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Im Faltboot durch Venedig: Leinwand für traumverlorene Bilder

Von Andreas Greve

Nur wenige Kilometer vom Markusplatz beginnt die Wasserwelt der Lagune. Der Stadt in ihrer Mitte zeigt die Kulturlandschaft ein irisierend-doppeltes Gesicht: sanft und unberechenbar zur gleichen Zeit. Schutz vor Feinden hat sie geboten - und war immer auch eine Gefahr für die Existenz Venedigs.

Vorfahrt: Der Giudecca-Kanal ist eine Schifffahrtsstraße inmitten der Stadt
Heiner Müller-Elsner

Vorfahrt: Der Giudecca-Kanal ist eine Schifffahrtsstraße inmitten der Stadt

Morgens früh um sechs trägt Venedig verschlafenes Türkis, die Farbe des Meerwassers. Wir lassen unser Paddelboot an einem kleinen Seitenkanal der Zattere-Promenade zu Wasser. In die Lagune wollen wir, hinaus aus der steinernen Enge ins Freie jener Landschaft, die Venedig hervorgebracht hat und noch immer die Existenz der Stadt bestimmt, mit jeder Ebbe, jeder Flut. Hinter der Rialtobrücke biegen wir ab. Wir passieren morsche Pontons, offene Werkstatttüren und bröckelnde Fassaden, an denen die Wellen lecken. Wäsche hängt quer über den kleinen Seitenkanälen.

Der Tod wohnt auf seiner eigenen Insel, im Angesicht der Stadt zwar und doch: außerhalb. Von einer Mauer aus Backstein und Marmor umgeben, liegt San Michele zwischen Venedig und Murano. An trüben Tagen mag das Eiland aussehen wie eine Festung, heute aber treibt es einer Barke gleich zwischen Lagunen- und Himmelsblau, mit der alles überragenden Zypressen-Silhouette als dunkelgrünem Segel.

Der Friedhof auf San Michele

Seit 1807 werden die Toten nicht mehr in der Stadt selbst beigesetzt. Venedig hat traditionell alles, was gefährlich schien oder Angst machte, aus der Stadt in seine isolierten Vorhöfe verbannt: Tote, Kranke, Verrückte, streunende Hunde gar. So wurden die Eilande der Lagune Friedhof, Krankenhaus, Kanonenlager, Irrenanstalt, Tierasyl. Sie sind die Außenposten im urbanen Gefüge der Stadt, geprägt von ihren Funktionen für die Stadt. Auf Murano werden, wie seit 700 Jahren, Glasprodukte hergestellt. Sant'Erasmo ist bis heute Venedigs Gemüsegarten. Der Fisch wiederum kommt aus den valli, den Fischfarmen im Norden der Lagune.

Wir lassen uns auf Lazzaretto Nuovo zutreiben. Abweisend liegt die zehn Hektar große Insel vor uns, auch sie ganz und gar von einer Ziegelmauer umgeben. Baracken hinter einem Zaun, ein Eisentor: die ehemalige Isolierstation Venedigs, 1468 eingerichtet. Der Qualm verbrannten Rosmarins lag über dem Eiland, er kam aus den Schornsteinen und sollte die unheimlichen, eingeschleppten Krankheiten vertreiben. Zwei geläufige Begriffe gehen auf diese Vorsichtsmaßnahmen zurück: Lazarett - verkürzt aus dem Namen "Lazarus" und dem der venezianischen Kirche "Santa Maria di Nazareth". Und Quarantäne, quaranta giorni, 40 Tage - so lange wurden verdächtige Heimkehrende und Reisende hier festgehalten.

Das größte Feuchtbiotop Italiens

Paddelschlag um Paddelschlag schieben wir uns unter einer gleißenden Hochsommersonne in die amphibische Weite. Hinter unserem Rücken flirrt die Silhouette von Venedig. Am Horizont zerfließt das Blau des Himmels mit dem Blau des Wassers. Seidiges Licht liegt über allem; die Lagune ist eine freundliche Landschaft. Und zugleich ein Labyrinth. Mit Fahrrinnen und Untiefen, Bächen, Rinnsalen, Schlickbänken, Salzwiesen. Eine dynamische Welt, die sich im Rhythmus der Gezeiten unaufhörlich verändert. Zwischen den lang gestreckten Landrücken der lidi liegen drei Öffnungen, die das bodenseegroße Gewässer mit der Adria verbinden. Zweimal am Tag strömt frisches Meerwasser durch die Durchlässe - die Lagune "atmet".

