Griechenlands Müllproblem Blaue Flagge über leerer Öldose

Blaues Wasser, weiße Häuser, wolkenloser Himmel - und davor qualmende Müllkippen. Griechenland offenbart jenseits der Touristenorte und außerhalb der Hochsaison ein massives Abfallproblem.

Von Reinhild Haacker


Der Spaziergang am Strand von Niforeika im Norden des Peleponnes ist kein wirklicher Genuss: leere Motoröl-Dosen, ausgekippte, überfüllte oder abgerissene Mülleimer - und überall Plastikflaschen. So weit das Auge reicht, glitzern sie in der warmen Sonne, mal in großen Haufen gemeinsam mit anderem Unrat, mal dezent versteckt zwischen Sträuchern und verdorrtem Gras. Brandgeruch liegt in der Luft. Immer wieder trifft man auf kleine schwelende Feuer, mit denen sich die Bewohner von sperrigen Styropor-Verpackungen, Plastikmüll und anderem Unrat entledigen.

"Im Sommer ist es schöner hier, dann räumen sie auch auf. Zu dieser Jahreszeit nicht mehr", sagt Panaiotis. Der 36-Jährige, der im Hotel "Achaios" als Nachtwächter arbeitet, ist zufrieden mit seinem Land, in dem sie nicht so der Arbeit hinterherhetzen wie in Deutschland. Zur griechischen Kultur, wie er es nennt, gehört aber auch: "Wir werfen die Flaschen eben einfach nach draußen. Es kümmert uns nicht, es ist halt so hier. Das ist unsere Kultur. Die Alten haben das gemacht, und die Jungen auch." Und er betont dann noch mal: "Wenn Sie länger im Land leben würden, würden Sie das verstehen."

In Griechenland stellen die wilden Müllkippen ein brennendes Problem dar: Im Jahr 1997 wurden insgesamt 6500 wilde Abladeplätze gezählt, immerhin schrumpfte die Zahl innerhalb von fünf Jahren auf 1482, wie die Europäische Umweltagentur EEA mitteilt. Bis zum Ende des Jahres 2008 sollen die illegalen Müllabladeplätze ganz verschwunden sein. Allerdings: "Griechenlands Anteil an Wiederverwertung gehört aktuell zu den niedrigsten in der EU, und die Abhängigkeit von der Deponierung gehört zu den höchsten", sagt Jane Feehan, Projektleiterin für die Analyse von Umweltstrategien bei der EEA. Für kommunale Bioabfälle gebe es derzeit keinerlei Trennkonzept. "In Anbetracht der Menge von biologisch abbaubarem Hausmüll, der auf den Deponien landet, bedarf dies einer dringenden Verbesserung", sagt Feehan.

Perfekte Straßen zwischen Müllfeuern

Für einige Urlauber, die Mitte Oktober ihre Ferien im Hotel "Achaios" verbringen, hat die Umgebung den Urlaubsspaß gehörig verhagelt. "Das ist eklig", lautet die Meinung eines Ehepaars aus Hamburg zur Umgebung des Hotels. Als langjährige Griechenland-Fans haben sie zwar schon des Öfteren Müll im Hinterland gesehen, "aber die Strände waren zumindest sauber". An der Hotelanlage, wo sich alle nach ihren Möglichkeiten um die deutschen All-inclusive-Gäste bemühen, gibt es wenig auszusetzen. Die Bediensteten freuen sich, wenn sie helfen können, und empfehlen den Urlaubern, sich einen Mietwagen zu nehmen und lieber an einen der schönen Sandstrände zu fahren.

Unterwegs bietet sich an den Straßen ein wenig attraktiveres Bild: verrostete Autowracks, ein Haufen brennender Reifen und immer wieder kleine Müllfeuer. Die Straßen selbst hingegen sind in einem perfekten Zustand. Schilder mit dem EU-Symbol machen öffentlich, dass eine starke Gemeinschaft hier viel Gutes vollbringt. Viele Millionen Euro flossen bereits in Straßen-, Brücken- und Eisenbahnbauprojekte, um die griechische Infrastruktur zu verbessern. Für den Bau von drei Autobahnen gibt Brüssel in den nächsten sieben Jahren 330 Millionen Euro.

