Grutas-Park in Litauen Stalin im Streichelzoo

Während der Besatzung standen sie in jeder Stadt: Stalin, Lenin und andere Symbole der Sowjetherrschaft. Ein litauischer Pilz-Millionär hat mehr als 80 Monumente gesammelt - und stellt sie in einer bizarren Mischung aus Freizeitpark, Gulag und Streichelzoo aus.

Von Sandra Voglreiter


Grutas – Zumindest das Kamel sieht zufrieden aus. Kurz hinter der Waldbühne mit der litauischen Aufschrift "Alle Kunst gehört dem Volk" und dem Porträt Lenins auf rotem Grund liegt es träge in der Frühlingssonne und will nicht so recht zu der Vorstellung eines Themenparks über die Zeit der sowjetischen Besatzung Litauens passen. Die russische Musik, die permanent blechern aus Dutzenden von Lautsprechern wabert, scheint weder das Tier noch die anderen Besucher besonders zu stören. Ein junges Pärchen posiert mit einem Artilleriegeschütz. Bäume und eine rund fünf Meter hohe Gruppe massiver Kämpferstatuen werfen Schatten auf die leeren Holzbankreihen.

Ein Besuch in "Grutas-Park", benannt nach dem beschaulichen Örtchen im Süden Litauens unweit der weißrussischen Grenze, ähnelt einem Waldspaziergang mit einem kräftigen Schuss Nostalgie und einem kleineren Spritzer Geschichtskunde. Viele Litauenbesucher und auch einheimische Reisegruppen nehmen die holprigen 120 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius aus in Kauf, um die Überbleibsel aus Sowjetzeiten in ihrer neuen Umgebung zu sehen: Lenin residiert auf der grünen Wiese, Soldatenstatuen nehmen Deckung im Gebüsch.

Zwischen Disneyland und Gefangenenlager

Das erste Foto, ein düsteres Bild durch die Gitter des Haupteingangs, scheitert an einer grimmig dreinschauenden, wild gestikulierenden Frau, die sich direkt vor der Linse aufbaut. Keine Aufnahmen ohne Extraticket. Für die Fotografiererlaubnis muss der geneigte Tourist fünf Litas (etwa 1,50 Euro) zahlen, dann steht dem Erinnerungsschnappschuss von Mutti und Stalin fürs heimische Wohnzimmer nichts mehr im Wege. Heimliches Fotografieren wird mit einem Bußgeld von 40 Litas geahndet.

Gegründet wurde der Grutas-Park vom Geschäftsmann Viliumas Malinauskas. Für den Bau in den Sümpfen Südlitauens hat er tief in die eigene Tasche gegriffen. Der Litauer hat sein Vermögen mit dem Export von Waldpilzen und Beeren gemacht, die Fabrik liegt direkt neben dem Freizeitpark. Malinauskas hatte sich für die Eröffnung seiner Sammlung 2001 ausgerechnet den ersten April ausgesucht. Er verkündete, durchaus ernst gemeint, der Park wolle "den Charme Disneylands mit dem Schrecken der sowjetischen Gefangenenlager verbinden".

Vermutlich um die Besucher gleich auf Gulag einzustimmen, steht auf dem Weg zum Kassenhäuschen ein Güterzugwaggon, der an die Deportationen litauischer Intellektueller erinnern soll. Das ganze Gelände ist gesäumt von Stacheldrahtzäunen und Wachturmnachbauten mit Schaufensterpuppen – laut Betreiber soll es einem Konzentrationslager in Sibirien ähneln.

Händchenhalten mit Lenin

Das Grauen vergangener Tage lässt sich zwar auf dem rund zwei Kilometer langen Rundgang erahnen - richtig düster ist die Stimmung wegen der vielen Besucher jedoch nicht. An den Statuen posieren wahlweise Kinder, Ehefrauen oder gleich die ganze Familie. Eine Frau hält Händchen mit Lenin, auf dem Spielplatz tobt eine Gruppe Kinder.

Auch das Restaurant, in dem Pilzgerichte von Kellnerinnen in Pionierhemd und rotem Halstuch serviert werden, die Dönerbude, der zum Souvenirstand umfunktionierte Lkw und nicht zuletzt die Gehege der Ziegen und Rehe passen nicht zum Gefangenenlagerimage. Das alles ist wohl eher ein Zugeständnis ans Kapital. Der private Grutas-Park ist in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen und eben kein staatliches Museum zur Aufarbeitung der Sowjetbesatzung.

Park-Betreiber Malinauskas hat aber durchaus den Anspruch, vor allem junge Litauer an die Schrecken der sowjetischen Okkupation von 1940 bis 1941 und von 1944 bis 1991 zu erinnern. Zu diesem Zweck wurde in einer Holzbaracke ein "authentisches Wahl- und Agitationszentrum" nachgebaut, wie es während der Sowjetzeit für Zwangswahlen und die Vorführung von Propagandafilmen benutzt wurde. Die Ausstellung im zweiten Gebäude, dem "Informationszentrum", beschäftigt sich mit der Verfolgung und Ermordung zahlreicher Litauer.

Chruschtschow und Stalin zum Mitnehmen

Vor der Souvenirbude hat sich eine Schlange gebildet. Junge Litauer haben sich mit kleinen Fähnchen eingedeckt und schwenken lachend Hammer und Sichel. Wer das möchte, kann sich als Erinnerung an das Gesehene und Gehörte Lenin-Schnapsgläser oder Chruschtschow-Tassen kaufen und sie in Stalin-Tüten verpacken lassen.

Viliumas Malinauskas hat für seinen Grutas-Park 2001 den "Ig-Nobelpreis" in der Kategorie "Frieden" bekommen. Die Universität Harvard vergibt diese Spaß-Auszeichnung jedes Jahr im Herbst für Errungenschaften, die Menschen "erst zum Lachen und dann zum Nachdenken" bringen. Den Preis könnte er zu Recht bekommen haben.



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