Hostelprojekt in Albanien: Ein Bett im Bunker

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Hunderttausende Bunker verschandeln die Natur in Albanien - sie leerstehen zu lassen, empfand eine Studentin aus Mainz als sinnlos. Ein deutsch-albanisches Forschungsteam baut nun einen der Betoniglus in ein Hostel um, als Beispiel für nachhaltigen Tourismus.

Tourismus in Albanien: Betonburg für Backpacker Fotos
Stefanie Pretnar

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Touristen werden durch Schießscharten in die schöne Landschaft blicken. Sie werden unter 1,30 Metern dicken Betonkuppeln träumen und vielleicht einen Gedanken an den Diktator verschwenden, der einst Hunderttausende Bunker bauen ließ und Albanien zu einem der am stärksten isolierten Länder der Welt machte.

Im Küstenort Tale, rund 50 Kilometer von der Hauptstadt Tirana entfernt, arbeiten derzeit je zehn Studenten deutscher und albanischer Hochschulen an einem Tourismusprojekt, das Balkanfans interessieren dürfte. Sie bauen einen ehemaligen Geschützbunker in ein Hostel um, in dem Platz für bis zu acht Personen sein wird. Zunächst ist nur eine einzige Bunkersanierung geplant - aber das könnte sich bald ändern.

Enver Hodscha hieß der Mann, der in den siebziger und achtziger Jahren rund 750.000 igluförmige Schutzräume errichten ließ, über das ganze Land verstreut. Der kommunistische Staatschef fürchtete sich vor ausländischen Invasoren und wollte seinem Volk mit den Betonbauten eine Zuflucht für den Notfall bieten - oder aus ihnen potentielle Feinde angreifen. In den Bunkern spiegelt sich die beispiellose Paranoia des Diktators.

Iva Shtrepi heißt die Frau, die die grauen, überflüssig gewordenen Betonpilze zweckentfremden will. In ihrer Diplomarbeit mit dem Titel "Bunkerkunft" skizzierte sie eine Idee, wie das boomende Tourismusland von den Geschützbunkern profitieren kann: Man sollte sie in Hostels umwandeln.

Versiegelte Landschaften

Markus Pretnar, Shtrepis Dozent an der Fachhochschule Mainz, war so begeistert von der Idee, dass er aus der Theorie Praxis machte. Seine Studenten beschäftigten sich mit der Thematik in Seminaren, machten Entwürfe und knüpften erste Kontakte nach Albanien. "Die Diplomarbeit hat sich zu einem Forschungsprojekt entwickelt", sagt Innenarchitektur-Professor Pretnar. Er ist überzeugt, dass Albanien mit dem Tourismus-Boom überfordert ist. "Man muss sich nur die versiegelten Landschaften an der Adriaküste ansehen, auch im Nachbarland Montenegro. Da ist zu viel und zu schnell gebaut worden."

Das deutsch-albanische Tourismusprojekt soll vor allem den Menschen vor Ort nützen. Der Bunker, den die Studenten in diesen Tagen zu einem gemütlichen Hostel-Iglu ausbauen - mit Holzfußböden, einer Matratzenlandschaft, Duschbox und kleiner Kochnische - ist nur ein Prototyp. Wenn es Backpackern gefällt, könnten aber viele andere Bunker ebenfalls in Unterkünfte verwandelt werden. "Sie stehen überall", sagt Pretnar, "in den Albanischen Alpen, in Naturschutzgebieten, in Städten und auf dem Land." Offiziell gehören sie dem Verteidigungsministerium, aber die Nutzungsrechte sind an die Privatpersonen übertragen worden, auf deren Grundstücken die Bunker stehen.

Jeder, der Interesse an dem Projekt hat, kann das Konzept adaptieren und seinen eigenen Bunker gestalten. Unter zwei Bedingungen: Zum einen müssen die Hochschulen in Mainz und Tirana als Ideengeber genannt werden. Und außerdem sollen alle Bunkerhostels unter lokaler Verwaltung stehen. Weniger als acht Euro pro Person soll eine Nacht im "Bed and Bunker"-Hostel kosten.

"Perfekte Bedingungen für Rucksackreisende"

Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1990 stellte sich nicht sofort der Aufschwung ein. Die Bevölkerung litte Ende der Neunziger massiv unter den Folgen des Kosovokriegs. Seit einiger Zeit aber herrscht touristische Aufbruchstimmung am Balkan - Menschen aus der ganzen Welt haben die Region als Reiseziel entdeckt. Besonders bei Individualurlaubern ist Albanien beliebt.