In Sachen Umweltschutz befindet sich das EU-Land in einem langsamen Umorientierungsprozess. Inzwischen sind viele Hausdächer mit Solaranlagen zur Warmwasserbereitung bestückt. Was Mülltrennung, Pfandsysteme und Wiederverwertung aber betrifft, steckt das Land noch in den Kinderschuhen. Zumindest gibt es erste Bemühungen der Regierung, das Bewusstsein für den Umweltschutz und Müllvermeidung zu stärken: Schulklassen ziehen los und reinigen Wälder und Strände von Schutt und Müll. Auch die großen Reiseveranstalter üben Druck aus: Der auf Griechenland spezialisierte Reiseveranstalter Attika versucht auf Hotels einzuwirken, keine Einwegverpackungen mehr fürs Frühstück zu verwenden.

Engagiert, aber gelassen

Der Trend zum Urlaub in Griechenland ist vor allem dank einer guten Fluganbindung ungebrochen. Mehr als zwei Millionen Deutsche besuchen jährlich das Land mit den unzähligen Inseln und wertvollen kulturhistorischen Stätten. Die Zahl der deutschen Urlauber nahm im vergangenen Jahr nur leicht ab, wie das Europäische Institut für Tourismus in Trier herausfand. 2,5 Prozent aller Urlauber fahren nach Griechenland, das auch wegen der vergleichsweise günstigen Urlaubsangebote beliebt ist.

Beschwerden über verschmutzte Strände erhält das griechische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt immer seltener, wie Sprecherin Marie-Luise Arnakis sagt. Es gebe allerdings durchaus immer wieder "regionale Unzulänglichkeiten", aber die gebe es in Deutschland schließlich auch. Beschwerden von Touristen würden in Athen ernst genommen. Arnakis: "Wir sind dem Ministerium für Tourismus unterstellt und leiten Hinweise direkt an die Hauptzentrale in Athen weiter. Die Regionen werden dann angewiesen, die Unzulänglichkeiten zu beheben." Nach ihrer persönlichen Erfahrung sind die Griechen durchaus engagiert, sagt Arnakis. Allerdings kennzeichne sie ein eher gelassener Umgang mit der Zeit.

Viel Geduld beweist Griechenland auch bei der Einhaltung von EU-Richtlinien: Zurzeit laufen gegen Griechenland 28 Verfahren wegen Verstößen gegen Umweltauflagen. Der Fall einer illegalen Müllkippe auf der Insel Kreta landete sogar vor dem Europäischen Gerichtshof, nachdem Griechenland alle Aufforderungen hartnäckig ignoriert hatte, sie zu beseitigen. Es folgte eine saftige Strafe von 4,7 Millionen Euro, auch wegen eines nicht vorhandenen Müllentsorgungskonzepts.

Attraktive Strände, aber vermüllt

Wilde Müllkippen, Kühlschränke auf Deponien, Belastung von Boden und Abwasser durch Industrieabfälle und ein fehlendes Abfallentsorgungskonzept: Mit diesen Problemen in Griechenland beschäftigt sich die EU-Kommission immer wieder. Allerdings gebe es auch in anderen Ländern wie Irland, Italien, Frankreich und Spanien massive Probleme, betont das EU-Umweltkommissariat. In Griechenland gebe es grundsätzlich eine hohe Sensibilität in Sachen Umweltschutz, erklärt Sprecherin Barbara Helfferich, dies werde durch Umfragen immer wieder gezeigt.

Was die Zahl attraktiver Strände betrifft, nimmt das Land einen Spitzenplatz in Europa ein. Mit 430 Stränden und neun Häfen liegt Griechenland hinter Spanien an Platz zwei der aktuellen Rangliste der Vergabe der "blauen Flagge". Mit diesem Markenzeichen werden weltweit die Strände ausgezeichnet, die besonders sauber sind, einen sorgsamen Umgang mit der Natur nachweisen und über eine hohe Wasserqualität verfügen. Auch der Strand von Niforeika im Bereich Achaia gehört dazu.

Stolz weht die blaue Flagge im Wind, darunter informiert ein großes Schild über die Schönheiten dieses Fleckchens Erde. Der Schutt, der Müll, die verwahrlosten Strandbars und die unzähligen leeren Flaschen und Öldosen sind darin freilich nicht erwähnt.



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