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01. Januar 2013, 08:52 Uhr

Prachtbau in Lyon

Mon Dieu, was für ein Hotel!

Aus Lyon berichtet

Früher mussten sich Patienten hier die Betten teilen, jetzt werden aus den Krankenzimmern edle Suiten. Das Hôtel Dieu, eines der prächtigsten Gebäude Lyons, wird für 150 Millionen Euro zum Luxustempel ausgebaut. Selbst Fastfood ist hier vom Feinsten - kredenzt vom Meister Paul Bocuse.

Für Didier Repellin ist es die Erfüllung eines Traumes: Mit ausladenden Gesten zeigt er auf die wuchtigen Gewölbe, spricht poetisch von den drei Domen, die "wie Hüte" das Ensemble krönen und macht aufmerksam auf Details. Der Aufgang der geschwungenen Treppe etwa, jede Stufe tonnenschwer, gehauen aus einem Stück. "Hier ist die Geschichte der Metropole präsent", sagt der Chefarchitekt von Frankreichs Denkmalschutzverwaltung, "das Hôtel Dieu gehört Lyon und seinen Bürgern."

Deshalb hat sich Repellin, ein Experte unterwegs zwischen Paris, Tokio, Rom oder Singapur, mit Enthusiasmus für die Erneuerung des berühmten Krankenhauses eingesetzt, es sei schließlich "eines der wichtigsten Monumente aus dem Jahrhundert der Aufklärung". Es geht aber um mehr als um die Runderneuerung eines emblematischen Stücks der Geschichte: Der Bezirk, wenige Schritte vom Place Bellecour entfernt, soll das städtische Herz Lyons neu definieren - für Einheimische wie Touristen.

Noch liegt hier bloß eine düstere Steinfront, die Fenster geschlossen, das Rustikageschoss verdreckt von den Abgasen der vierspurigen Schnellstraße. Das älteste Hospiz von Lyon, Zeugnis der Architektur wie der Medizingeschichte, war in graue Leichenstarre verfallen. Chronisch defizitär, die Ausstattung überholt, war die Renovierung des Krankenhauses ausgeschlossen - die Sehenswürdigkeit an der Rhône verkam zum Klotz am Bein der Stadtplaner.

74 Betten für 180 Patienten

Doch nun wird das Meisterwerk wieder auferstehen: Restauriert mit Rücksicht auf die ursprünglichen Pläne, aber auch angepasst an die Bedürfnisse der Gegenwart. Geplant ist der Umbau zu einem luxuriösen Hotel- und Kongresszentrum. "Es war stets ein Ort fortdauernder Erneuerung, der sich daher nicht im Erscheinungsbild des 19. Jahrhunderts mumifizieren darf", sagt Repellin. Zudem soll auf den gut 2,2 Hektar in zentraler Lage von Lyon ein prestigeträchtiges Zentrum für Frankreichs kulinarische Kultur entstehen. "Ein lebendiges Symbol für die Stadt" nennt das Bürgermeister Gérard Colomb, "die ihre Entwicklung dem Schnittpunkt der historischen Handelsrouten verdankt."

Deswegen wurde das Hôtel Dieu (Herberge Gottes) der Legende nach im Jahr 542 von einem Sohn des Merowinger-Königs Clovis gegründet als Heim für Pilger, Arme und Kranke. Gesichert ist die Existenz des Spitals, bewirtschaftet von Mönchen, erst ab dem 12. Jahrhundert. 74 Betten boten dank dreifacher Belegung Platz für 180 Patienten. Von dem Bau, in dem François Rabelais zwischen 1532 und 1535 als Arzt wirkte, blieb freilich nichts erhalten. Unter den Bischöfen, die in der Renaissance die Verwaltung übernahmen, wurden die mittelalterlichen Mauern ersetzt: Es entstanden ein Kloster, eine Kapelle und ein damals fortschrittlicher Grundriss in Kreuzform.

