Von Johannes Schweikle
Da wäre die Geschichte mit dem Brunnen vor dem Hotel. Die Gemeinde Zermatt wollte ihn mit einer Figur schmücken, sagte aber, sie habe kein Geld. Da sagte Heinz Julen, er werde eine stiften. Er baute eine Skulptur mit drei stählernen Waschbecken. Das Wasser rinnt von einem Becken in das nächste, und am Sockel brachte der Künstler eine Tafel mit dem Titel des Werks an: "Überfluss".
Die Provokation hat funktioniert. In dem etablierten Tourismusort fanden das nicht alle lustig. Bei Nacht und Nebel schoss ein Unbekannter auf die Skulptur. Eine Kugel blieb im Schaufenster des Sportgeschäfts der Familie Julen hängen.
"Ein Steinbock, der zum Matterhorn schaut - so was in der Art hätte Anklang gefunden", sagt Heinz Julen. Er sitzt im Restaurant seines Hotels Backstage. Der Künstler und Architekt lächelt. Er ist 49 Jahre alt, ein schlanker Mann mit dunklem Bart im schmalen Gesicht. Wenn er sein welliges Haar nicht zum Pferdeschwanz binden und die dicke dunkle Brille absetzen würde, wäre er die Idealbesetzung für einen Hippie-Film.
"Wenn ich etwas baue", sagt er im Walliser Dialekt, "dann überlege ich: Was passt überhaupt nicht zusammen?" So gesehen hat er sein Vier-Sterne-Hotel konsequent gestaltet: an den Wänden rohe Schalttafeln von der Baustelle, an der Decke schmale Stuckleisten. Blanker Stahl und lila Plüsch, die Möbel stammen aus Julens Manufaktur, genauso wie die verspielten Lampen. Mit weißen Federn erinnern sie an Engelsflügel.
Skunk Anansie im Zirkuszelt
Die Panoramascheiben sind verspiegelt, von außen reflektiert das Hotel die umliegenden Berge - samt Matterhorn. Und die Leichtbauweise mit hohen Balken und offenen Stahlträgern wirkt wie eine konstruktive Kritik an den Nachbarhäusern, die ihren Beton hinter dunklem Holz verstecken. "Das sind aufgeblasene Pseudo-Kuhställe", sagt Julen, "ich kann diese Heidi-Kulisse für Touristen nicht leiden."
Im Untergeschoss seines Hotels befindet sich das "Vernissage", eine Kombination aus Kino und Club. Hier hat Julen die Betonwände ebenfalls mit altem Holz verschalt. Aber er hat übergroße Schrauben genommen, um zu zeigen: Leute, das ist kein uraltes Chalet, das ist eine Inszenierung. Der urbane Stil soll widerspiegeln, dass dieser Bergort am Matterhorn durch seine Gäste im Kontakt steht mit der Welt. Der gebürtige Zermatter Julen verdankt seinen Vornamen sogar einem Amerikaner: Mister Heinz, der Ketchup-Fabrikant, ließ sich von seinem Vater August Julen durch die Berge der Westalpen führen.
In der Lobby des Backstage hängt ein üppiger Kronleuchter im Julen-Style: Er ist behängt mit Gitarren und Trompeten, Saxofone glitzern um die Wette mit einer Discokugel. Jedes Frühjahr veranstaltet Julen eine kleine Prozession: Im April nimmt er den Leuchter ab und bringt ihn mit Helfern in das große Zirkuszelt, das auf dem Platz vor dem Hotel aufgebaut wurde.
Dort hängt er fünf Tage lang in der hohen Kuppel - als Symbol von "Zermatt Unplugged". Dieses Popfestival ist wohl das stilvollste in den ganzen Alpen - und Julen, heute ein Förderer, war von Anfang an dabei. Hier traten schon Chris de Burgh und Billy Idol auf, Bryan Ferry und Alanis Morissette. Rea Garvey wurde am Fuß des Matterhorns richtig demütig: "In Irland sagen wir: Die Berge sind klein, aber dafür kommen wir hoch."