Nie wissen wir, wohin der Weg führt, sobald wir uns nicht mehr an die mit bricole, Dalben, markierten Fahrrinnen halten. Abkürzungen erweisen sich als Sackgassen; wir schieben am Boot, manchmal warten wir, bis auflaufendes Wasser uns hochhebt und befreit. Die Lagune lehrt Geduld. Der Blick kann sich verlaufen im flachen Wasserland. Es ist wie eine Leinwand für seltsam traumverlorene Bilder. Neben der Fahrrinne scheinen Menschen über dem Wasser zu schweben. Es sind Muschelsucher, die auf Schlickbänken vongole sammeln. Ruderer stehen aufrecht in ihren Booten und ziehen mit weit ausholenden Bewegungen schnell an uns vorüber. Den Himmel schmücken Vogelschwärme wie schwebende Kalligraphiezeichen. Alles wirkt nah und fern zur gleichen Zeit. Das Gefühl für Zeit und Raum geht uns verloren.

Zuflucht Franz von Assisis

Deserto, die Verlassene, heißt die Insel San Francesco mit Beinamen. 1220 soll sich Franz von Assisi hier zur inneren Einkehr zurückgezogen haben. Der Besitzer schenkte den Franziskanern das winzige Eiland, seither beherbergt es ein Kloster. Gegenüber und so nahe, als könne man hinüberwaten, liegt Burano. Der Inselort erinnert an ein Spielzeugstädtchen, mit Wohnhäusern, die in allen Popfarben gestrichen sind, vom dunkelsten Lila bis zum blendenden Gelb.

Aufbruch am Dogenpalast: Andreas Greve und Birke Nikolai im faltbaren Untersatz
Heiner Müller-Elsner

Aufbruch am Dogenpalast: Andreas Greve und Birke Nikolai im faltbaren Untersatz

Wir aber biegen in den Kanal ab, der zum Kloster San Francesco führt. Wir klingeln und klopfen, doch erst nach langer Zeit öffnet ein mürrischer alter Mönch das Tor. Padre Antonino, so werden wir später erfahren, hat sieben Jahre in China und 35 Jahre auf den Philippinen missioniert. Er ist der älteste der elf Mönche des Klosters, und er lebt jenseits aller weltlichen Höflichkeitskonventionen. Seine Mitteilsamkeit richtet sich nach seiner jeweiligen Seelenlage. Wie seine asiatischen Schäfchen gewesen seien? Wie schon! - "Arm, verhungert und gottesfürchtig", knurrt er und verschwindet im Kreuzgang.

Auf San Francesco können sich Besucher einquartieren, gegen eine Kollekte, deren Höhe sie selbst bestimmen. Und so beziehen wir unsere Gastzelle im Novizen-Trakt. Als es zur Abendmesse läutet, gehen auch wir zur Kirche; ein Mönch stimmt seine Gitarre, und dann erfüllt Gesang den schönen, schlichten Raum. Fast protestantisch wirkt er mit den braunen Holzbalken, schmucklosen Säulen, dem unverputzten Ziegelstein. Anfang des 20. Jahrhunderts haben die Brüder barockes Zuviel in franziskanisches Weniger geändert.

Die Lagune zeigt ihr raues Gesicht

Es frischt auf, kaum dass wir San Francesco hinter uns lassen. Wir kämpfen gegen Wind und Wellen. Eine mächtige Tiden-Strömung kommt uns in der Fahrrinne entgegen, und von hinten rollt eine schwere Dünung. Wir scheinen auf der Stelle zu surfen und fürchten, dass schwallweise Wasser ins Boot rauscht. Die freundliche Lagune hat uns getäuscht - jetzt zeigt sie uns ihr raues Meeresgesicht. Tempo brutto, hässliches Wetter, nennen das die Insulaner nonchalant.

