TV-Kulissen von "Downton Abbey": Einfamilienhaus mit 300 Zimmern

"Downton Abbey" heißt eigentlich Highclere Castle: In dem Schloss südwestlich von London entsteht die erfolgreiche britische TV-Serie über hohe Herrschaften und niedere Diener. Wer hier allerdings nach dem Personal klingelt, wird arg enttäuscht.

England: Das Heimatschloss des TV-Adels Fotos
TMN

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Die grünen Hügel Englands heben und senken sich wie die Wogen des Meeres. Wiesen und vereinzelte mächtige Bäume bestimmen das Bild. Kein Mensch weit und breit, nur Schafe, so weit das Auge reicht. Und dann plötzlich der Ausruf: "Da ist es!" Für Augenblicke kommen die Zinnen eines Turmes zum Vorschein, zu kurz, um Einzelheiten zu erkennen, aber lange genug, um eine Atmosphäre gespannter Erwartung zu erzeugen. Zwei Wegbiegungen weiter steigt es endlich am Horizont empor wie aus einem Wellental: Downton Abbey. Welch ein Auftritt!

"Downton Abbey" ist die zurzeit erfolgreichste britische Fernsehserie, ein weltweiter Exportschlager, der schon in über 100 Länder verkauft worden ist. Zu den Fans zählt unter anderen US-Präsidentengattin Michelle Obama - sie ließ sich die dritte Staffel sogar vorab zukommen. In Deutschland lief die erste Staffel des Adelsepos im ZDF, die zweite soll auch dort ausgestrahlt werden.

In der Serie steht das Schloss in Nordengland, aber das ist ebenso wie der Name des Anwesens eine Erfindung des Drehbuchautors Julian Fellowes. In Wahrheit heißt Downton Abbey Highclere Castle und liegt südwestlich von London.

Ägyptisches Museum inklusive

Das Schloss ist Stammsitz der Carnarvons, eines der ältesten englischen Adelsgeschlechter. Ein Ägyptisches Museum im Keller erinnert bis heute an den berühmtesten Vertreter der Sippe, den 5. Earl of Carnarvon. Er war es, der sein ganzes Vermögen in die Suche nach dem Grab des Tutanchamun im Tal der Könige steckte - und mit dem Fund am 27. November 1922 dafür märchenhaft belohnt wurde.

"Können Sie etwas sehen?", fragte er seinen Ausgrabungsleiter Howard Carter, als dieser durch ein Loch in der versiegelten Tür spähte. Worauf dieser die legendäre Antwort gab: "Ja, wundervolle Dinge!" Nur vier Monate später starb der Lord an einem Moskitostich - die Zeitungen schrieben, der Fluch des Pharao habe ihn getroffen.

Auf einer unscheinbaren Kommode steht ein kleines gerahmtes Foto, das die Familie Carnarvon mit Prinzessin Diana zeigt. Aber im Umgang mit der Außenwelt gibt man sich jetzt bürgerlich-jovial. Die Frau, die da in Gummistiefeln und Jeans über den Hof kommt, ist Mylady herself. Zerzauste Haare, offenes Lachen - keine Spur von spätfeudaler Distanz. Wenn im Schloss gefilmt wird oder wenn es zur Besichtigung freigegeben ist, lebt sie mit ihrem Mann, dem 8. Earl, in einem Anbau in der Nähe der Stallungen.

Dennoch ist das Schloss bis heute kein Museum, sondern ein Einfamilienhaus. Es umfasst ungefähr 300 Zimmer, ab und zu kommt noch eines dazu. So fand sich vor einiger Zeit hinter einem Schrank eine Geheimtür zu einem bis dahin unbekannten Treppenhaus.

Unbezahlbares Dienstpersonal

Trotz dieser Ausmaße ist das Schloss deutlich kleiner, als es im Fernsehen scheint. Und noch ein anderer Eindruck drängt sich dem "Downton Abbey"-Fan auf: Das Schloss wirkt ausgestorben. Wo ist der Butler, die Köchin, die Zofe? Die traurige Wahrheit ist: Die Parallelgesellschaft der dienstbaren Geister hat sich schon vor langer Zeit aufgelöst - sie war unbezahlbar geworden. Deren Gemächer einschließlich der Küche existieren nicht mehr, sie mussten für "Downton Abbey" in Filmstudios nachgebaut werden.

Zu den größten Herausforderungen der Serie zählt es, die im Studio gedrehten Szenen aus der Welt von unten mit denen von oben überzeugend zu verbinden. Wenn ein Diener mit dampfendem Braten aus der Küche läuft und ihn im nächsten Moment im Speisesaal auftischt, dann sind das zwei Szenen, die im Abstand von mehreren Wochen an unterschiedlichen Orten gedreht wurden.

