Höhlentauchen in Frankreich: Au revoir, Sonnenlicht

Von Linus Geschke

Beim Höhlentauchen hängt das Leben an einem Faden. Wer in die Dunkelheit der Felsengänge eintaucht, muss die Führungsleine fest im Griff behalten - und viel mehr Disziplin beweisen als Wagemut. Ein Abstieg in Welten, in denen man einsamer ist als auf dem Mond.

Höhle Ressel: Expedition in die ewige Nacht Fotos
Ralph Wilhelm

Gemächlich schlängelt sich die Célé am südfranzösischen Dorf Marcilhac vorbei. Links und rechts des Ufers wachsen Eschen und Buchen. Sonst wirkt die bergige Landschaft im Department Dordogne/Lot eher karg und schroff. Eine einsame Ziege blökt, alte Männer stehen in kleinen Grüppchen auf der Hauptstraße beisammen. Als wäre irgendwann in den sechziger Jahren die Zeit stehengeblieben. Wenn da nicht diese Deutschen in ihren gummiartigen Anzügen wären, die schnaufend schweres Tauchgerät ans Flussufer wuchten.

Rund um Marcilhac hat man sich an den Anblick gewöhnt. Die Taucher sind auf dem Weg zur "Emergence du Ressel", einer Höhle, die weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt ist. Der Einstieg zur Ressel, wie Taucher sie nennen, liegt inmitten des Flüsschens. Wer rein will, muss erst ein paar Meter durch die trübe Brühe schwimmen, bis zum Eingang der Höhle, aus der kristallklares Wasser kalt in das Flussbett strömt.

Langsam dringen die Taucher ein, einer nach dem anderen. Hinein in eine Welt, die nur noch vorwärts oder rückwärts kennt, aber kein oben oder unten mehr.

Für Ralph Wilhelm, Tauchlehrer und Autor mehrerer Fachbücher, ist die Ressel fast zur zweiten Heimat geworden. Immer wieder kehrt er hierhin zurück, um im Auftrag der Ausbildungsorganisation PATD Höhlentauchkurse abzuhalten. Mitmachen kann im Prinzip jeder, sofern er über Erfahrung, die nötigen Fähigkeiten und die richtige Ausrüstung verfügt - und keine Angst vor Enge kennt.

Gefordert ist Disziplin, nicht Mut

Was Wilhelm nicht gebrauchen kann, sind Wagemutige, die eine Höhle für einen Abenteuerspielplatz für Erwachsene halten: "Es gibt mutige Höhlentaucher und alte Höhlentaucher. Es gibt aber keinen mutigen alten Höhlentaucher."

Wichtig ist Disziplin im Umgang mit dem Atemgas. Getaucht wird in der Ausbildung nach der 1/6-Regel: ein Sechstel für den Hinweg, ein Sechstel für den Rückweg und vier Sechstel als Reserve. Trockentauchanzüge und imposante Atemflaschen mit zwei separat absperrbaren Atemreglern sind Standard.

Wilhelm ist der Erste in der Höhle. Er schaut sich um: Hinter sich sieht er die Kursteilnehmer im Gegenlicht, ihre Lampen zaubern Lichtreflexe ins klare Wasser der ewigen Dunkelheit. Die Mystik des Höhlentauchens - sie ist schon auf den ersten Metern zu spüren.

30 Meter weit sind die Taucher mittlerweile in die Ressel vorgedrungen, umgeben von schroffem Fels. Wie flüssiges Quecksilber sieht ihre Ausatemluft aus, die sich an der Höhlendecke sammelt. Der richtige Flossenschlag und die perfekte waagerechte Trimmung sind hier überlebenswichtig: Ein falscher Tritt, und aufgewirbeltes Sediment würde die Sicht schlagartig verdunkeln.

Für den ersten Tauchausflug in den gut sechs Meter breiten Gang sind 30 Meter weit genug. Wilhelm gibt das Zeichen zur Umkehr.

Ein großes O für die Leine

Die folgenden Tage wird trainiert. Tauchlampen werden ausgeschaltet, der Umstieg auf die Ersatzlampe geübt - das sogenannte Back-up-Light -, und manchmal müssen die Schüler den Weg nach draußen mit geschlossenen Augen finden. Damit dies gelingt, werden in Höhlensystemen Führungsleinen verlegt. Sie sind die wichtigste Lebensversicherung.

"Kein Millimeter ohne Leine", sagt Wilhelm. "Das Missachten dieser einfachen Sicherheitsregel kostet jedes Jahr mehrere Menschen das Leben." Selbst bei totaler Dunkelheit führt die Leine Taucher nach draußen.

Die Grundregel ist: "Mit den Fingern ein großes O formen, in dessen Mitte dann die Führungsleine verläuft." Die andere Hand sollte man sich beim Blindschwimmen durch die ewige Nacht jedoch tunlichst vor den Kopf halten. Beim Kontakt zwischen Kopf und Fels bleibt meist der Felsen als klarer Sieger zurück.

Der Lohn für all das Training sind Anblicke, wie sie den meisten Menschen zeitlebens verborgen bleiben: diffuse Lichtspiele an unterschiedlichsten Gesteinsformationen in Braun, Grau und Rot. Luftgefüllte Räume, die sich einer Kathedrale gleich hinter engen Gängen erheben.

Es ist eine lebensfeindliche Welt, die sich den Tauchern erschließt. Lediglich ein paar asselartige Tiere von rund zwei Zentimeter Länge leben hier, zur Orientierung benutzen sie ihre am Kopf befindlichen Antennen.

Die ersten 170 Meter der Ressel verlaufen noch ohne Abzweigung in rund elf Meter Durchschnittstiefe. Danach trennen sich zwei Gänge T-förmig, später laufen sie wieder zusammen. Maximal 400 Meter weit dringen Ausbilder und Schüler bei optimalen Bedingungen in die Höhle vor, dann ist Schluss - zumindest auf diesem Leistungslevel.

Mehr Überlebenstraining als Tauchkurs

Für den Profi Wilhelm ging es auch schon deutlich weiter. Er erinnert sich noch gut an seinen ersten Vorstoß zur Biwakhalle, einer Auftauchstelle, die knapp zweieinhalb Kilometer hinter dem Einstieg liegt. "Als ich mich dort umschaute, wurde mir bewusst, dass mehr Menschen auf dem Mond waren als in dieser Halle. Das ist schon ein ergreifender Gedanke."

Drei Stunden Hinweg, 80 Meter Maximaltiefe, dann wieder drei Stunden zurück - solche Expeditionen haben mit dem normalen Sporttauchen so viel gemeinsam wie eine Bergwanderung mit der Besteigung des Mount Everest.

Eine Woche dauert die Ausbildung zum "Cave 1", maximal 15 Tauchgänge werden in dieser Zeit absolviert. Eine Garantie auf das Bestehen des Kurses gibt es nicht. Aber wer alle Übungen erfolgreich absolviert hat, hält anschließend ein international anerkanntes Brevet für Höhlentauchgänge in den Händen.

Für Ralph Wilhelm ist eine solche Ausbildung denn auch "mehr Überlebenstraining als Tauchkurs". Und ob Schüler oder Trainer, eines eint sie am Ende des Tauchganges: Nach der Rückkehr aus der Unterwelt, wenn man den Ausgang wieder vor Augen hat, wirkt das Flüsschen Célé auf einmal gar nicht mehr so trüb und dunkel - bienvenue, Sonnenlicht!

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Abgetaucht
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback