Im Planwagen durch Böhmen Immer den Nüstern nach

Ein Pferd, eine Kutsche - mehr bedarf es für Roma-Romantik nicht. Immer im Schritt geht es durch die böhmischen Dörfer östlich von Budweis, wo es vor allem von einem genug gibt: Ruhe. Eine Stadtfamilie wagte sieben Tage lang den Landurlaub im "Bohemia-Express".

Von Stefan Scheytt


Das Pferd heißt Fanny, aber unsere Tochter Rose, drei Jahre alt, ruft es eine Woche lang hartnäckig nur Pfanny. Vielleicht muss man das als kleinkindlichen Versuch deuten, dem Tier durch etwas Bekanntes seine Bedrohlichkeit zu nehmen. Denn Fanny ist ein Riese von einem Pferd. Bis zu ihren Ohrenspitzen misst sie 2,19 Meter, und sie wiegt nicht weniger als 1050 Kilogramm, mit Geschirr so viel wie ein VW Polo. Oder 78-mal so viel wie Rose, die fast aufrecht unter ihr hindurchgehen kann, aber manchmal "Pferdchen" flüstert, wenn sie versunken über Fannys fingerdicke Adern am Bauch streicht.

Fanny ist eine schwere bayerische Norikerstute und an Gutmütigkeit nicht zu überbieten. Außerdem hat sie das, was man einen Brauereigaularsch nennt. Der Blick über Fannys mächtiges Hinterteil hinweg ist unsere Perspektive auf Südböhmen: Eine Woche lang zieht uns die Stute im Planwagen durch die Natur und die Dörfer nahe der tschechisch-österreichischen Grenze, 40 Kilometer östlich von Budweis, wo Fanny früher als Therapiepferd diente.

Wir stehen mit ihr auf dem Hof, im Abstand von zehn Minuten sind vor uns schon fünf Planwagen zur ersten Tagestour aufgebrochen. Fanny ist zwar die Herdenchefin, doch als Langsamste würde sie, an der Spitze, den Treck nur ausbremsen; der Abstand zwischen den Wagen soll so groß sein, dass sich die Pferde nicht sehen und hören - "sie würden versuchen, zueinander aufzuschließen, sich zu überholen", sagt Herbert Gnädinger, Fannys Besitzer.

Gerade hat er auch erklärt, "wenn ein Zugpferd erst angeschirrt ist, will es los", was bei Fanny offensichtlich anders ist. Sie ist angeschirrt - und will trotzdem nicht vom Fleck. Erst klatschen ihre Äpfel in den Staub. Und die Kinder lachen. Es ist Fannys tägliches Aufbruchritual. Dann hebt jener Sound an, der uns die nächsten Tage begleiten wird wie der Schatten unseres Planwagens; es ist ein Mehrklang aus Hufgeklapper, rasselnden Ketten, aus Quietschgeräuschen des Wagens und reibenden Geschirrgurten, alles stets im Rhythmus von Fannys Gang.

Cool in der Kakophonie

Und über diesem Geräuschteppich liegt die Melodie unserer pausenlosen Schreie und Rufe, wie uns Elisabeth Gnädinger, Herberts Frau, bei der Einweisung geheißen hat: "Redet so viel wie möglich mit den Pferden." So rufen zwei Erwachsene und drei Kinder fortwährend "Hot!" und "Dschehi!", was rechts und links heißt, aber manchmal auch das Gegenteil bedeuten soll; fünf Menschen schreien "Jää!", damit Fanny anzieht, und machen "Brrr!", damit sie anhält, irgendeiner ruft immer "braves Maidli!", wie es Herbert und Elisabeth Gnädinger, zwei Schweizer in Tschechien, vorgemacht haben.

Bei jedem Auto, das uns überholt, rufen alle wie aufgetragen "Auto, Fanny!", "rotes Auto!", "gelbes Auto!", "großes Auto!", "schnelles Auto!", und meine Frau verwechselt wieder links und rechts. Wie kaltblütig Fanny in dieser Kakophonie Kurs hält, ist uns ein Wunder.

