Hollywood-Stars auf Mallorca John Wayne im Whiskyrausch

Errol Flynn machte Fechtübungen, John Wayne soff, Ava Gardner suchte vergeblich Anschluss: Schon in den fünfziger Jahren war Mallorca das Lieblingsziel vieler Hollywood-Stars. Sie fanden hier Ruhe vor den Paparazzi - und bescherten Hotel-Mitarbeitern unvergessliche Stunden.

Von Helge Sobik

Helge Sobik

Martin Xamena hat ihn noch immer genau vor sich, den Mann, von dem er Mitte der fünfziger Jahre das Fechten lernte. Diese Statur, das markante Kinn, den dünnen Schnurrbart. Seine Augen leuchten, wenn er von Hollywoods führendem Filmpiraten jener Zeit erzählt, als ob es gestern gewesen wäre. Die Rede ist von Errol Flynn.

Der aus Australien stammende Schauspieler hatte dem damals Achtjährigen auf der Terrasse des elterlichen Hotels Bon Sol in Illetas gezeigt, wie man wie ein echter Freibeuter kämpft. "Er brachte es meinem Bruder und mir mit dem Holzschwert bei", sagt Xamena, "war natürlich unser Idol und wurde ein enger Freund der Familie." Einer, der bald ein Haus in der Nachbarschaft kaufte, es für eine kurze Zeit bewohnte, eines der Küchenmädchen als Haushälterin abwarb, später auf seinem Segelboot im Hafen von Palma de Mallorca lebte.

Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren zog Mallorca die Hollywood-Stars an - ganz privat ein paar Urlaube lang ebenso wie für Dreharbeiten. Gary Cooper und Rita Hayworth kamen, Lauren Bacall und Audrey Hepburn, Anthony Quinn und John Wayne. Es ist eine fast vergessene Facette der Insel-Geschichte, doch für sie alle war das Balearen-Eiland ein Fluchtpunkt weit weg von zuhause, ein sonniges Hideaway fernab der heimischen Klatschreporter-Meute.

Manche hatten einen noch besseren Grund, herzureisen: Sie haben diese Insel geliebt - ihre Landschaft, ihr Licht, ihre Luft, ihren Duft, die Küche, den Menschenschlag. Sie kamen immer wieder - wie Peter Ustinov, der so oft da war, dass er viele Mitarbeiter seines Ferienhotels mit Namen ansprach.

Landläufig gilt die Ansicht, dass erst Michael Douglas Mallorca für den internationalen Film-Jetset entdeckt hat. Dabei ist er nur der Erste, der seine Leidenschaft öffentlich machte. Er ließ sich sogar in Werbekampagnen für die Insel einspannen und engagiert sich bis heute für den Naturschutz.

Seit den neunziger Jahren hat Douglas ein Haus auf der Insel, das Gut S'Estaca, bei Valldemossa. Mit seiner Frau, der Hollywood-Schauspielerin Catherine Zeta-Jones, ist er häufig dort. Und manchmal bringt er Freunde mit - Goldie Hawn und Jack Nicholson zum Beispiel.

Vorpremieren im Untergeschoss

Im Hotel Formentor am nördlichsten Punkt der Insel ist er auch schon gesehen worden - nicht als Übernachtungsgast zwar, aber zum Essen in einem der Restaurants. Jahrzehntelang war es auf Mallorca die erste Adresse für die internationale Prominenz - gerade für die von der Leinwand. Der langjährige Besitzer Miguel Buadas liebte das Kino so sehr, dass er im Untergeschoss des langgestreckten Hotelgebäudes ein eigenes Filmtheater mit 127 Plätzen einbaute.

Manche der roten Samtbezüge sind heute ein wenig abgesessen, aber der Kinosaal im Keller hat den Charme eines Privattheaters aus den Glanzzeiten des Kinos bewahrt: "Neueste Filmrollen ließ er noch vor der offiziellen Premiere per Taxi aus Palma kommen. Wenn dort am Samstag Premiere war, lief der Film bei uns am Freitagabend", erinnert sich Toni Cifre, der seit gut dreißig Jahren hier arbeitet und dessen Vater fast ein halbes Jahrhundert im selben Hotel an der Bar beschäftigt war. "Vollbesetzt war das Kino fast nie", gibt er zu.

Weil die, die mitgespielt hatten, den Film ja schon kannten. Aber mehr noch, weil die Gäste lieber draußen in der Sonne saßen, am Pool oder unten am Strand. Sie schauten einander lieber beim Leben zu, statt eine fiktive Geschichte in einem abgedunkelten Saal zu verfolgen. So waren sie Zeuge, wenn Stammgast Peter Ustinov seine Späße machte - etwa, wenn er mit Schalk im Nacken Hupgeräusche täuschend echt imitierte, sobald er in seinen letzten Jahren mit Gehwagen oder im Rollstuhl um die Ecke bog.

Sie sahen zu, wenn Sean Connery durchs Meer kraulte und wieder an Land ging. Und manche waren Zeuge bei John Waynes Trinkgelagen an der Hotelbar von Toni Cifres Vater Pedro. Der musste mal bis morgens um halb sieben aufbleiben, obwohl normalerweise nachts um eins Feierabend war: Weil John Wayne in bester Plauderlaune war und einen Whisky nach dem anderen orderte.

Kinoflop trotz traumhafter Kulisse

Der Westernheld war im Urlaub - ein anderer war zum Arbeiten gekommen: Anthony Quinn drehte derweil an der Playa el Mago zwischen Magaluf und Santa Ponça ein paar Einstellungen für "Teuflische Spiele" (im Original "The Magus"), einen Film, der nicht weiter im Gedächtnis blieb.