Am Horizont: die Stadt. Und sonst nur Himmel, Wasser, Wiesen, Stille
Heiner Müller-Elsner

Am Horizont: die Stadt. Und sonst nur Himmel, Wasser, Wiesen, Stille

Wir arbeiten uns an Schlickflächen vorbei, die mitunter von einem zarten grünen Algenteppich überzogen sind. Und an Salzwiesen, deren matschige Ränder aus dem Wasser ragen und aussehen wie schlecht gebackenes Schwarzbrot. An den Abbruchkanten wird die unaufhörliche Erosionsarbeit des Meeres sichtbar. Diese barene dominieren die Landschaft der Lagune, ökologische Kleinode, auf denen botanische Überlebenskünstler gedeihen, die mit salzigen Böden ebenso zurechtkommen wie mit jenem scharfen Seewind, der jetzt an uns und unserem Boot zerrt. Ein lilafarbener Schimmer liegt über den Salzwiesen, derzeit blüht Strandflieder.

"Opponesi elemento ad elemento", hier prallt Element auf Element: So beschrieb 1718 der italienische Naturforscher Bernardo Trevisan die Lagune. Denn sie ist aus dem Zusammenspiel von gegensätzlichen, sehr dynamischen Kräften entstanden: von Süß- und Salzwasser, von Flüssen und Meer. Die Flüsse Brenta, Sile und Piave schoben jahrtausendelang ungeheure Mengen Sand und Geröll in ihr Delta. Meeresströmung, Gezeiten und Stürme waren die Landschaftsarchitekten, die aus diesem Material schließlich die schützenden Nehrungen, die Inseln, die Sümpfe formten.

Das doppelte Gesicht der Lagune

Dann kam der Mensch. Ohne dessen Eingriffe wäre die Lagune verlandet, ihre Randregionen hätte sich das Meer geholt. Doch schon ab dem 14. Jahrhundert wurden die Flüsse umgeleitet. Der Küstenerhalt war staatspolitische Aufgabe: 140 000 Eichenstämme, zu Palisaden aufgereiht, schützen Ende des 16. Jahrhunderts die vorgelagerten Düneninseln. Seither zeigt die Kulturlandschaft Lagune der Stadt in ihrer Mitte ein irisierend-doppeltes Gesicht. Sanft und unberechenbar zur gleichen Zeit. Schutz vor Feinden hat sie geboten - und war immer auch eine Gefahr für die Existenz Venedigs.

Der Campanile von Torcello markiert unser letztes Ziel: Eine Insel mit wenigen Dutzend Bewohnern und einer monumentalen Basilika, vor der Gras wächst. Dieser Flecken im Sumpf war die Wiege der venezianischen Kultur. Hier ließen sich vor etwa 1500 Jahren die ersten Siedler nieder, auf der Flucht vor den "Barbaren", und sie lebten "wie Wasservögel jetzt auf dem Wasser, jetzt auf dem Land", wie ein Chronist schrieb. Sie lernten, auf Sand zu bauen, durch Untiefen zu navigieren. Sie wurden groß damit: Torcello war Bischofssitz mit 20 000 Einwohnern, mit Kirchen, Palästen - alles zu einer Zeit, als am Rialto, der Urzelle der künftigen Seemacht Venedig, einfache Fischer hausten.

Vergänglich die Macht, verflogen der Prunk. Es war auch die zähe Natur der Lagune, die Torcello den Untergang bereitete. Die Insel versumpfte, und aus dem Morast kam tödlich die Malaria. Wer konnte, floh. Im 15. Jahrhundert war Torcello nicht mehr als der Steinbruch Venedigs. Die Kathedrale Santa Maria Assunta blieb erhalten. An ihrer Westwand stehen sich im strahlenden Gold des Weltgerichts die Auserwählten und die Verdammten gegenüber.

Aus dem "GEO Special"-Heft 1/2004, "Venedig"

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