Höhlentour in der Schweiz Abstieg ins Höllenloch

Trekking Team

2. Teil: Schweizer Spezialität gegen die Kälte


Für Höhlenführer Lussmann ist das Hölloch mehr als ein dunkler Hohlraum. "Der Stress von außen kommt hier nicht rein", sagt der 33-Jährige. Hier drinnen, tief im Gestein, könne er abschalten, zu sich kommen. Die Sinne erleben eine Verschnaufpause. In der Finsternis fallen auch Kleinigkeiten wieder auf, etwa die filigranen Schattenspiele, die die Leuchten an den Wänden entstehen lassen. Weil es in der Höhle vollkommen still sei, richte sich die eigene Aufmerksamkeit nach innen. "Hier drinnen kann man spüren, wo man im Leben steht", sagt Lussmann.

Am Abend sitzen die Höhlengänger wieder auf den Bänken im Biwak. Das Licht zweier Tischlampen taucht die Gesichter in fahles Licht. Zufrieden mit den Erlebnissen sind sie, doch der Tag im Fels hat Spuren hinterlassen: "Das wird einige blaue Flecken geben", sagt Markus. Käsefondue wärmt von innen, während die Kälte von außen durch die Kleidung schleicht. Die Temperatur im Hölloch beträgt konstant 6,5 Grad Celsius.

Der Bergbauer Alois Ulrich entdeckte 1875 zufällig den Eingang des Höllochs. Er berichtete damals von einem "Hälen", das so viel wie ein "rutschiges Loch" bedeutet. Daraus entstand der heutige Name, der also nichts mit der Hölle zu tun hat. 1905 begann eine belgisch-schweizerische Gesellschaft, die Höhle touristisch zu erschließen. Der Eingangsbereich wurde künstlich beleuchtet, Treppen und Geländer installiert. Als die Firma fünf Jahre später pleite ging, wurde es still um das Hölloch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wagten sich Forscher erneut in die Höhle. 1995 kaufte die Firma Trekking Team die Nutzungsrechte. Seitdem besichtigen wieder Touristen die Höhle, im Sommer bei Kurzführungen, im Winter bei mehrtägigen Expeditionen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Höhlen sei der Eingang des Höllochs problemlos zu erreichen, sagt Firmeninhaber Peter Draganits, und das Innere einfach zu begehen. Er will allerdings mehr als Abenteuer bieten: Die Besucher sollen erfahren, dass grundlegende Dinge wie Licht in der Höhle überlebenswichtig sind, während etwa Geld jeglichen Wert verliert. "Ein 500-Euro-Schein brennt gerade mal zwei Sekunden. Eine Taschenlampe spendet dagegen stundenlang Licht, ohne das es kein Überleben gibt." Auch das Miteinander sei in der Unterwelt weniger oberflächlich. "Wenn ein anderer sein Essen mit dir teilt, weil du es vergessen hast, dann hat das einen anderen Stellenwert", sagt Draganits.

Sensoren messen den Wasserstand

Nach einer Nacht verlassen wir am nächsten Nachmittag das Biwak in Richtung Ausgang. Während am Tag zuvor ein Gang dem nächsten glich, erkenne ich jetzt viele Passagen wieder, auch die Alligatorsteige, die wir erklommen hatten. Schritt für Schritt klettere ich die Schrägwand wieder hinunter, während mein Karabiner an einem Stahlseil hängt und mich sichert. Ab und zu erleichtern in den Stein eingelassene Metallklammern und Leitern das Vorankommen. Manchmal rutsche ich einfach die paar Meter bis zum nächsten Plateau.

Im Siphon ist der Wasserstand gefallen. Während wir ihn am Tag zuvor nur mit einem Schlauchboot überqueren konnten, waten wir nun in Gummistiefeln hindurch. Im Winter ist diese Stelle oft passierbar, weil auf den Bergen der Niederschlag als Schnee fällt. Wird es jedoch wärmer, fließt der Regen von der Oberfläche in das Hölloch und stürzt durch die Gänge zum Höhleneingang. Dabei bleibt Wasser im u-förmigen Siphon stehen, verschließt den Weg - und wird zum unüberwindbaren Hindernis. Um davon nicht überrascht zu werden, sind in der gesamten Höhle Sensoren verteilt, die via Funk ständig über den Wasserstand informieren.

Nach zwei Tagen, rund 15 Kilometer Fußweg und 1500 Höhenmetern im Berg trete ich aus dem Hölloch wie durch eine Schleuse. Hat mich gerade noch die Finsternis umhüllt, so bin ich jetzt für einige Augenblicke geblendet. Dann erst spüre ich, wie sehr mir die Sonne gefehlt hat. Der Ausgang des Höllochs ist zugleich der Beginn der Höllschlucht, die sich in den Wald gegraben hat. Die Steinwände sind von Moos bedeckt. Das matte Grün leuchtet, genauso das rötliche Braun der längst verwelkten Blätter, die überall auf dem Boden liegen.

Herrliche Farben, denke ich. Eine wunderbare Welt, die ich ohne mein Höhlenabenteuer so nicht wahrgenommen hätte.



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eternalorakel 17.03.2011
1. Was suchen die da?
Na hoffentlich geraten die da unten nicht an die angriffslustigen Reptos...
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