Im 18. Jahrhundert schuf Stararchitekt Jacques-Germain Soufflot die klassizistische Gestaltung entlang der Uferanlagen. Eine majestätische, 327 Meter lange Fassade, gekrönt von der "großen Kuppel", einem Prunkbau mit luftigen Räumen, Gärten und Regenwassersammlung. Denn das Hôtel Dieu entstand nicht nur im Dienst der Gesundheit, sondern auch als imposante Geste der Stadtverschönerung. Besucher sprachen seinerzeit beeindruckt vom "schönsten Hospiz des Königreichs".

Ähnliche Ziele verfolgen auch die heutigen Stadtväter: Wie beim ursprünglichen Konzept wird das Erdgeschoss wieder mit Läden ausgestattet, der kreuzförmige Teil wird zum Kongresszentrum mit Ausstellungshallen umgewidmet. Erhalten bleibt das Museum der Medizin, das künftig alle derartigen Sammlungen der Stadt in den renovierten Räumen zeigen kann.

Suiten im Krankenzimmer

Die Front zur Rhône wird ein Fünf-Sterne-Hotel mit 145 Zimmern einnehmen. Dabei wird das Volumen der ursprünglichen Krankensäle genutzt, in denen die Patienten weit unterhalb der Fenster ruhten, um nicht von kaltem Luftzug erreicht zu werden: Hier werden Maisonette-Suiten entstehen, unten ein Wohnteil mit Blick auf den Fluss, oben der Schlaftrakt: purer Luxus in jenem Teil des Baus, der einst bestimmt war für das "Spital der Armen".

Rund 150 Millionen Euro wird die Runderneuerung kosten, so Baumulti Eiffage, der auch die elegante Autobahnbrücke Viaduc de Millau konstruierte. Im Gegenzug erhält das Unternehmen eine Konzession, die Gebäude 94 Jahre lang zu nutzen. Albert Constantin, der ausführende Architekt, der in Lyon unter anderem den Umbau der alten Tabakmanufaktur für die örtliche Universität bewerkstelligte, will dabei den gesamten historischen Kern erhalten - abgerissen werden nur die äußerlichen Anbauten, wie Fahrstuhlschächte aus Beton.

Er will den Eingang zum Flussufer wieder öffnen und die lärmende vierspurige Verkehrsschneise und wichtigste Nord-Süd-Verbindung Lyons verkleinern. Die Parkplätze weichen einer breiten Promenade und einem Bootsanleger für den innerstädtischen Pendelverkehr. Vielleicht die wichtigste Veränderung: Das Haus wird dank fünf neuer Zugänge zur Flaniermeile, wo Höfe, Gärten und Gewölbegänge zum Verweilen einladen.

Wiederauferstehen werden dabei die Einrichtungen des Hôtel Dieu: der Speisesaal der Krankenschwestern als Restaurant, der 32 Meter hohe Grand Dome als Snackbar und Hotellobby. Besondere Attraktion ist der Apotheker-Garten, der nach den Konzepten des 17. Jahrhunderts wieder mit aromatischen und medizinischen Kräutern bepflanzt werden wird.

Um dem Ensemble neues Leben einzuhauchen, wird in dem Hospiz künftig die "Cité de la Gastronomie" angesiedelt: Unter der Leitung von Regis Marcon, Chef eines Drei-Sterne-Restaurants in der Haute-Loire, wird eine Lehr- und Forschungsanstalt einziehen - für die Ausbildung von Köchen, Kellnern und Sommeliers. "Für die Neuausrichtung unserer kulinarischen Traditionen", sagt Marcon, Verfechter einer lokal verwurzelten Küche, "brauchen wir den Brückenschlag zwischen Restauration, Landwirtschaft und Ernährungswissenschaft."

Museal soll es nicht werden, "bloß kein Louvre der Gastronomie" (Marcon) für Frankreichs Küche, die seit 2010 als Welterbe der Unesco geschützt ist. Stattdessen ist Praxis angesagt, ein Mix aus Wochenmarkt und Spitzenprodukten aus allen Regionen, einschließlich Bäckern, Metzgern, Chocolatiers. Ein halbes Dutzend Restaurants werden das Angebot abrunden, vom Gourmet-Tempel des Hotels über Brasserien bis hin zum preiswerten Fastfood-Angebot.

Das allerdings unter Führung von Kochlegende Paul Bocuse. Essen wie Gott in Frankreich: Im Hôtel Dieu ist der Name Programm.

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