Skigebiet Heiligenblut in Österreich Die Zukunft liegt neben der Piste

Die Alpen verändern sich, das spüren Orte wie Heiligenblut am Großglockner: Der Schnee bleibt aus, die Gäste verlangen mehr als Schlepplifte. Neue Attraktionen müssen her.

HT-NPR/ M.Rupitsch

In seinem ersten Leben hat Manfred Rauder den Deutschen das Skifahren beigebracht. Auf den Hängen über Heiligenblut wedelte der Österreicher über die Pisten und zeigte den Flachländern aus Hamburg und Hannover, wie man einen ordentlichen Stemmbogen fährt.

Rauder machte seinen Job gut, meist rutschten die Anfänger schon nach drei Tagen auf ihren Brettern schon ganz ordentlich den Hang hinunter. Den Fortgeschrittenen brachte er Eleganz auf dem Ski bei, den Profis zeigte er die schönsten Routen der Region.

Die Touristen mochten den kleinen Österreicher, weil seine Skikurse nie pünktlich um 16 Uhr endeten, sondern weil er seine Gäste abends auch mal zur Buschenschenke mitnahm. Dort aßen sie dann gemeinsam eine zünftige Brotzeit und philosophierten über das Skifoarn und den lieben Gott. Rauder sagt, es sei die beste Zeit seines Lebens gewesen.

Heute arbeitet Rauder, 53, als Taxifahrer. Weil die Nachfrage für seine Kurse in dem 1000-Einwohner-Dorf in Kärnten stark nachließ. Wie in vielen Orten der Alpen wird in Heiligenblut die Saison immer kürzer. Das Gebiet am Großglockner hat Lifte bis auf 3000 Meter und eigentlich eine Schneegarantie bis April.

Aber nun kommt es schon im Januar vor, dass die Skifahrer auf Kunstschnee herumrutschen müssen. Kaum eine andere Aktivität ist so stark vom Klimawandel betroffen wie der Alpinsport. Allein in Kärnten schließen pro Jahr etwa zwei Skigebiete. Weil nicht nur der Schnee fehlt, sondern auch die Alternativen, und schließlich die Gäste ausbleiben.

Sechs-Tage-Skipässe sind out

Das sah Anfang der Neunzigerjahre in Heiligenblut noch ganz anders aus: Die Gäste aus Deutschland, Österreich und Italien kamen für zehn Tage und kauften gleich am Tag ihrer Ankunft Liftpässe für die ganze Familie. Morgens um 9 Uhr stiegen sie in die Gondel, abends um 17 Uhr kehrten sie erschöpft heim. Wenn man ihnen dann zum Abendessen ein Schnitzel vorsetzte, war ihre Welt in Ordnung. Es war die Zeit, als es noch Schnee im Überfluss gab und Skifahren ein Sport für jedermann war.

Heute sitzt Uwe Penker im Glocknerhof in Heiligenblut, löffelt Frittaten-Suppe und sagt Sätze wie: "Der Winter hat doch so viel mehr zu bieten als nur Schnee zum Skifahren!" Penker ist Chef des Nationalparks Hohe Tauern, und er glaubt fest an die Magie des Winters, wenn Schnee auf den Berggipfeln liegt und die Morgenluft klar ist.

Zusammen mit seinen Kollegen hat er sich überlegt, wie man Heiligenblut fit für die Zukunft machen kann. Denn schon jetzt kauft kaum eine Familie noch Liftpässe für sechs Tage. "Die Gäste wollen auch gerne mal zwei Tage ohne Ski an den Füßen verbringen. Wer dann neben der Piste nichts anbietet, fällt hinten runter", sagt Penker.

Deshalb erwartet Besucher nun ein Programm, das Wanderungen in die Reviere von Steinbock, Bartgeier und Gemse enthält, nächtliche Sternenbeobachtungen und Eisklettertouren an gefrorenen Wasserfällen. Außerdem Rodeln, Langlaufen, Eistockschießen. Selbst als passionierter Skifahrer fragt man sich angesichts dieser Möglichkeiten, ob es nicht amüsanter ist, früher abzuschwingen.

Eidechse mit Eispickel

Zum Beispiel, um Eisklettern zu gehen. An einer senkrechten Wand, die blau in der Dämmerung leuchtet. Stefan Rieger hängt an dem vereisten Wasserfall wie eine Eidechse am Felsen. Mit dem Eispickel zieht er sich Meter um Meter nach oben. Seine Füße stecken in Steigeisen, bei jedem Schritt suchen sie Halt in der Senkrechten. Oben angekommen, winkt Rieger, als er wieder sicher am Boden steht, grinst er wie ein Schuljunge. "Und jetzt gleich werdet ihr selbst merken, wie viel Spaß das macht", sagt er.

