Geheimtipp Punta Chiappa: Liguriens schönes Hinterteil

Von Bernadette Olderdissen

Liguriens Strände sind nicht nur schön, sie sind auch schmal und überfüllt. Wer an Norditaliens Küste eine einsame Badestelle sucht, braucht Geheimtipps. Ein solcher ist Punta Chiappa, die Spitze der Halbinsel Portofino. Hier lockt glasklares Wasser - nur der Name klingt etwas anzüglich.

Punta Chiappa: Magische Landspitze in Ligurien Fotos
Bernadette Olderdissen

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Die Menschen am Strand von Camogli haben zwei Dinge gemeinsam. Erstens: ölige Haut. Und zweitens: Füße im Gesicht. Die steinige Küste Liguriens bringt es mit sich, dass die Badegäste Menschenmassen und eine gewisse Enge als notwendiges Übel auf der Zielgeraden zu optimaler Bräune akzeptieren müssen.

Eine Ausnahme bildet auch Camogli nicht, ein farbenfrohes Dorf 23 Kilometer südöstlich von Genua. Der junge Neapolitaner Diego Della Porta mustert die Sonnenhungrigen an einem Samstagvormittag im Frühjahr. "Ich sehne mich nach einem Ort, an dem ich das Meer einfach genießen und in Ruhe ein paar Runden schwimmen kann", sagt er. Beim ersten Besuch in Camogli habe er am Kiosk im Hafen gefragt, ob es Boote zu irgendeinem abgelegenen Ort am Meer gebe.

"San Fruttuoso ist schön", sagte dem 28-jährigen Italiener die Verkäuferin. Das winzige Dorf hinter Portofino stehe zwar in vielen Reiseführern und sei wegen seines Klosters sehr touristisch. "Doch sie hatte einen Geheimtipp", sagt Diego mit verschwörerisch gesenkter Stimme. "Punta Chiappa", die Spitze der Halbinsel von Portofino.

Boote fahren hier vorbei auf ihrem Weg nach San Fruttuoso, aber fast niemand steigt aus. "Die Landspitze ist felsig und rau, und man kann sich schlecht hinlegen", erklärt Diego. Das Wasser sei sauber und klar, "ideal zum Schwimmen oder Tauchen, denn es gibt eine Unterwassergrotte". Man könne sich auch nur setzen, die Stille und das Meer genießen. "Einmal bin ich eingenickt, und als ich aufwachte, haben mich wilde Ziegen von oben angesehen."

Die Bootsfahrt von Camogli aus dauert circa 15 Minuten, Wanderer können auch den etwa einstündigen Fußweg von Camogli hoch nach San Rocco und weiter oberhalb der Küste nehmen. Am Steg überziehen Fischernetze das Geländer eines schmalen Wegs, von dem aus man bis zur Provinzhauptstadt Genua blicken kann.

Raue Grenze zwischen Land und Meer

"Dort rechts die Treppen rauf gelangt man zur Landspitze", sagt Diego. Sobald ein kleiner Waldweg durchschritten ist, rekelt sich eine Klippe in Richtung offenes Meer. Die salzige feuchte Luft ist inzwischen von der Mittagssonne aufgeheizt, drei schwarz-weiße Katzen toben über die Steine dieser "letzten Grenze zwischen Land und Meer", wie Diego die Punta Chiappa nennt.

Die Felsen fallen zu beiden Seiten schroff ins Meer ab, in der Mitte führt ein holperiger Weg zu einer einwandigen Ruine mit Fenster im Zentrum der Landspitze. "Hier geht es runter zum Meer", erklärt Diego. Er balanciert die schmalen Stufen etwa zehn Meter hinab. "Punta Chiappa ist nichts für schwache Nerven, aber es lohnt sich, herzukommen." Am Ende der Treppe lockt das offene Meer mit leichten Wellen. Diego deutet auf ein starkes Seil, das an einem Felsvorsprung festgemacht ist und ins Wasser hinabführt. "Hiermit kann man sich nach dem Schwimmen an Land zurückziehen."

Der junge Mann stürzt sich kopfüber ins Wasser und taucht immer wieder unter, wie ein gefangener Fisch, der den Weg zurück in die Freiheit gefunden hat. Schließlich zieht er sich erfrischt mit dem Seil zurück. "Hier zu baden ist ein Höhepunkt für jeden, der das Meer liebt. Man kann einfach eintauchen und ist nur von Meer umgeben. Das Wasser ist immer etwas kühler als am Strand, aber man gewöhnt sich schnell daran."

Nicht jeder Besucher Punta Chiappas ist ein begeisterter Schwimmer wie Diego. Wer nicht die steilen Stufen zum Wasser hinabsteigt, trifft nach wenigen Minuten auf den letzten Punkt der Halbinsel. Die Felsen werden mit jedem Schritt spröder. Sie sind vom Meer zerklüftet und perforiert und verpassen nicht allzu dick besohlten Füßen eine Massage.

Hinter einem Felsvorsprung sitzt der 27-jährige Peter Roland. Auf dem Schoß hält er einen Schreibblock. "Als ich das erste Mal hergekommen bin, war ich überrascht, welchen landschaftlichen Reichtum diese Halbinsel zu bieten hat", erzählt der Hobbydichter. "Kurz vor der Spitze habe ich Olivenbäume und die berühmten ligurischen Zitronen wachsen sehen. Dann habe ich lange die Vögel beobachtet und den Wellen gelauscht".