Es geht langsam voran im Bohemia-Express, das Tempo ist tatsächlich so, dass man die Blumen am Wegesrand zählen kann; manchmal scheint es sogar, als trotte Fanny im Schlaf. Südböhmen in Slow Motion: Im Schritttempo passieren wir Weizenfelder, Karpfenteiche und gruslig-schwarze Tümpel, fahren durch dunkle Tannenwälder und über einsame Alleen, Zitronenfalter torkeln eine Weile der gelblichen Plane unseres Wagens hinterher, wir stoßen auf Blindschleichen und Apfelleser jenseits des Straßengrabens, entdecken zwischen den Bäumen einen alten Sessel und das fast vollständige Skelett einer Kuh; die Kinder laufen nebenher, üben Auf- und Abspringen, und im Familienchor summen wir die "Winnetou"-Filmmelodie zum Takt von Fannys Schritten.

Den Weg zu finden, ist kinderleicht: Kleine Schilder an den Weggabelungen lassen kaum Zweifel aufkommen; wenn doch, weisen Pferdeäpfel und Fanny den Weg. Wir fahren durch Dörfer, die Lovtín, Dolní Radou und Horní Skrýchov heißen. Man sieht noch die vergangene sozialistische Zeit, die geduckten kleinen Häuschen mit dem graubraunen Putz und den vielen Anbauten hier und dort, Schuppen, wilde Halden aus Holz und verrostete Gerätschaften; und daneben frischer Putz und neue Mauern, gepflasterte Hofeinfahrten mit Automarken aus dem Westen und üppige Blumengärten. Manchmal zeigen sich ein Mann beim Holzhacken, eine Frau bei der Gartenarbeit, manchmal schaut ein Kind hinter einer Mauer hervor, bewegt sich ein Vorhang. Oft aber sind unsere "Fanny"-Rufe und ein bellender Hund die einzigen Laute im Ort.

"Braves Maidli!"

Ereignislos ist das Kutscherleben aber keineswegs, schon gar nicht für Laien wie uns, die zuvor noch nie auf einem Kutschbock saßen: vor sich einen 1-PS-Eintonner, unter sich einen ebenfalls tonnenschweren Planwagen, hinter oder neben sich den Rest der Familie. Wenn Fanny trabt, steigt unser Puls, wissend, dass sie keine Rückspiegel hat und kein Gefühl für Kurvenradien, aber ein sanguinisches Gemüt wie alle Pferde. "Eine Plastiktüte im Wind, ein neu gepflanztes Verkehrsschild, eine Kreidezeichnung am Boden können die Tiere schon erschrecken", hatte Herbert Gnädinger gewarnt.

Doch jetzt ist Fanny wegen etwas anderem nervös: Bauarbeiter haben den Asphalt von der Straße gehobelt, und Fanny mag die frische Hobelkante nicht, auf der ihre Hufe kippeln; mal zieht sie nach links auf die Gegenspur, mal nach rechts Richtung Graben. Ein anderes Mal soll sie stehen bleiben, unser Sohn Willy hat sich in die Büsche geschlagen, wir wollen auf ihn warten. Aber dann spitzt Fanny die Ohren. Ist es der Wind in den Pappeln? Die Motorsäge, irgendwo tief im Wald? Ich brülle "Brrrrrrrrr", stehe auf dem Kutschbock, in die Zügel verkrampft, als kämpfte ich mit einem wilden Tier, aber Fanny zieht einfach los, obwohl mein Fuß auf der Bremse steht, sie zieht den Wagen einfach vom Fleck.

Am Morgen war sie auf einer abschüssigen Stelle zum ersten Mal in leichten Trab verfallen, ganz kurz nur, keine 200 Meter, aber ich ahnte, wie viel Kraft in ihr stecken könnte. Jetzt spüre ich es. Und bekomme Angst: Was, wenn sie in Panik losgaloppiert? Dagegenhalten? Die Familie aus dem fahrenden Wagen evakuieren? Dreimal zieht Fanny den gebremsten Wagen scharf an, bevor sie sich zügeln lässt. "Braves Maidli", stöhnen wir erleichtert im Chor.



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