Die Welt der Diener sucht man also vergeblich, aber für das Herrschaftsbiotop nutzt das Filmteam ausschließlich die Originalsäle von Highclere. Wer die Serie gesehen hat, erkennt sie auf Anhieb. Und auch wieder nicht, denn alles ist so leer, so ungewohnt still. Wenn man in einem dem Garten zugewandten Salon sitzt, weil sich Mylady gerade noch umkleidet, hört man nichts außer dem Blöken der Schafe. Keine Schritte, kein Klingeln, kein Klappern. Einst beschäftigte das Schloss 60 Bedienstete - weit mehr als in der TV-Version.

Jede Menge Reparaturen nötig

In einem Gang hängt noch das Bellboard, auf dem alle wichtigen Räume verzeichnet sind, bis hin zu Lord Carnarvons Dampfbad. Wenn der Lord irgendwo im Haus einen Wunsch verspürte, musste er nur auf einen Knopf drücken, und schon läutete unten eine Glocke, um die Dienerschaft zu alarmieren. Ein Licht auf dem Bellboard gab an, in welchem Raum gerade Hilfe erwünscht war.

Heute fließen alle Einnahmen in die Instandhaltung des riesigen Hauses. Obwohl Highclere Castle viele Besucher anzieht und außerdem Hochzeiten und Konferenzen ausrichtet, ist doch nicht zu übersehen, dass auch die Carnarvons sparen müssen. Hier und da blättert die Farbe von den Fußleisten, die einfach verglasten Fenster werden nachts mit groben Holzpanelen zusätzlich abgedichtet.

Wenn gerade gedreht wird und Platz gemacht werden muss, stapelt sich ein Großteil des Mobiliars in einem Raum. Wer einmal in einer Altbauwohnung gelebt habe, könne sich vielleicht eine Vorstellung davon machen, was in diesem Mega-Altbau so alles an Reparaturen anfalle, seufzt Fiona Carnarvon.

Die Lady spürt wohl selbst, dass die Stille im Schloss etwas Trauriges hat. Ungefragt kommt sie darauf zu sprechen, wie anders es hier zugeht, wenn das Haus von Zeit zu Zeit aus dem Dornröschenschlaf erwacht. "Wenn Gäste kommen, kann es hier wunderbar sein. Von oben hört man Schritte und Stimmen, und das Schönste ist, durch die Korridore zu laufen und überall Licht unter den Türen durchscheinen zu sehen. In solchen Momenten weiß ich: Highclere lebt wieder."

Christoph Driessen/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Besser recherchieren bitte
mks1412 03.02.2013
"Auf einer unscheinbaren Kommode steht ein kleines gerahmtes Foto, das die Familie Carnarvon mit Prinzessin Diana zeigt." Es gibt keine Familie "Carnarvon". Der Titel "Earl of Carnarvon" wird von der Famile Herbert geführt. Der älteste Sohn erbt ihn. Alle anderen heissen Herbert mit Nachnahmen mit dem Zusatz "The honourable" für die jüngeren Söhne und "Lady" für die Töchter. Auch die Anrede "Mylady" wird nur von Dienstpersonal verwendet. Da es die kaum noch gibt, ist er redundant und im Übrigen lächerlich.
2. optional
kjartan75 04.02.2013
Leider hat es das ZDF wieder verstanden, durch unmögliche Programmplatzierung, die gut gemachte Serie in Deutschland untergehen zu lassen. Vielen Dank dafür, dass man sich in der Prime Time mit jedem Mist konfrontiert wird, aber wenn man etwas Gutes im Programm hat, dies dann auf unterschiedlichen unregelmäßigen Terminen verrotten zu lassen.
3.
philip2412 04.02.2013
Zitat von kjartan75Leider hat es das ZDF wieder verstanden, durch unmögliche Programmplatzierung, die gut gemachte Serie in Deutschland untergehen zu lassen. Vielen Dank dafür, dass man sich in der Prime Time mit jedem Mist konfrontiert wird, aber wenn man etwas Gutes im Programm hat, dies dann auf unterschiedlichen unregelmäßigen Terminen verrotten zu lassen.
2 Menschen,1 Gedanke.Hatte die ersten Teile bei ZDF-Neo (?) gesehen und verzweifelt im Wust verschiedener Tage und Zeiten nach der Fortsetzung im ZDF gesucht und dann irgendwoo im Nachmittagsprogramm zu finden.Pilcher um 20.15 freitags kriegt man hin,aber die bessere Serie läßt man vergammeln.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Großbritannien-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare