Griechischer Musikstil Rembetiko: Schunkel-Blues der Gangster

Aus Thessaloniki berichtet

In Haschisch-Höhlen und Gefängnissen entstand in Griechenland eine einzigartige Musik: der Rembetiko. Die Songs handeln von Liebe und Leid, vom Knast und von Drogen - wer sie in ihrer authentischen Form erleben will, entdeckt in düsteren Seitenstraßen-Spelunken die Seele des Landes.

Rembetiko: Griechiescher Blues Fotos
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Das Tombourlika hat geschlossen, und Vangelis kann sich kaum halten vor Lachen. Er deutet auf den handgeschriebenen Zettel hinter einem der Fenster des Lokals. "48 Stunden Generalstreik", steht darauf. "Das ist so typisch Rembetiko, immer protestieren gegen die Obrigkeit", gluckst der 22-Jährige.

Es ist Dienstagabend in Thessaloniki, und typisch Rembetiko ist auch die Umgebung der Musikkneipe: Eine Leuchtreklame verweist auf ein Striplokal, der alte Frachthafen ist gleich um die Ecke, hinter einer Säule flötet eine beleibte Hure ihren Lockruf durch die warme Großstadtnacht.

Vangelis Oikonomidis, Fünftagebart, rötliche Löwenmähne, Designerbrille, studiert Internationale Beziehungen an der Universität von Mazedonien und liebt den Rembetiko: Griechenlands traditionelle Musik, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Thessaloniki und Athen für jede Menge Furore sorgte - und für jede Menge Verhaftungen. Denn die Texte waren vulgär, sozialkritisch und häufig drogenverherrlichend. In den dreißiger Jahren wurde der Rembetiko unter der Metaxas-Diktatur sogar verboten.

"Die Tekedes, die Haschisch-Höhlen von damals, wirst du hier heute nicht mehr finden", sagt Vangelis, und es klingt ein bisschen wehmütig. Die Anfänge des häufig als "griechischer Blues" bezeichneten Rembetiko gehen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Doch die Hochzeit dieser Musik begann im Jahr 1922 mit einem weltgeschichtlich einmaligen Bevölkerungsaustausch. Nach dem Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs mussten mehr als 1,2 Millionen orthodoxe Griechen raus aus der Türkei, die mit der Rückeroberung von Smyrna, dem heutigen Izmir, den Konflikt für sich entschieden hatte. Gleichzeitig verließen 500.000 türkischstämmige Einwohner Griechenland.

Liebe, Drogen, Gefängnis

Für die Neuankömmlinge, die nun in Athen, Piräus und Thessaloniki nach Arbeit suchten, war der Anfang hart. Die meisten fanden keinen Job, konnten sich bestenfalls als Tagelöhner durchschlagen. Und viele tauchten ab in ein Milieu von Kleinkriminalität, Prostitution und Drogen. Und Musik: Sie war ein Ventil, sie bedeutete Ausbruch und Therapie.

Begleitet von Zupfinstrumenten wie der rundbauchigen Bouzouki und der kleineren Baglamas erzählten die Musiker vom Gangster- und Gefängnisalltag, von der großen Liebe, von Haschisch und Heroin. Die Baglamas war besonders praktisch, weil sie sich problemlos unter dem Mantel verstecken ließ, wenn ein Polizist kam.

Was heute in den USA Snoop Dogg und Ice-T sind, waren im Griechenland der dreißiger Jahre Männer mit Schnurrbart wie Markos Vamvakaris und Giannis Papaioannou. Sie schrieben einige der großen Klassiker des Genres, die bis heute jeder Grieche kennt, etwa "Ase Me, Ase Me" ("Verlasse mich, verlasse mich") oder "Frangosyriani". Später entwickelte sich aus Elementen des Rembetiko eingängiger Hoch-das-Bein-Pop der Marke "Alexis Sorbas", den heute viele als den typischen Griechenland-Sound wahrnehmen.

Wie kommt ein 22-Jähriger dazu, sich so für die Musik der zwanziger und dreißiger Jahre zu begeistern, dass er ständig zu Konzerten geht? "Den Rembetiko liebe ich, weil er auch meine eigene Familiengeschichte widerspiegelt", sagt Vangelis. Einige seiner Urgroßeltern stammen aus Bursa, andere von der türkischen Schwarzmeerküste.

Leider ist heute auch das Prigipessa geschlossen, einer seiner Lieblingsclubs. In den Kneipen in der Altstadt, die sich um die Ruinen der alten Stadtmauer verteilen, wird heute ebenfalls keine Live-Musik gespielt. Es ist gar nicht so einfach, dem Rembetiko auf die Spur zu kommen, selbst im für sein Nachtleben berühmten Thessaloniki. "Im Sommer gibt es viel weniger Konzerte als im Winter", erklärt Vangelis und empfiehlt, am Freitag noch einmal herzukommen.

