Im Camper durch Nordwest-Polen Störche, Strände, Wanderdünen

Quirlige Badeorte und einsame Strände, historische Stadtzentren und weite Seenplatten - eine Wohnmobil-Tour durch den Nordosten Polens ist eine geruhsame Reise durch den Slowinzischen Nationalpark und die Kaschubische Schweiz.


Kolobrzeg - Gelbe Augen funkeln aus dem Dunkel. Gerade noch genossen die Urlauber frisch gebratene Waldpilze, doch nun halten sie inne. Erschrocken beäugen sich Mensch und Tier - bis der Fuchs die Lage als ungefährlich einstuft und gemächlich seines Weges zieht. Mit Begegnungen dieser Art muss rechnen, wer im Frühjahr oder Spätsommer durch Polen reist: Er wird dann eine himmlische Ruhe finden und - falls er es wünscht - mehr Tiere antreffen als Menschen.

Schon der erste Abend an der polnischen Ostseeküste ist traumhaft. Einige Kilometer westlich von Kolobrzeg (Kolberg) haben drei Fischer ihre Angeln in den Sand gesteckt und blicken schweigend aufs Meer - sonst ist weit und breit niemand zu sehen. Auf dem Gaskocher des Campingmobils brutzeln die bei einer alten Frau am Straßenrand gekauften Steinpilze. Pilzesammeln ist in Polen Volkssport: Zu Hunderttausenden ziehen sie im Herbst in die Wälder, um Ausschau nach Röhrlingen, Butter- und Birkenpilzen zu halten, die getrocknet, gebraten, sauer eingelegt, für Suppen und Fleischgerichte verwendet oder eben auf kleinen Tischen drapiert an der Straße verkauft werden.

Am Morgen darauf geht es nach einem Frühstück am Meer weiter. Das Wohnmobil mit dem Spitznamen "Bommi" fährt durch herrliche Alleen immer weiter gen Osten. Bei der Auswahl von Zwischenstopps hat der Reisende die Qual der Wahl: Bis zur Halbinsel Hel wechseln sich an der Küste breite, menschenleere Strände mit quirligen Badeorten ab.

Dorfrummel versus stille Strände

Es ist geradezu unwirklich schön, stundenlang über die weißen, feinkörnigen Sandflächen zu schlendern, die von hohen Dünenfeldern gesäumt werden. Umso größer ist zugleich der Kontrast zu Ferienorten wie Sarbinowo (Sorenbohm) und Mielno (Großmöllen). Spartanisch wirkende Restaurants, kunterbunt dekorierte Läden und in Holzhäuschen untergebrachte Spielhallen wetteifern um die Heerscharen von Touristen. Selbst im kleinsten Dorf gibt es mindestens einen Rummel, der mit großem Getöse und poppig bunten Lichtern Gäste anlockt.

Wer Ruhe benötigt, sollte sich daher besser auf einem der abseits gelegenen "Agrotouristik"-Höfe ein Zimmer mieten. Entlang der Küste und auch im Inland gibt es zudem immer wieder Campingplätze. Viele von ihnen sind auf privaten Grundstücken zu finden: Die Besitzer haben schlichtweg den eigenen Garten zum Stellplatz und Teile ihres Wohnhauses zu Duschräumen umgestaltet.

Immer wieder können Reisende während der Fahrt Störchen begegnen - ein Viertel aller Störche weltweit ist in Polen zu Hause. Ihre bis zu zwei Tonnen schweren Nester haben schon so manches Dach zum Einsturz gebracht. Campingmobil "Bommi" zeigt unterdessen erste Reaktionen auf die recht holprigen Straßen: Das Radio funktioniert nur noch nach dem Zufallsprinzip. Doch der Kummer darüber ist schnell verflogen, als am Horizont gewaltige Dünen auftauchen. Sie ragen weit über die Wipfel des Waldes westlich des Ortes Leba am Slowinzischen Nationalpark.

