Riesen-Marktplatz in Istanbul: Wenn der Basar bröckelt

Von , Istanbul

Steht einer der berühmtesten Basare der Welt kurz vor dem Einsturz? Händler auf Istanbuls riesigem Marktplatz Kapali Carsi widersprechen den Alarmmeldungen der Verwaltung. Sie fühlen sich als Opfer einer Kampagne. Doch manche Schäden lassen sich kaum noch übersehen.

Istanbul: Viel Trara um den Basar Fotos
Hasnain Kazim

Ein uraltes Labyrinth ist dieser Große Basar in Istanbul. Von den gewölbten Decken bröckelt der Putz, an vielen Stellen ist Farbe abgeplatzt, die bunten Muster müssten dringend neu gemalt werden. "Ist schon lange her, dass was gemacht wurde", sagt Tuchhändler Mehmet. "Vielleicht dreißig, vierzig Jahre."

Es wäre dringend nötig, dass das Jahrhunderte alte Geschäftsviertel saniert wird, denn die Markhallen, eine der großen Touristenattraktionen von Istanbul, durch die täglich Zehntausende Menschen schlendern, drohen zu verfallen. Davor jedenfalls warnt die Geschäftsleitung des Basars. Viele Händler, lautet der Vorwurf, würden eigenmächtig Wände aushöhlen, um ihre Verkaufsfläche zu vergrößern. In mehreren Fällen sollen sie sogar Mauern durchbrochen sowie illegal Kellerräume ausgehoben haben. Darunter leide die Stabilität der Gebäude.

Eine Untersuchung im Auftrag der Marktleitung ergab in Detail, dass 135 Geschäfte Wände entfernt und 926 Händler die Mauern dünner gemacht hätten, um mehr Platz für ihre Waren zu haben. Zudem seien auch die Dächer instabil, da auf ihnen das Gewicht von immer mehr Klimaanlagen, Wassertanks und Satellitenschüsseln laste. Die verantwortlichen Händler, berichtete kürzlich die türkische Zeitung "Zaman", müssten mit Strafen rechnen.

Die Untersuchung liest sich, als drohten die Gewölbe in Eminönü, dem alten europäischen Teil der Stadt, einzustürzen. Als sei jener Basar, in dem seit mehr als einem halben Jahrtausend gefeilscht und gehandelt, getratscht und Tee getrunken wird, in seiner Existenz bedroht, wenn nicht bald etwas geschehe.

"In Wahrheit geht es darum, wer bezahlen soll"

Mehmet, Tuchhändler in dritter Generation, steht vor seinen Regalen voller Saunahandtücher und winkt ab. "Das ist Unsinn. Ja, es wird Zeit, dass etwas getan wird. Aber hier stürzt nichts von heute auf morgen ein." Nebenan hat Aydin sein Geschäft, auch er handelt mit Tüchern aus Baumwolle und traditionellen Utensilien für den Hamam. Und auch er glaubt nicht an eine bevorstehende Katastrophe. "In Wahrheit geht es doch darum, wer die Sanierung bezahlen soll", sagt er. Es gehe darum, die Händler unter Druck zu setzen. "Ich sehe nicht ein, dass wir die Kosten alleine tragen sollen."

Das Problem sind die verworrenen Besitzverhältnisse. Manche Geschäftsräume gehören den Händlern, andere der Stadt, wieder andere dem Staat oder Stiftungen. "Die Stadt selbst hat außerdem selbst dazu beigetragen, dass hier alles verfällt", sagt Aydin. So habe sie vor Jahren den Dachbelag entfernen lassen, weil angeblich Blei darin enthalten war, und ihn durch Dachpfannen ersetzen lassen. "Jetzt ist es feucht in den Hallen, immer wieder kommt es zu Kurzschlüssen", klagt der Geschäftsmann.

Es bleibe nur bei Androhungen von Strafen und Ankündigungen von Sanierungsarbeiten, behaupten mehrere Verkäufer. "Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren hier", sagt ein älterer Herr, der mit Pfeifen aus Anatolien handelt. "Wie oft habe ich schon gehört, dass die Markthallen bald zusammenbrechen? Wie oft wurde schon angedroht, dass illegale Anbauten entfernt werden? Nie ist etwas geschehen." Eine Gefahr sehe er allerdings doch: "Sollte es je wieder zu einem schweren Erdbeben kommen, wie Istanbul sie schon häufiger erlebt hat, bricht hier wirklich alles zusammen."

Antiquitäten und Schrott

Andere verweisen auf die lange Geschichte des Basars, darauf, dass er noch jedes Beben, jedes Feuer, jede politische Krise überlebt habe. Sultan Mehmet II. ließ die erste Markthalle 1461 erbauen, nach der Eroberung Konstantinopels. Im Laufe der Jahrhunderte kamen immer mehr hinzu, bis der Basar irgendwann als der größte überdachte Markt der Welt galt. Kapali Carsi nennen ihn die Türken, "überdachter Markt" bedeutet das wörtlich. Händler und Mitglieder der Basarvereinigung sprechen von bis zu 4000 Geschäften in 64 Straßen und Gassen und von 20.000 bis 25.000 Menschen, die hier arbeiten.

Früher war der Markt Treffpunkt der Einheimischen, Ort der Begegnung nach dem Besuch der umliegenden Moscheen und natürlich Handelsplatz, wo Kaufleute Gold, Edelsteine und feine Stoffe anboten. Mit fortschreitender Zeit kamen immer mehr Händler dazu. Mittlerweile gibt es hier eine große Bandbreite an Waren: von Antiquitäten und vermeintlichen Antiquitäten über Lampen, Wasserpfeifen und Teppiche bis hin zu Möbeln, Kalligrafien und Büchern. "Leider auch viel Schrott", sagt Aydin. "Billige Klamotten aus Fernost und Plastikspielzeug." Es gibt Banken, Wechselstuben, Tee- und Kaffeehäuser, eine Polizei und eine Post.