Nächster Versuch: Per Taxi in die Altstadt

Der Freitagabend beginnt mit einem höchst miesepetrigen Taxifahrer. Er hat eine Zeitlang in Bayern gelebt und spricht fließend Deutsch. Die sieben Minuten Fahrzeit in die Altstadt genügen ihm, um über Europa, die "Bild"-Zeitung, die "FAZ", den Papst, die Türken, Angela Merkel sowie die Fahrerin vor ihm zu schimpfen. Sein Land steckt in einer Staatskrise, es gibt hier zurzeit viele wütende und enttäuschte Menschen wie ihn. Man braucht kein Instrument, um den Blues zu haben.

In der Altstadt sind aus mehreren hell erleuchteten Bars Bouzouki-Klänge zu hören, von der alten Stadtmauer hallen die Töne wider. Im Sta Kastra sitzen zwei Männer mit Gitarre und Bouzouki hinter einem Notenständer und singen das Liebeslied "Frangosyriani".

"Ich habe ein Feuer, eine Flamme in meinem Herz - als ob du mich verzaubert hast, Frangosyriani", schmachtet der weißhaarige Sänger an der Gitarre. Deutlich sind die orientalischen Einflüsse der Rembetiko-Musik auszumachen: Die leiernd gesungenen Melodien, die schmachtende Melancholie könnte man sich auch in einer Shisha-Bar in Istanbul oder Izmir vorstellen. Es gibt eine simple Wahrheit, die viele Griechen nicht so gern hören über ihr nationales Musikerbe: "Die Rembetiko-Rhythmen und -Tänze stammen aus dem Gebiet der heutigen Türkei", schreibt Kulturexperte Elias Petropoulos in seinem Buch über den Rembetiko.

Voll und tief sind die Stimmen der Musiker, sie legen ein schwungvolles Programm hin - doch große Emotionen kommen nicht rüber im hellen Licht der Kneipe. Also zurück in Richtung Innenstadt, zum Prigipessa, das sehr versteckt in einer Seitenstraße in der Nähe des berühmten Weißen Turms liegt.

Hektisches Gezupfe, lässiger Gesang

Die Luft ist schwer von Rauch und Weingeruch, auf den Tischen der Gäste ist kaum noch Platz vor lauter Whiskygläsern, Weinflaschen und Snack-Tellern mit Gurken, Oliven und Salzzeug. Und drei Männer in Jeans und T-Shirt geben auf der kleinen Bühne alles.

Mit etwa 40 Zuschauern ist der wohnzimmergroße Laden gegen ein Uhr nachts gut gefüllt. Um rosafarbene Tischdecken sitzen vielfach mehrere Generationen zusammen. "Ein Rembetiko-Abend ist perfekt für die ganze Familie, weil alle die Songs lieben", erklärt die Studentin Stella Kerasidou. Wie zum Beweis singt die halbe Kneipe das nächste Lied "Malista Kirie" mit.

Auf der Bühne gibt es eine klare Rollenverteilung: Gitarrist Dimitris Sphiggos ist für den rhythmischen Unterbau zuständig, auf dem sich der Bouzouki-Spieler Christos Mitrentzis austoben darf. Konzentriert beobachtet der den Galopp seiner Finger auf dem Griffbrett, die Plektrumhand scheppert im Irrsinnstempo über die Saiten. Wenn ein Song mal weniger Virtuosität verlangt, raucht er beim Spielen eine Zigarette, die dann im Takt auf und ab wippt. Sänger Dimitris Domenikiotis sitzt zwischen den beiden auf seinem Barhocker, eine Hand am Mikro, die andere auf dem Oberschenkel, und ist die Lässigkeit in Person. Egal, wie wild die beiden anderen ihre Instrumente bearbeiten, der Gesang ist immer der ruhende Pol bei dieser Musik.

Der Rhythmus-Mann, der Tempo-Freak und der Relaxte: Mit perfektem Zusammenspiel begeistern die drei die Zuhörer. Plötzlich deutet Stella auf einen Gast vorne links in der Ecke, der kräftig applaudiert: "Wahnsinn, das ist Basilis Papakonstantinou, ein berühmter Popsänger von hier - als Teenager hatte ich die ganze Wand voller Poster von ihm!"

Papakonstaninou schreibt gefällige Songs für die Massen. Tausende kommen zu seinen Konzerten. So wie er packen auch Rembetiko-Musiker gern eine große Schippe Schmalz in ihre Lieder, die kitschig und schunkeltauglich sein können. Trotzdem ist ihre Musik, häufig im 9/8-Takt gespielt, zu sperrig für einen größeren Markt, sie feiert keine weltweiten Erfolge wie Argentiniens Tango oder Spaniens Flamenco.

