Hostels in Deutschland WG für Nomaden

Australien und Asien machten es vor, zögerlich wurden in Deutschland die Ersten gegründet: Hostels für Backpacker, in denen sich die Nomaden aus aller Welt treffen und heimisch fühlen können. Von dem Jugendherbergs-Flair vergangener Zeiten ist hier nichts zu spüren.


Hamburg - Entspannt fläzt sich Dan im grünen Sessel und kratzt sich den Gipsarm. Eigentlich wollte der 24-jährige Australier nur ein oder zwei Tage in Hamburg bleiben. Doch dann riss ihn ein Lastwagen vom Fahrrad. Seit einer Woche wohnt er nun eigentlich zwangsweise im Hostel "Instant Sleep" - und genießt jede Minute. "Es ist wunderbar, ich habe in den wenigen Tagen Amerikaner, Italiener, Finnen, Russen, Koreaner und natürlich Deutsche kennen gelernt", sagt Dan über seine Unterkunft mit Gemeinschaftsraum, Küche und großen Schlafräumen. Das "Instant Sleep" ist eines von mehreren Dutzend sogenannter Hostels in Deutschland, die immer beliebter werden.

Speisesaal, Waschkammer und Internetcafé: Der Gemeinschaftsraum eines Hostels ist vieles in einem
GMS

Speisesaal, Waschkammer und Internetcafé: Der Gemeinschaftsraum eines Hostels ist vieles in einem

Allein im Verein "Backpacker Network Germany" mit Sitz in Hamburg sind 46 Hostels in 26 Städten organisiert, jedes Jahr kommen einige neu hinzu. Meist sind es kleinere Häuser, die gesamte Bettenzahl liegt bei rund 3100. "Alle Hostels werden von Privatpersonen geführt", sagt Carolina Kuhlmann, die zum Vorstand des Vereins gehört. Diese familiäre Atmosphäre sei charakteristisch. Die Häuser sollen Begegnungsstätten für Reisende aus aller Welt sein - fast so etwas wie "große, fluktuierende Wohngemeinschaften" für Studenten, Städtereisende, Praktikanten oder Eltern, die ihre Kinder besuchen.

Schnarcher im Hall of Dreams

Den Großteil der Gäste bilden aber vor allem im Sommer Backpacker aus aller Welt - Leute wie Dan also. Auf ihren Touren durch Europa oder um die ganze Welt steigen sie meist nur für wenige Tage in jedem Hostel ab. Viele reisen allein, beim Abendessen und Biertrinken werden Reiseziele, Anekdoten und Geheimtipps ausgetauscht. "Manchmal werden sogar Pläne für eine gemeinsame Weiterreise geschmiedet", sagt die 23-jährige "Instant Sleep"-Mitarbeiterin Lisa-Mia Schaich.

Der größte Unterschied zwischen Hostel und Hotel besteht in den Schlafmöglichkeiten: In den "Dorms" schlafen mehrere Gäste in Stockbetten oder dicht nebeneinander stehenden Einzelbetten. Bei 25 Mitschnarchern wie im großen Schlafraum des "Instant Sleep" - der "Hall of Dreams" - kann das zum echten Gemeinschaftserlebnis werden, an das sich mancher Gast vielleicht erst gewöhnen muss.

Auch die sanitären Einrichtungen sind mit Duschen und Toiletten auf dem Gang meist spartanisch. Dafür haben Hostels aber Küchen zur Selbstversorgung, Gemeinschaftsräume sowie Reisebibliotheken und Waschmaschinen - und erschwingliche Preise. Ein Bett im "Dorm" kostet in den 46 Hostels des Backpacker-Networks zwischen 12,50 und 26 Euro, für ein Einzelzimmer müssen zwischen 24 und 55 Euro berappt werden.

Eines der ersten Hostels in Deutschland - den "Schanzenstern" in Hamburg - gründete Gunhild Abigt zusammen mit vier Freunden vor 16 Jahren. Auf ihren Rucksackreisen durch Europa und Neuseeland hatte sie selbst oft in Hostels übernachtet. Die ersten Häuser dieser Art wurden in den Sechzigern in Australien und Asien eröffnet, als mit der Hippiebewegung Aussteiger und Abenteurer zu langen Reisen aufbrachen und billige Unterkünfte suchten. Mit dem Boom des Rucksacktourismus verbreiteten sich Hostels auf der ganzen Welt.

Clinch mit den Jugendherbergen

Die Anfangsjahre seien nicht einfach gewesen, erzählt Abigt. Die meisten Touristen in Deutschland waren Städtereisende, die Hotels und Jugendherbergen kannten und sich Einzel- oder Doppelzimmer wünschten. "Wenn man damals Leuten am Telefon gesagt hat, dass sie auch einzelne Betten in Schlafräumen buchen könnten, waren sie - nun ja - verwundert."

Berliner Hostel: Entspanntes Gemeinschaftserlebnis
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Die Jugendherbergen fürchteten damals die neue Konkurrenz und verklagten Hostels, die die geschützten Begriffe "Jugendherberge" oder "Backpacker" verwendeten. Inzwischen wurde der Rechtsstreit mit einem Kompromiss beigelegt, und die Wogen haben sich geglättet. Wenn ihr Hostel ausgebucht sei, vermittle sie heute auch Gäste an die Jugendherbergen in der Stadt, erzählt Gunhild Abigt.

Ohnehin haben die Hostels laut Carolina Kuhlmann eine andere Zielgruppe als Jugendherbergen: "Wir sprechen eher Einzelreisende als Gruppen an und nehmen zum Beispiel keine Schulklassen auf." Zudem seien Hostels kleiner, es gebe weniger strenge Regeln, Schlafräume ohne Geschlechtertrennung und vor allem nachts keine Sperrstunde.

Budget-Hotelketten machen Konkurrenz

Thomas Kleer vom Deutschen Jugendherbergswerk in Detmold sieht das anders. Zwar bestätigt er, dass sich die Jugendherbergen weiterhin an Gruppen wie Schulklassen, Pfadfinder oder Vereine richten. Doch in Großstädten hätten sich einige Herbergen unter dem Motto "Home Again" ein spezielles Profil gegeben, mit dessen Hilfe besonders Rucksackreisende aus dem Ausland angelockt werden sollen. "Die klassische Hausordnungsregel, dass man um 22 Uhr im Bett sein muss, wurde hier schon lange abgeschafft", betont Kleer.

Günstig übernachten können Reisende auch in Budget-Hotelketten, die in den Großstädten mit hohen Bettenzahlen und Tiefpreisen expandieren. Das "A&O Hostel Mitte" in Berlin beispielsweise verfügt über 860 Betten, das Bett im "Dorm" kostet 12 Euro, das Einzelzimmer 30 Euro. Eine Eigenschaft können diese Unterkünfte jedoch nicht bieten: die familiäre, entspannte Atmosphäre, die auch Dan so schätzt.

Von Florian Sanktjohanser, gms



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