Peter deutet auf seinen Block, auf dem einige Verse stehen. "Ich habe Punta Chiappa ein Gedicht gewidmet. Es beschreibt meine Empfindungen an diesem magischen Ort." Das Gedicht handelt vom freien Flug der Vögel, vom Glanz und Duft des Meeres und von der Einheit mit der Natur an diesem rauen Flecken Erde.

An der "Arschbacke" der Welt

Viele des Italienischen mächtigen Besucher fragen sich jedoch, warum diese friedliche Landschaft an der Spitze der Halbinsel von Portofino den Namen Pobackenpunkt trägt. Der Genueser Geologe Pietro Balbi liefert Aufklärung: "Es stimmt, dass 'chiappa' in modernem Italienisch 'Arschbacke' heißt." In genuesischem Dialekt hingegen bedeute chiappa jedoch flach oder eben. "Besonders von Genua aus gesehen, ist Punta Chiappa eine abgeflachte Verlängerung des steilen Berges."

Geomorphologisch gesehen sei Punta Chiappa eine Meeresterrasse, so Balbi, das sind durch ständige Wellenbewegungen abgeschliffene Felsen. "Die Erosion begann bereits vor ein oder zwei Millionen Jahren, als der Meeresspiegel noch höher lag. Die Wellen krachten gegen den Portofino-Berg und das Kliff wich immer weiter zurück, also auch die zuvor senkrechten Steilwände". Im Laufe der Zeit sei der Meeresspiegel dann gesunken, "dadurch ist die heutige Form von Punta Chiappa entstanden".

Eine andere Einheimische, Manuela Carena, fühlt sich an der Punta Chiappa an die Galapagos-Inseln erinnert. "Wenn ich hier bin, warte ich immer darauf, dass ein Leguan aus den Felsen hervorspringt. Dieser Ort hat eine fast noch ursprüngliche Schönheit." Diego nickt zustimmend. Er hat sich mittlerweile auf einem der wenigen flacheren Felsen ausgestreckt. Plötzlich schnellt er hoch und ruft: "Dort oben!"

Auf einem Felsen rund fünf Meter über ihm lugt der Kopf einer Ziege hervor. Zwei weitere Augenpaare folgen. Neugierig blicken die wilden Tiere auf die Besucher, die sich an dieses schöne Hinterteil Liguriens verirrt haben. Dann verschwinden sie lautlos hinter den Klippen, begleitet vom Rollen der Wellen und dem Frohlocken einiger Möwen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Wo ist Italiens Küste am schönsten?
insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Morgens um 7...
liguria360 28.03.2012
...kann man das Auto am Parkplatz von San Rocco abstellen und zu Fuß zur Punta Chiappa laufen. Unterhalb der Kirche von San Rocco ist eine Bäckerei, die Focaccia ist empfehlenswert. 360° Panorama von der Punta Chiappa: Punta Chiappa (http://bit.ly/GSPu2I)
2. !
smerfs 28.03.2012
Zitat von sysopLiguriens Strände sind nicht nur schön, sie sind auch schmal und überfüllt. Wer an Norditaliens Küste eine einsame Badestelle sucht, braucht Geheimtipps. Ein solcher ist Punta Chiappa, die Spitze der Halbinsel Portofino. Hier lockt glasklares Wasser - nur der Name klingt etwas anzüglich. Geheimtipp Punta Chiappa: Liguriens schönes Hinterteil - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,823779,00.html)
das war ein geheimtipp!
3. Titel
c.PAF 28.03.2012
---Zitat--- Wer an Norditaliens Küste eine einsame Badestelle sucht, braucht Geheimtipps. Ein solcher ist Punta Chiappa, die Spitze der Halbinsel Portofino. ---Zitatende--- So so, ein Geheimtip also, den niemand sonst kennt und der nur unter der Hand weitergegeben wird... *ploink*
4. Wo ist Italiens Küste am schönsten?
sysop 28.03.2012
Steilhänge, Sandstrände, glitzerndes Meer: Sind Sie Italien-Liebhaber? Verraten Sie Ihre Geheimtipps im Forum!
5. Super Idee, der Spiegel wie immer ganz vorn dran.....
HeinzMaulraff 28.03.2012
Zitat von SystemrelevanterOha, ein Geheimtipp im SPON. Wenn das mal kein Antagonismus ist.
Danke, liebe Bernadette, ein sehr kluger Artikel, und irgendwie auch zukunftsweisend für den letzten leeren und geheimen Badestrand Italiens. Bitte weiter recherchieren rund ums Mittelmeer, die paar anderen Geheimtipps sollten umgehend ebenfalls ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, damit der Reisejournalismus seine Existenzgrundlage nachweisen kann.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Italien-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Italien-Reiseseite


AFP
Pasta, Pesto, Prosecco - das kennt jeder. Aber was verbirgt sich hinter der Vespa, wer hat die Cosa Nostra erfunden, und wo steht die älteste Pizzeria? Der SPIEGEL-ONLINE-Italien-Test stellt Ihre Kenntnisse auf die Probe. Andiamo!
Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...

Fotostrecke
Absurde italienische Gesetze: Slalom um Verbote