mit einem Malteserkreuz ein und dahinter zwitschern schon die Vögel zwischen alten Arkaden. Gleich gegenüber, auf der anderen Gassenseite, führt eine kleine Treppe zu einer versteckten Kirche hinauf. Am Ende der Sporgasse beginnt der Aufstieg zum Schlossberg. Von oben haben Sie einen wunderbaren Ausblick über die Dächer der Altstadt. Perfekt, um sich vom Sightseeing zu erholen, ist der Burggarten mit der Orangerie. Ein wirklich friedlicher Ort.

SPIEGEL ONLINE: Graz ist umgeben von Bergen, Weinbaugebieten und Thermen. Welchen Ausflug empfehlen Sie besonders?

Ebrahimi: Die Südsteiermark ist nur eine Dreiviertelstunde entfernt. Hier kann man wunderbar durch die Weinberge und über die grüne Grenze nach Slowenien wandern: zum Beispiel durch die Heiligengeistklamm hoch zur Kirche Sveti Duh. Die Strecke dauert etwa drei Stunden und beginnt bei der Spitzmühle in Leutschach auf etwa 400 Metern Höhe. Von oben hat man eine wunderschöne Aussicht auf beide Länder. Auf dem Rückweg kann man in einer der Buschenschanken einkehren, die ihren eigenen Wein, Hausgeselchtes oder selbstgebackene Mehlspeisen servieren. Die Steirer sind durch und durch Genießer.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
MikeRubato 09.08.2018
1. Die Leute in der Innenstadt sind zu homogen ...
... zu wenig Dunkelhäutige, zu wenig Schwarze im Businessanzug, schreibt die Autorin. Ein Zeichen von Provinzialität sei das. Kann man so sehen. Könnte aber auch umgekehrter Rassismus sein, MeTwo lässt grüßen. Österreich ist aber seit Jahrhunderten genau dieser Bevölkerung geprägt. Ein Zeichen, dass man die Stadt nicht von Fremden übernehmen lässt, so könnte man es auch sehen. Denn: Die paar wenigen Dunkelhäutigen und Schwarzen im Businessanzug, die man braucht, um internationale Geschäfte zu machen und neue Ideen, kulinarisch wie akademisch, in die Stadt zu bringen, die werden schon da sein, keine Sorge. Alles, was darüber hinaus geht, ist Ansichtssache, und wenn ich auf Österreichische Wahlergebnisse schaue, gefällt es den Grazern wohl so. Vielleicht ein Vorbild für die Nachbarstaaaten, wer weiß?
abocado 09.08.2018
2. Keine Reise wert
Wir waren dort. Haben auch übernachtet. Innenstadt, oben auf dem Berg mit der Seilbahn, die Treppen wieder runter. Waren auch in einem historischen Restaurant essen. Naja. Ein paar wenige nette Motive. Nichts besonderes. Von oben wirkt Graz nicht schön. Verbaut und städtisch aber nicht anheimelnd oder irgendwie besonders. Eine Stadt wie tausend andere, einfach zum benutzen oder vergessen.
Mach999 09.08.2018
3.
Zitat von MikeRubato... zu wenig Dunkelhäutige, zu wenig Schwarze im Businessanzug, schreibt die Autorin. Ein Zeichen von Provinzialität sei das. Kann man so sehen. Könnte aber auch umgekehrter Rassismus sein, MeTwo lässt grüßen. Österreich ist aber seit Jahrhunderten genau dieser Bevölkerung geprägt. Ein Zeichen, dass man die Stadt nicht von Fremden übernehmen lässt, so könnte man es auch sehen. Denn: Die paar wenigen Dunkelhäutigen und Schwarzen im Businessanzug, die man braucht, um internationale Geschäfte zu machen und neue Ideen, kulinarisch wie akademisch, in die Stadt zu bringen, die werden schon da sein, keine Sorge. Alles, was darüber hinaus geht, ist Ansichtssache, und wenn ich auf Österreichische Wahlergebnisse schaue, gefällt es den Grazern wohl so. Vielleicht ein Vorbild für die Nachbarstaaaten, wer weiß?
"Ein Zeichen, dass man die Stadt nicht von Fremden übernehmen lässt, so könnte man es auch sehen." Dunkelhäutige sind also automatisch Fremde und lediglich für internationale Geschäfte in der Stadt? Auch noch in der 2., 3., 4. Generation? Sie brauchen gar nicht von "umgekehrtem Rassismus" zu reden, solange Sie ihren eigenen Rassismus noch nicht einmal erkennen. #2: Ansonsten ist Graz aber wirklich eine der attraktivsten Städte, die ich kenne. Man muss sich nur Zeit nehmen und nicht einmal schnell auf den Schlossberg hochfahren, die Treppe runterhetzen und Fotomotive suchen. Die Lebensqualität einer Stadt kann man so nicht erkennen.
santoku03 09.08.2018
4.
Zitat von abocadoWir waren dort. Haben auch übernachtet. Innenstadt, oben auf dem Berg mit der Seilbahn, die Treppen wieder runter. Waren auch in einem historischen Restaurant essen. Naja. Ein paar wenige nette Motive. Nichts besonderes. Von oben wirkt Graz nicht schön. Verbaut und städtisch aber nicht anheimelnd oder irgendwie besonders. Eine Stadt wie tausend andere, einfach zum benutzen oder vergessen.
Danke für diesen Beitrag: Ich weiß schon, wie Sie das meinen. Auch ich würde mir wünschen, dass Graz mein persönlicher Geheimtip bleibt und nicht von hippen Instagrammern überrannt wird. Habe mich schon sehr erschrocken, als ich diesen Artikel las und das Schlimmste befürchtet. Gruselig, dass Menschen bereit sind, alles Schöne zu opfern, um ein paar Kröten mit einem Artikel zu verdienen.
projektraum 09.08.2018
5. Cafe Wolf
ist ok- leider aber (mir) zu verraucht :(
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