"Wir wollen Tirana sehen, in die Berge fahren und zum Strand", sagt Artur Schock, der in den kommenden Tagen seinen Rucksack packen und mit zwei Freunden in Richtung Balkan aufbrechen wird. Der 26-jährige Fahrradkurier aus Berlin wird der erste Gast im Bunker-Hostel sein. Er freut sich auf die besondere Unterkunft. "Sie liegt ja fast am Strand - beste Lage quasi." Außerdem könne man darin bestimmt besser schlafen als im Zelt.

"In Albanien herrschen perfekte Bedingungen zum Rucksackreisen", sagt Schock. "Alle, die dort unterwegs waren, schwärmen von dem Land: von gastfreundlichen Menschen, wunderschöner Natur." Abgeschlossen ist seine Reiseplanung noch nicht. Fest steht bis jetzt nur ein Trip zum Komani-See und eine Nacht im "Bed and Bunker"-Hostel. Die Reisegruppe will außerdem in die abgelegene Küstenregion Himara fahren, zu einem Campingplatz mit albanischer Karaoke-Bar. "Wir lieben Karaoke", sagt Schock.

Später wird es auch noch in den Süden gehen, "weil dort die Strände besser sein sollen." Vielleicht steht ja auch hier ein Bunker, der eine liebevolle Renovierung vertragen kann.

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insgesamt 8 Beiträge
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WhereIsMyMoney 14.09.2012
"zu schnell und zu viel gebaut worden" Das kann man wohl sagen. Man kann eigentlich nicht zwei Jahre hintereinander im gleichen Ort Urlaub machen. Man findet ein Ort der einem gefällt, doch das spricht sich so schnell rum, dass er nächstes Jahr total überfüllt und zubetoniert ist. Man kann nur hoffen, dass Albanien nicht so wie Spanien endet. Individualtourismus in Albanien ist wirklich einmalig in Europa. An Neuseeland kommen sie zwar nicht ran, aber wer kann das schon?
2. sie leerstehen zu lassen, empfand eine Studentin aus Mainz als sinnlos
zephyros 14.09.2012
die Leute vor Ort sind auch nicht auf den Kopf gefallen, aber eine deutsche hatte jetzt eine tolle Idee. es hat seinen Grund, warum niemand in den Dingern wohnt. Die Backpacker können einem jetzt schon leid tun. Sie werden nach der ersten Nacht wegen Depressionen in ein anderes "Hostel" umziehen.
3.
herkurius 14.09.2012
Wieso steht das was von "beispielloser Paranoia"? Der Autor sollte vielleicht mal detailliert über die Kuba-Krise, Waffenentwicklungen, den Kalten Krieg allgemein, dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühling" oder z.B. mit den Suchworten "Pluto Marschflugkörper" bei Wiki nach dem Weltuntergangsbomber recherchieren, von den üblichen ethnischen Säuberungen, die immer mal auf dem Balkan vorkommen, ganz abgesehen. Dass die Albanier auf eine Dreiviertelmillion bester Kartoffelkeller, die sie teuer bezahlt haben, verzichten könnten, ist klar. Aber es war wohl für alle anderen Mächte dadurch jahrzehntelang zu teuer, diesen rückständigen Winz-Staat einfach einzukassieren.
4.
crefelder 14.09.2012
Zitat von zephyrosdie Leute vor Ort sind auch nicht auf den Kopf gefallen, aber eine deutsche hatte jetzt eine tolle Idee. es hat seinen Grund, warum niemand in den Dingern wohnt. Die Backpacker können einem jetzt schon leid tun. Sie werden nach der ersten Nacht wegen Depressionen in ein anderes "Hostel" umziehen.
Genauer gesagt hatte eine Albanerin, die an der FH Mainz studierte die Idee. Fraglich, ob eine Deutsche da ohne persönlichen Bezug einen derartigen Eifer entwickelt hätte. Depressionen werden sicher nicht auftreten, da die Reisenden ja nicht komplette Tage im Bunker verbringen sollen. Er dient in erster Linie als Schlafstätte. ;-)
5. Ich glaube nicht.
marypastor 14.09.2012
Zitat von sysopStefanie PretnarHunderttausende Bunker verschandeln die Natur in Albanien - sie leerstehen zu lassen, empfand eine Studentin aus Mainz als sinnlos. Ein deutsch-albanisches Forschungsteam baut nun einen der Betoniglus in ein Hostel um, als Beispiel für nachhaltigen Tourismus. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,855204,00.html
dass es Toursiten nach Albanien zieht. Da gibt es schoenere Orte gleich nebenan. Und dann in diesen Bunkern uebernachten. Naja, ich wuensche den Initiatoren was.
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