Von Jürgen Löhle
Man spürt, dass sie nicht so gerne über die Grenzfälle reden, obwohl es die in jedem Jahr gibt. Und Legenden: Im Sommer 1991 haben sie einen deutschen Touristen aus dem Marmolada-Gletscher geborgen, der in sommerlicher Kleidung und unangeseilt über den Gletscher abstieg und in eine 15 Meter tiefe Spalte rutschte.
Die Bergung war kompliziert, der Mann steckte fest - und es musste schnell gehen wegen der Kälte. Sie wollten ihn an seinem Gürtel aus dem Eis ziehen, aber der riss sofort. Schließlich gelang es den Rettern, den Touristen kopfüber an nur einem Bein angeseilt mit dem Heli aus der Spalte ziehen. Ein paar Minuten später wäre er wohl erfroren.
Aber das sind Geschichten für die Chronik. Die Aiut-Crew berichtet lieber über die nackten Statistiken ihres Alltags. Die Zahlen für diesen Winter gibt es nach Ostern, in der vergangenen Wintersaison stieg der Hubschrauber 319-mal auf, mehr als die Hälfte der Bergungen (181) waren Pistenopfer. Sechsmal mussten sie aber auch abseits ran, und es gab zwei Lawineneinsätze. 312 Menschen wurden zwischen Cortina d'Ampezzo und der Seiser Alm geborgen, nur neun davon konnte nicht mehr geholfen werden. Wie viele von den anderen ohne die Rettungsflieger nicht überlebt hätten - darüber gibt es keine Zahlen.
In der Zentrale freut man sich aber über Dankeskarten, die immer wieder im Briefkasten liegen, und die im Hangar an die Wand gepinnt werden. Wünschen würden sich die Retter, dass sich die Touristen das Risiko des Hochgebirges wenigstens bewusst machen würden. Aber noch gibt es viele, die sich in den Alpen aufführen wie in einem harmlosen Freizeitpark.
Der Präsident starb am Achttausender
Über ihr eigenes Risiko reden sie nicht gerne, aber es ist ihnen bewusst. Bis auf den Piloten sind die meisten der Crew Freiwillige wie Bergretter Mayrl, der Urlaub nimmt, um helfen zu können. Geflogen wird, so lange es hell ist. Im Winter sind die Schichten also überschaubar, im Sommer sehr lang. Aber sie tun es aus Überzeugung und aus Liebe zu ihren Bergen.
Aber manchmal holt auch sie das Schicksal ein. Bis vor zwei Jahren hieß der Präsident der Aiut Alpin Dolomites Karl Unterkircher. Der Extrembergsteiger aus Wolkenstein starb am 15. Juli 2008 in einer Felsspalte am Nanga Parbat. Das Drama um den Südtiroler und seine zwei Begleiter ging um die ganze Welt. Für Unterkircher gab es keine Rettung mit dem Hubschrauber, obwohl es Spezialisten versuchten. Aber in solchen Höhen fliegen normale Helikopter schon lange nicht mehr und auch der Einsatz von Spezialmaschinen ist ab 7000 Meter Höhe reine Lotterie.
Noch ein starker Kaffee, dann räumt die Crew den Tisch wieder ab, es geht auf 14 Uhr zu, es schneit immer heftiger und in drei Stunden wird es dunkel. Heute werden sie nicht mehr fliegen können, aber Marco Kostner kneift immer wieder die Augen zusammen und starrt durch die großen Fenster des Hangars ins Grau. Vielleicht geht es ja doch noch hinauf.
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