An der Kulisse kann es nicht gelegen haben. Sie hat noch heute ihren Zauber und liegt weit abseits der touristischen Rennstrecken: Eine lang gewundene Pflasterstraße durch einen Pinienwald führt dorthin, und Hinweisschilder gibt es keine. An einem sandigen Wendehammer oberhalb der Küste endet sie. Ein paar Autos parken dort, und unten in der Bucht haben diesen Vormittag drei Yachten Anker geworfen. Eine Beachbar gibt es, dazu Kellner Antonio, der zu jung ist, um sich an Señor Quinn aus Kalifornien zu erinnern.

Der schmale Strand gehört inzwischen Nudisten, die hier ziemlich unter sich sind, das türkisfarbene Meer den Yachten und ein paar Seekajaks. Es ist dort meistens so still wie während des Drehs vor über vier Jahrzehnten. Das Szenario scheint außerhalb der Zeiten zu existieren - und das auf einer Insel, die ihr Gesicht rasant gewandelt hat, seit mit Flynn, Gardner, Hayworth und Gefolge zahlreiche Hollywood-Helden hier auftauchten.

Aus dem kleinen Hotel Bon Sol, damals 14 Zimmer groß und in einer Villa untergebracht, ist mittlerweile eine verschachtelte Burg mit 231 Betten und Privatstrand geworden. Im Hotel Formentor haben sich vor Jahren Israels heutiger Präsident Schimon Peres und der frühere Palästinenserführer Jassir Arafat zu Gesprächen getroffen. Neben Michail Gorbatschow ist dort sogar mal der Dalai Lama abgestiegen und, berichtet das Zimmermädchen, schlief keineswegs auf dem Fußboden, sondern ganz normal im Bett.

Übernachten in der Ustinov-Suite

Der Besitzer hat inzwischen gewechselt, Barkeeper Pedro Cifre ist in Ruhestand gegangen. Aber den Kinosaal gibt es noch immer, dazu all die Geschichten und Erinnerungen. Und eine Peter-Ustinov-Suite ist neu hinzugekommen. Dafür waren keine Umbauten nötig. Nur eine Plakette musste man neben der Tür des einstigen Lieblingszimmers dieses Hollywood-Granden schrauben - und drinnen möglichst alles so lassen, wie er es geschätzt hat. Mit Stehlampe, Sitzecke und Karo-Decke. Und mit diesem Blick über Pool und Pinien aufs Mittelmeer.

Seit den Zeiten, als die Fünfziger-Jahre-Filmschönheit Ava Gardner im Maricel zu Besuch war, hat sich auch das Edel-Hotel am Stadtrand von Palma gründlich verändert. Es war sogar für anderthalb Jahrzehnte geschlossen, ist heute ein durchgestyltes Schloss am Meer mit 29 Zimmern im Haupthaus geworden, bei dem nur die Außenmauern aufeinander geblieben sind.

Inzwischen kommen neue Stars - zuletzt Adam Sandler und Chris Rock. Sie wissen vielleicht nicht, dass Flynn hier mal gewohnt hat. Dass Mrs. Gardners Anrufe vom Rezeptionstresen aus auf seinem Zimmer anrief - und dass er einfach im Bett blieb und fortan nicht mehr abnahm. Er wollte nicht gestört werden, egal, wer nach ihm verlangte. Flynn bewies, dass Hollywood-Piraten standfest zu ihren Entscheidungen stehen.

So schön es gewesen wäre, gemeinsam einen Drink auf der von Säulen getragenen Veranda zu nehmen. Was man hier heute drehen könnte? Auf dieser Terrasse und auf Mallorca? Direktorin Mar Soler weiß es genau: "Alles, was mit einer guten Zeit zu tun hat."

Vom Autor dieses Beitrags erscheint im Juli das Mallorca-Buch "Miró und der Mann mit der Mandarinenkiste" im Picus Verlag, im Buchhandel für 14,90 Euro.



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insgesamt 2 Beiträge
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Guillermo Emmark 29.03.2012
1. Ausgeschlafen SpOn?
Zitat von sysopHelge SobikFilmpirat Errol Flynn machte Fechtübungen, John Wayne soff, Ava Gardner suchte vergeblich Anschluss: Schon in den fünfziger Jahren war Mallorca das Lieblingsziel vieler Hollywood-Stars. Sie fanden hier Ruhe vorm Starrummel - und bescherten Hotel-Mitarbeitern unvergessliche Stunden. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,823868,00.html
Dann guten Morgen! Das Tramuntana Gebirge auf Mallorca wurde nämlich bereits am 27.6.2011 zum Weltkulturerbe erklärt. Und nicht etwa zum Weltnaturerbe, wie zuvor die Bildzeitung mutmasste. Kultur wegen der arabischen Terrassenbewirtschaftung und wegen einer speziellen Kühltechnik: In tief gelegenen Höhlen wurde gepresster Schnee eingelagert und zu Eis, das dann im Sommer zur Kühlung von Lebensmittel am Königshof verwendet wurde. Cultural Landscape of the Serra de Tramuntana - UNESCO World Heritage Centre (http://whc.unesco.org/en/list/1371)
Stelzi 29.03.2012
2. Ballermann
Zitat von sysopHelge SobikFilmpirat Errol Flynn machte Fechtübungen, John Wayne soff, Ava Gardner suchte vergeblich Anschluss: Schon in den fünfziger Jahren war Mallorca das Lieblingsziel vieler Hollywood-Stars. Sie fanden hier Ruhe vorm Starrummel - und bescherten Hotel-Mitarbeitern unvergessliche Stunden. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,823868,00.html
Demnach hat John Wayne also den Ballermann begründet? Jetzt wird mir alles klar!
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