Heidelberg: Real existierende Romantik

Von , Heidelberg

"Better than Disneyland": Heidelberg gilt weltweit nach Berlin und München als die wohl berühmteste Stadt Deutschlands und als kommerzialisiertes Reiseziel schlechthin. Und doch ist die alte Uni-Stadt nicht nur Kulisse, sondern auch Lebensgefühl.

Er wird zu spät kommen, er weiß es. Mit Höchstgeschwindigkeit rast der Student übers Kopfsteinpflaster. Sein Fahrrad scheppert. Noch mehrere hundert Meter bis zur Neuen Uni, und der Professor mag es gar nicht, wenn er beim Reden gestört wird. Der Jungakademiker brettert um die Ecke in der Unteren Straße, und fast in eine 30-köpfige Gruppe japanischer Touristen hinein. Keine Lücke, nirgends.

Die Reisenden aus Fernost starren ihn überrascht an, manche mit offenem Mund, doch keiner bewegt sich. Von der Reiseführerin erntet der Radfahrer einen missmutigen Blick. "Nein, Sie sind nicht in einem Museum", schimpft der Eilige auf Englisch. Jetzt erst tritt man zur Seite. Zwei Straßen weiter wiederholt sich das Spiel. Diesmal versperrt eine gemütlich bummelnde Horde grauhaariger Amerikaner den Weg. Beautiful Heidelburg, better than Disneyland.

Dennoch ist diese Stadt keine Kulisse, sondern echt. Noch immer. Es gibt hier tatsächlich so etwas wie eine real existierende Romantik, und für diejenigen, die gerne hier leben, trotz horrend hoher Mieten und den Auswüchsen des Tourismus, ist Heidelberg auch ein Lebensgefühl.

Vor allem im Frühling, wenn die Wälder oberhalb der Altstadt frisch ergrünen und am Philosophenweg die Obstbäume blühen. Wer mag, kann kilometerweit wandern, ohne auf Straßen zu stoßen. Während den Sommermonaten legt sich oft eine geradezu undeutsche Hitze über die Stadt. Auf der Neckarwiese aalen sich Studenten in der Sonne, viele von ihnen haben ihre Bücher mitgebracht.

Zur Abkühlung eignet sich ein Bad im Fluss, dessen Wasserqualität inzwischen wieder so gut ist, dass man trotz offizieller Warnung ohne Gesundheitsgefahr schwimmen kann. Abends tut Heidelberg dann so, als läge es in Italien. Die Bewohner flanieren und treffen sich in den zahlreichen Straßencafés, parlieren, lachen und genießen die laue Luft. Im Winter, bei wolkenlosem Himmel, verströmt das glasklare Licht einen ganz besonderen Zauber. Und wenn es mal geschneit hat, gibt es wohl keine gespenstischere Schönheit als das Schloss bei Vollmond.

Manchmal elitär, aber gleichzeitig weltoffen

Einen Großteil seines Flairs verdankt Heidelberg natürlich seiner bald 623 Jahre alten Universität. Ohne die Zigtausenden Studis und Wissenschaftler, die zum Teil aus aller Herren Länder an den Neckar pilgern, wäre die Stadt nur ein verschlafenes Provinznest. Hübsch, aber langweilig und geistlos. Stattdessen hat sich eine "aura academica" gebildet, die zwar manchmal elitär daherkommt, doch gleichzeitig für ein weltoffenes und liberales Klima bürgt. Wer stundenlang über Gott und die Welt debattieren mag, findet immer interessante Gesprächspartner. Auch das Heidelberger Kulturangebot ist – gemessen an der Einwohnerzahl – bemerkenswert.

All das bleibt den meisten Touristen verborgen. Die Mehrzahl von ihnen verbringt nur einige Stunden oder einen Tag in Heidelberg. Busse spucken sie am Schloss oder auf dem Neckarmünzplatz aus, anschließend werden die Standard-Sehenswürdigkeiten im Akkord abgehakt. Die Fremdenführer geben den Takt vor und erzählen das, was eben erzählt werden muss: die Legende des Zwergen Perkeo, wie die Franzosen das Schloss zerstörten - und am nächsten Tag ist das meiste wieder vergessen. Für bleibende Erinnerungen gibt es schließlich die Kamera.

Auf der Alten Brücke herrscht deshalb Dauerbetrieb, solange es Tageslicht gibt. Wer sie überquert, kann gar nicht anders, als den fotografierwütigen Massen ständig durchs Bild zu laufen. Das Ritual ist vor allem bei asiatischen Touristen immer gleich. Einer stellt sich stramm in Pose, Schloss und Brückentor im Hintergrund, der andere knipst, und anschließend werden die Rollen getauscht. Zu Hause soll jeder sehen können: Man war da. Aber warum eigentlich?

Ryoko Krüger kennt die Antwort. Die geborene Tokioterin zog vor acht Jahre mit ihrem deutschen Ehemann an den Neckar und ist seit 2006 als Gästeführerin tätig. "Japaner kriegen oft nur sieben Tage Urlaub am Stück", erzählt sie. Diese knappe Zeit muss optimal genutzt werden. "Wenn wir an Europa denken, gehört der Blick vom Philosophenweg auf das Schloss und die Alte Brücke einfach dazu", sagt Krüger. Asiaten empfänden die hiesige Atmosphäre als überaus exotisch und märchenhaft. "Heidelberg ist immer wie Weihnachten, hat einer meiner Gäste mal gesagt."