Sie versteckt sich lieber in den dunklen Seitenstraßen der Stadt, wo kaum Touristen hinkommen: Der echte griechische Blues gehört den Griechen noch ganz allein.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Rembetiko
tijeras 27.07.2011
http://www.youtube.com/watch?v=HBqzGuNZrlg&feature=related Schöner Film von Costas Ferris, 1983.
2. Klasse Lied von Stelios Kazantzidis
organized confusion 27.07.2011
http://www.youtube.com/watch?v=SOcWlHENcH4 wurde in der zweiten Staffel von "the Wire" in der Endmontage genutzt.
3. Schnulzensänger
elserpico 27.07.2011
Die Aussage, dass der im Text genannte Rockmusiker Papakonstantinou ein "Schnulzensänger" sei, ist so nicht korrekt. Papakonstantinou wurde bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Theodorakis und seine politischen Lieder in den 70ern. Mehr als 90% seiner Lieder, sind Texte bekannter Dichter der Moderne, darunter auch ausländische wie Wolf Biermann und Bertolt Brecht !!! Seine Spezialität ist, das Ganze in einen griechischen Rock zu verpacken.
4. Viele Fehler in Artikel
goaly1979 27.07.2011
Vassilis Papakonstantinou als Schnulzensänger zu bezeichnet grenzt an Frevel! Papakonstantinou wird der Springsteen Griechenlandsa genannt. Er hat Lieder von de Bourgh, Cockney Rebel u. A. ins griechische Adaptiert. Das Rotlichtviertel in Thessaloniki befindet sich auch schon lange nicht mehr am Hafen.
5. Rebetiko-Lieder aus Izmir und Istanbul
Yabanci Unsur 27.07.2011
„’Die Rembetiko-Rhythmen und -Tänze stammen aus dem Gebiet der heutigen Türkei’, schreibt Kulturexperte Elias Petropoulos in seinem Buch über den Rembetiko.“ Von ihm stammt wohl auch die Anekdote: „Die Baglamas war besonders praktisch, weil sie sich problemlos unter dem Mantel verstecken ließ, wenn ein Polizist kam.“ (Baglama ist übrigens ein türkisches Wort.) http://en.wikipedia.org/wiki/Rebetiko “... a smaller version of the bouzouki, very portable, easy to make in prison and easy to hide from the police…” Wen alte Aufnahmen aus der Heimat des Rebetiko interessieren, findet sie bei Google unter dem Stichwort “izmir ve istanbul'dan yillanmis sarkilar” – mit Download-Möglichkeit.
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Hochsaison ist von Mitte Juni bis Ende August. Im Frühling und Herbst sind dagegen weniger Touristen unterwegs und die Temperaturen angenehmer. Über den Winter schließen viele Hotels, Restaurant und Cafés, besonders auf den Inseln. Auch Fähren und Busse verkehren dann nur noch eingeschränkt.

Einreiseinfos und Zeitzonen
Deutsche Staatsbürger brauchen für die Einreise nur einen gültigen Personalausweis oder Reisepass - wer nicht länger als drei Monate bleibt, muss keine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Griechenland gehört zur osteuropäischen Zeitzone, dort ist es also eine Stunde später als in Deutschland - im Sommer wie im Winter.
Highlights
Sehenswerte Städte sind zum Beispiel Athen mit der Akropolis oder die lebhafte Hafenstadt Thessaloniki. Auch die Ruinen des sagenumwobenen Delphi und das antike Olympia sind einen Besuch wert. Die meisten Urlauber zieht es zum Baden oder Wandern auf die griechischen Inseln. Besonders beliebt sind Kreta, Rhodos und die Kykladen, zu denen Naxos und Santorin gehören.
Festivals und Veranstaltungen
Ein kultureller Höhepunkt ist das "Hellenische Festival" in Athen und Epidaurus: Von Juni bis August stehen internationale Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen auf dem Programm (www.greekfestival.gr). Auch auf den Inseln lohnen einige Veranstaltungen einen Besuch: das Weinfest im kretischen Rethymnon etwa, das Sardinenfestival in Skala Kalloni auf Lesbos oder das Rockfestival in Ireon auf Samos.
Reiseinfos
Einen guten Überblick bietet die Internetseite der Kanadischen Tourismus-Kommission www.visitgreece.gr. Informationen speziell zur Hauptstadt Athen gibt es unter www.breathtakingathens.com.
Anreise und Transport
Zahlreiche Fluglinien bieten Direktflüge nach Griechenland an, zum Beispiel von Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf. Zwischen dem griechischen Festland und den einzelnen Inseln verkehren regelmäßig Fährschiffe.