"Touristen sind längst der wichtigste Wirtschaftsfaktor für uns", sagt Mehmet. An den ausländischen Besuchern verdienen die Händler gut, auch weil in allen Reiseführern steht, man müsse auf dem Basar handeln. Als Tipp wird genannt, man solle sich nicht schämen, anfangs nur einen Drittel des gebotenen Preises anzubieten, um sich am Ende auf die Hälfte der ursprünglich geforderten Summe zu einigen. Weil die Händler das wissen, fordern sie von vornherein Mondpreise. Kommt es zum Kauf, sind beide Seiten glücklich: der Tourist, weil er glaubt, dank seiner Handelskünste ein Schnäppchen gemacht zu haben, und der Händler, weil er einen Reibach macht.

Die Meldung, die Hallen drohten einzustürzen, gefährde deshalb ihre wirtschaftliche Grundlage, sagen viele Händler. "Am Ende kommen die Touristen nicht mehr, weil sie Angst haben", fürchtet Mehmet.

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1. Fuer solcherlei Fragen gibt es ...
Worldwatch 26.08.2013
... unabhaengige Gutachter (Baustatiker). Die sind von den -jeweiligen- Eigentuemern an den Gebaeuden/Gebaeudeteilen fuer deren Dienste zu bezahlen. [Ohne tuerk. Baurecht und Baueigentuemerpflichten zu kennen, sollte dies bereits im eigenen (auch Wirtschafts-)Interesse geschehen. -Nur "melken" geht nicht, ohne auch zu "fuettern".] Das aber Gebaeude, einmal errichtet, fuer immer und ewig halten, glauben wohl auch Eigentuemer wie Mieter&Paechter nicht. Insb. wenn dicke (stabile?) Waende "duenn gemacht" werden, Daecher nicht sachgerecht renoviert werden (oder "007" Filmteams darauf Motorradfahrer filmen), etc.pp.. Und wie einer der Haendler ja selbst sagte, sind die Gefahren von Erdbeben noch von ganz anderem Kaliber, und die -teils- alten ueberdachten Basarhallen hielten solchen Naturmaechten wohl kaum stand. Die Frage ist, was die Mieter/Paechter und die Eigentuemer wie Touristikindustrie nun will. Gefahren "Teehaus"-Aussitzen, oder versuchen alle, oder bestimmte Gefahren, so gut es technisch wie monetaer vertretbar ginge, versuchen (insb. solche fuer Leib & Leben) einzugrenzen. Fakt ist: Auch diese, teils wunderbaren (staats-kulturhistorisch wertvollen?) Gebaeudeensemble haben, wie ueberall anderswo auch, keine "Ewigkeitsgarantien". Irgendwann, insb. ohne -sachlich/fachlich- erforderliche Renovierungen und Statikpflegen, ist der Zeitpunkt des Ende der Nutzbarkeiten erreicht. Nur Vollignoranten werden dem widersprechen wollen. Und, Bunker hielten vielleicht laenger; aber wer will sich schon in Zweckbunkern aufhalten wollen, oder gar wohlfuehlen koennen.
2. Neuer Bauplatz?
carranza 26.08.2013
Zitat von sysopHasnain KazimSteht einer der berühmtesten Basare der Welt kurz vor dem Einsturz? Händler auf Istanbuls riesigem Marktplatz Kapal Çar widersprechen den Alarmmeldungen der Verwaltung. Sie fühlen sich als Opfer einer Kampagne. Doch manche Schäden lassen sich kaum noch übersehen. http://www.spiegel.de/reise/europa/grosser-basar-in-istanbul-vom-einsturz-gefaehrdet-a-918286.html
Der Verdacht dass Erdogan dort gerne ein Einkaufszentrum eines finanzkräftigen Konzerns etablieren würde, kommt gewiss nicht von ungefähr.
3.
gfh9889d3de 26.08.2013
Zitat von sysopHasnain KazimSteht einer der berühmtesten Basare der Welt kurz vor dem Einsturz? Händler auf Istanbuls riesigem Marktplatz Kapal Çar widersprechen den Alarmmeldungen der Verwaltung. Sie fühlen sich als Opfer einer Kampagne. Doch manche Schäden lassen sich kaum noch übersehen. http://www.spiegel.de/reise/europa/grosser-basar-in-istanbul-vom-einsturz-gefaehrdet-a-918286.html
Dafür, daß "die Türken" den Großen Basar "Kapal Çar" und nicht "Kapalı Çarşı" nennen, hätte ich gerne einen Nachweis.
4. Erdbeben
großonkel 26.08.2013
Erinenrt mich an die Einwohner von Neapel oder San Francisco. Vulkanausbruch? Schon lange her. Erbebengefährdet? Superbeben im Anmarsch? Das wäre ja noch schöner! Naja, irgendwann rumpelts und dann ist alles hin und man schimpft auf die unfähige Politik. Menschen sind nur bedingt logische Wesen.
5. ...
bursa1 26.08.2013
1. es heisst "Kapalı Çarşı" - im Text genannte Wörter gibt es im Türkischen gar nicht. 2. zum Problem der Einsturzgefährdung: Wenn der Staat wollte, dann kann er eine Zwangsräumung und Sanierung anordnen und dann die Verkaufsräume neu/teurer vermieten. Wird ja mit Wohnsiedlungen/alten Häusern in der Innenstadt auch so gemacht. Alles ist möglich, egal ob es der Bevölkerung passt oder nicht.
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Großer Basar in Istanbul: Einsturzgefahr im Einkaufsparadies

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Ahmet Davutoglu

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AP; DPA
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