Rieger ist Berg- und Skiführer und weist Neulinge ins Eisklettern ein. Zwei Frauen haben an diesem Tag den Kurs bei ihm gebucht, geduldig zeigt er ihnen, wie man die Steigeisen anlegt. Dann stützt er sie bei ihren ersten Schritten auf dem spiegelglatten Untergrund und den ersten Kletterversuchen in der Wand.

Zwischendurch gibt es heißen Tee und warme Worte. "Super macht ihr das", lobt Rieger. Nach einer Stunde klatschen sich die Frauen zufrieden ab. Dann müssen sie schnell zurück ins Hotel, weil sie vor dem Abendessen noch in die Sauna wollen.

Der Touristiker Penker kennt das. "Die Gäste wollen in ihrem Winterurlaub das komplette Wellnesspaket." Frisch gepresste Säfte zum Frühstück, Sauna am Nachmittag und ein Mehrgängemenü zum Abendessen. "Mit einem einfachen Schnitzel brauchen Sie denen nicht mehr zu kommen."

Auch wenn Luxusangebote im Trend liegen - in Heiligenblut vertraut man hauptsächlich auf die Anziehungskraft der Berge und der Natur. Sogar nachts: Einmal pro Woche können Besucher in der Dunkelheit mit der Gondel auf den Gipfel schweben. Oben angekommen, werden alle Lichter ausgeschaltet, damit das Panorama des Himmels besser zur Geltung kommt.

"Wir haben hier oben praktisch null Lichtverschmutzung", sagt Penker. Wenn eine Sternschnuppe vom Himmel fällt und die Touristen wie auf Kommando "Ah" und "Oh" rufen, weiß er, dass er etwas richtig gemacht hat.

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insgesamt 11 Beiträge
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dkrobinson69 22.02.2016
1. Soll ich mich freuen...
...wenn endlich die auf Jahrzehnte nicht mehr nutzbaren Böden der Skipisten so langsam die Chance bekommen in 10 oder 20 Jahren für unsere Kinder wieder renaturiertes, natürliches Land zu sein?
larry_lustig 22.02.2016
2. Komisch
in anderen Skigebieten sind die Wochenpässen vollkommen normal.... Es liegt wohl eher daran, dass Heiligenbluth mit 55km Piste zu den kleinen Skigebiten gehört....und zu den sehr leichten
fatherted98 22.02.2016
3. tipp...
...für alle Hoteliers in den Alpen...vor allem vom Frühling bis in den Herbst...Radfahrer (und damit meine ich nicht die MT-Biker) sind eine dankbare Klientel. Geführte Touren durch den Alpenraum wären der Renner. Die Italiener machen es vor mit Ihren Bike-Hotels....in Deutschland wartet man schon seit Jahren auf solche Angebote. Ob Genussradler oder Semi-Profi bis Triathlet....man müßte nicht mehr nach Mallorca oder Italien fahren....leider sind die deutschen Hoteliers zu träge...solange sie so noch volle Häuser haben...naja...vielleicht ändert sich ja mal was.
stefan.putt 22.02.2016
4.
Nur weil der Schnee einige Jahren ausblieb heißt Langer nicht alles umstellen. Schneereich und Kälte kommt bestimmt wieder. Wenn der Wärmphase vorbei ist.
Sibylle1969 22.02.2016
5. Skifoahrn ist das leiwandste...
Ich finde Skifahren so toll, dass ich allenfalls für Schlechtwettertage, wenn man wirklich überhaupt nicht Skifahren kann, eine Alternativaktivität brauche. Da Skipässe ja wahrlich kein Schnäppchen sind und ein wegen Schlechtwetter verfallener Skitag vor allem auch wegen des Preises ärgerlich ist, finde ich solche Skigebiete gut, die ohne Aufpreis Skipässe anbieten "5 in 7" oder "6 in 8" o.ä. In den meisten Skigebieten gibt es zwar solche Angebote, die aber preislich unattaktiv sind, sprich 5 in 7 ist nicht günstiger als der 6-Tagespass. Das Skigebiet von Heiligenblut liegt im übrigen ziemlich hoch, wenn es da Schneemangel hat, dann liegt das an der Lage in den Südalpen, wo es schon immer deutlich weniger Schnee gegeben hat als auf der Nordseite der Alpen. Ist in Südtirol ganz ähnlich. Dafür hat man in den Südalpen im Schnitt mehr Schönwettertage...
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