Dieses Jahr rockte unter anderem Skunk Anansie das Zelt mit 2000 Zuschauern. Nach dem Konzert legte Leadsängerin Skin als DJane im "Vernissage" auf, die letzten Partygänger wankten am nächsten Morgen gegen sechs durch Zermatt.
"Das i-Tüpfelchen der Wintersaison"
Das Festival bespielt zehn Bühnen. Auf sechs von ihnen ist der Eintritt frei. Zum Beispiel in der Blue Lounge. Sie liegt 2570 Meter hoch, an einer Seilbahnstation im Skigebiet. Ein paar Snowboarder lümmeln im T-Shirt auf dem Boden der Terrasse, die Frühjahrssonne hat die Holzlatten gewärmt. Skifahrer sitzen bei Walliser Hobelkäse in weichen Lounge-Möbeln, an den Bergen ringsum schimmert der Schnee wie weißer Satin. Gletscher glänzen unter blauem Himmel, nur über den markanten Gipfel des Matterhorns hat sich eine Wolke gestülpt.
Vor dieser Kulisse tritt "Halunke" auf. Diese Mundartrocker sind auch in der Schweiz nicht wirklich bekannt, und das gehört zum Konzept des Festivals: einen Mix aus Weltstars und noch nicht etablierten Künstlern zu bieten. Die Jungs tragen mit Begeisterung ihr Lied vom ersten Affen im Weltall vor. Als sich die Wolke vom Matterhorn hebt, wird das Konzert richtig unplugged: Die Lautsprecher fallen aus. Da steigt der Sänger unbekümmert auf den nächstbesten Tisch und singt von oben weiter.
Es dauerte ein paar Jahre, bis die Zermatter und ihre Gäste mit diesem Festival warm wurden. "Mittlerweile ist es das i-Tüpfelchen der Wintersaison geworden", sagt Edith Zweifel von Zermatt-Tourismus. Sie empfindet die Tage, in denen man in allen Gassen Musikern begegnet, wie Urlaub. "Manche Einheimische machen ab und zu Bemerkungen über den Lärm. Aber die Leute leben ja alle vom Tourismus - da beißt keiner die Hand, die ihn füttert."
Glaspyramide für das Klein Matterhorn
Seit mehr als hundert Jahren lebt Zermatt von seinen spektakulären Bergen. Die höchste Seilbahn Europas führt auf das Klein Matterhorn. Seine Gipfelplattform bietet auch Nicht-Bergsteigern eine atemberaubende Aussicht: Das Panorama reicht vom Mont Blanc über die Gran-Paradiso-Gruppe bis zum Breithorn, das wie ein weißer Helm in der Sonne leuchtet. Das Zinalrothorn ragt wie ein Haifischzahn in den blauen Himmel, der breite Alphubel trägt seinen plumpen Namen zu Recht. Der Blick fällt in jähe Gletscherspalten, über das ewige Eis bewegen sich die kleinen Punkte einer Seilschaft.
Die Zermatter Bergbahnen haben einen Wettbewerb für das Klein Matterhorn ausgeschrieben. Heinz Julen hat ihn gewonnen. Er will eine gläserne Pyramide auf den Gipfel bauen. Mit Aussichtsplattform, Hotel und allem Pipapo. Das spektakuläre Objekt soll aus dem 3883 Meter hohen Berg einen Viertausender machen. Julen verspricht, dass sein Glashaus energieautark funktionieren und rückbaubar sein wird.
War klar, dass dieses Projekt provoziert. Naturschützer attestieren dem Architekten Größenwahn. Heinz Julen findet die Kritik heuchlerisch. "Entweder bauen wir hier eine spektakuläre Inszenierung für die Alpen", sagt er, "oder aber wir geben diesen Berg konsequent der Natur zurück und montieren die Seilbahn ab."
Im Moment gilt das Projekt als tot. Aber aus anderen Gründen: In Zeiten der Finanzkrise wagt sich Zermatt nicht an eine solche Extravaganz. Nur Heinz Julen will die Idee von seiner Pyramide noch nicht beerdigen. "Man muss antizyklisch denken", sagt er.
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