Einige Fragen werden immer wieder gestellt, berichtet die Fremdenführerin. "Wovon leben die Leute hier?", zum Beispiel, weil man nirgendwo Industrie sieht. "Wo hängen sie ihre Wäsche zum Trocknen auf?" Auch wundern sich die japanischen Besucher über die dichte Bebauung und rätseln darüber, wie in Heidelberg Sanierungsmaßnahmen durchführbar sind. Ryoko Krüger glaubt sogar, dass ihre Schützlinge durchaus die Gelegenheit haben, den Geist dieser Stadt zu spüren. Immerhin hätten sie im Rahmen des Reiseprogramms doch noch 30 bis 40 Minuten zur freien Verfügung.

25 Jahre Kitsch mit Mozart

Diese Pause jedoch verbringen viele japanische Touristen mit Souvenir-Shopping und landen dabei wie ferngesteuert in einem der sonderbarsten Läden Heidelbergs: dem "Unicorn". Wer hier durch die Tür geht, betritt eine seltsam-künstliche Mischwelt. Japanische Schriftzeichen preisen DDR-Ampelmännchen aus Plastik und Holz an, dazu Porzellan-Tellerchen aus Regnitz in Bayern, Siku-Modellautos, Trachtenjacken für Kleinkinder, Schweizer Taschenmesser und österreichische Leinentischdeckchen. Edle Markenware und schauderhafter Nippes, musikalisch umrahmt von einem Mozart-Klavierkonzert in wohldosierter Lautstärke.

Im vergangenen Jahr feierte das "Unicorn" sein 25-jähriges Jubiläum. Das Geheimnis des Erfolgs? Die Gäste aus Japan haben nun mal wenig Zeit, sagt eine japanische Verkäuferin, und oft keine Fremdsprachen-Kenntnisse. Hier finden sie quasi alles, was ihr Herz begehrt, erklärt sie. Sehr beliebt seien Nussknacker und Räuchermännchen aus Holz, aber auch Glanzlichter deutscher Wertarbeit wie Messer der Firma Zwilling, Meissner-Porzellan und Frottee-Tücher von Feiler.

Am Freitagabend, um 20 Uhr machen auf der Hauptstraße die Läden zu, die Reisegruppen sind schon vor gut zwei Stunden von der Bildfläche verschwunden. An der Ecke Dreikönigstraße hat jemand in großer gelber Kreideschrift einen Hinweis auf dem Mauerwerk hinterlassen: "Zur Saufmeile". Der Pfeil zeigt nach links.

Nur wenige Schritte weiter hallt Gegröle durch die Gassen – die Odenwälder sind offenbar schon da. Jedes Wochenende flüchten zahllose meist junge Menschen aus Epfenbach, Spechbach, Lobenfeld, Wilhelmsfeld und ähnlich reizarmen Orten abends in die Heidelberger Altstadt und suchen Lebensfreude. Die meisten finden nur den Alkohol. Besonders penetrant sind die Junggesellinnen-Abende, überdrehte Grüppchen junger Frauen, die jedem nicht schnell genug flüchtenden männlichen Wesen Küsse und Ramsch andrehen wollen. Mancher erleidet drei solcher Überfälle auf hundert Meter Altstadtpflaster.

Grunge und Gummigockel in der Sonderbar

Derweil gehen in den Kneipen der berühmt-berüchtigten Unteren Straße bis drei Uhr nachts Legionen gefüllter Schnapsgläser und Likörfläschchen mit "Feigling" oder ähnlichen Nervengiften über die Theken, von den Hektolitern Bier ganz zu schweigen. "I-Punkt" und "Reichsapfel" gehören zu den Lieblingslokalen der Landjugend. Doch es gibt auch Alternativen.

"Betreutes Trinken" wirbt das schlichte Plastikschild über der Tür. Willkommen in der "Sonderbar", Heidelbergs härtester Spelunke. Die Luft ist mal wieder zum Schneiden. An der Resopaltheke drängen sich Hartz-IV-Empfänger neben versoffenen Juristen. Doktorandinnen in engem Rock und bärtige Dichterphilosophen schlürfen gemeinsam Absinth. Lauter Rock, Punk und Grunge wechseln sich ab, zum Reden muss man eng zusammenrücken. Von der Decke hängt der Gummigockel, Wahrzeichen und Maskottchen des Lokals, an der Wand bissige Satire-Plakate und St. Pauli-Devotionalien.

Hinter der Bar wuselt das Personal und mittendrin der Wirt Michael Markert, ein hünenhafter Hamburger mit langen blonden Haaren. Ein Mann von verblüffender Vitalität, trotz seiner weit über 60 Lenze. Die Stunden verfliegen. Bier, Politik, Hemingway und Schweißgeruch vermischen sich, bis kurz nach 3 Uhr plötzlich die Lichter angehen. Die Tresenmannschaft brüllt ihren Abschiedsgruß: "Feierabend. Raus, ihr Ratten!" Schade.

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