Die Dünen entstanden vor mehreren tausend Jahren, als die Menschen an der Küste die Wälder rodeten, um Anbauflächen zu gewinnen. Der Wind türmte auf den schutzlosen Flächen gigantische Sandberge auf, die landeinwärts wanderten und mehrere Dörfer "verschlangen".

Wildschwein-Ausflug bei Nacht

Abgestorbene Bäume am Rand der Dünen zeugen davon, dass die bis zu 50 Meter hohen Sandfelder auch heute noch unterwegs sind. Bis zu neun Meter legen sie im Jahr zurück. Der deutsche General und spätere Feldmarschall Erwin Rommel bereitete während des Zweiten Weltkriegs in den Dünen sein Korps für den Nordafrika-Einsatz vor.

Heute lassen sich die Sandfelder am besten per Fahrrad erreichen. Möglich ist es auch, sich mit Golfwagen zu den Dünen bringen zu lassen und anschließend etwa sechs Kilometer lang am Meer zurückzulaufen. In jedem Fall sollte man ausreichend Wasser in den Rucksack packen. Es macht zwar viel Spaß, stundenlang durch den Sand zu stapfen und die weißen Steilhänge hinunterzurutschen, doch die Temperaturen steigen hier im Sommer sehr rasch auf 40 Grad und mehr.

Auch die Nacht auf einem abseits gelegenen Feld gestaltet sich aufregender als gedacht. Zunächst beschließt eine einsame Jungkuh, aus ihrer Umzäunung auszubrechen und laut muhend "Bommis" Nähe zu suchen. Kaum hat sich das Tier zur Ruhe gelegt, lässt lautes Grunzen die Reisenden aufschrecken - offenbar steht das Wohnmobil hier mitten auf einem der größten Wildschweinwechsel Polens.

Und von eben diesem kommt der Wagen am Morgen darauf auch nicht so schnell wieder weg: Das tonnenschwere Gefährt hat sich festgefahren und die eben noch gesuchte Einsamkeit rächt sich nun - Hilfe ist nicht in Sicht. Ebenso schlammverkrustet wie seine Besitzer und begleitet vom verliebten Muhen seiner schwarz-weißen Nachtgefährtin setzt sich "Bommi" schließlich aber doch ins Hinterland in Bewegung.

Surferziel Insel Hel

Rund 50 Kilometer südlich der Dünen lockt die Kaschubische Schweiz mit Seen, gewaltigen Buchenwäldern und idyllisch gelegenen Tälern. Die Kaschuben sind ein westslawischer Volksstamm, der bis heute seine Sprache erhalten hat, in der auch einige deutsche Elemente enthalten sind. Wandern lässt sich in der Region ebenso gut wie Radfahren - zum Beispiel auf dem "Kaschubischen Weg", der rund 20 Kilometer weit an einem halben Dutzend Seen vorbei von Kartuzy (Karthaus) bis nach Koscierzyna (Berent) führt. Das Radeln durch dichte Wälder bietet die Gelegenheit, die abendliche Pilzmahlzeit diesmal selbst zu sammeln.

Nach zwei Tagen Rast geht es zurück ans Meer zur Halbinsel Hel, einem Traumziel für alle, die Ruhe und Schönheit suchen und dafür gern auf eine perfekte Infrastruktur und Hotellerie verzichten. Wie eine Sense ragt die schmale Landzunge 35 Kilometer weit in die Ostsee hinein. An ihrer schmalsten Stelle misst sie nur 200 Meter, an der breitesten sind es auch nur drei Kilometer - die Wege sind also nicht lang, um von den breiten Küstensandstränden durch zerzauste Kiefernwälder bis zu den Sandflächen an der Danziger Bucht zu gelangen. Besucht wird die Halbinsel vor allem von Surfern.

Von Hel aus sind es nur noch rund 50 Kilometer bis nach Gdansk (Danzig). Die "Königin des Baltikums" wirkt mit ihren schmalen Giebelhäusern und wuchtigen Backsteinkirchen wie die Kulisse eines Historienfilms und bildet einen würdigen Abschluss für eine Wohnmobiltour im Norden Polens.

Von Annett Klimpel, gms



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