Kosta - "You'll never walk alone" steht an einem der Öfen. Was hier in der Glashytta im Dorf Kosta soviel bedeuten mag wie "Du bist nicht alleine bei der Arbeit, wir schaffen es gemeinsam". Die Teams arbeiten gegen die Uhr: Da ist der Glasmeister, der schwungvoll die rotglühende, sirupartige Masse aus dem Ofen holt und mit dem Blasrohr in nur wenigen Augenblicken dem über 1200 Grad Celsius heißen Glasklumpen die gewünschte Form gibt. Und seine Helfer, die mit der Zange geschickt die Überstände abkneifen.
70 bis 80 mundgeblasene Gläser schafft eine Mannschaft pro Stunde. Die Handarbeit der Männer und Frauen in Kosta steht im harten Wettbewerb mit der industriell gefertigten und preiswerteren Massenware aus Osteuropa und Asien.
Trotz der Hektik sind in den Glashütten zwischen Växjö und Kalmar im südschwedischen Småland - dem Glasriket (Glasreich) - Gäste willkommen: Die Glasmeister und ihre Helfer lassen sich bei der schweißtreibenden Arbeit über die Schulter schauen. 13 Betriebe halten ihre Tore für Besucher geöffnet.
Hüttenfest nach Feierabend
Die Glashytta Kosta ist die älteste Hütte. Seit 1742 sind die Schmelzöfen hier nie erkaltet. An die 20 Glashütten existieren heute noch in Småland, über 100 sollen es in der Vergangenheit gewesen sein. Im 17. Jahrhundert ließ der schwedische König Gustav II. Adolf die ersten Glasbläser ins Land holen.
Småland schien dem Herrscherhaus die dafür geeignete Region zu sein. Die Gegend war damals bettelarm, es gab keine Arbeit, und die Bevölkerung hungerte. Rohstoffe für die Glasherstellung gab es allerdings reichlich. Quarzsand kam aus den vielen Seen, Brennholz zum Befeuern der Schmelzöfen lieferten die endlosen Nadelbaumwälder.
Zur Reise ins Glasreich gehört auch die Teilnahme am Hyttsill, einer småländischen Tradition aus dem 18. Jahrhundert. Damals versammelten sich Dorfbewohner und Glasbläser nach getaner Arbeit um die warmen Öfen zum gemeinsamen Abendessen, Trinken und Musizieren. Beim Hyttsill kommen gebratener Hering, Griebenwurst, Speck, Brot, Preiselbeeren, Käse und als Nachtisch Käsekuchen auf den Tisch. Für Besucher wird diese ausgiebige Mahlzeit in den Glashütten Kosta, Pukeberg und Målerås mit Glasbläservorführungen kombiniert.
"Kein Werk ist wie das andere"
Nur wenige Kilometer von Kosta entfernt rumpelt das Auto über sandige Dorfstraßen durch den Flecken Transjö, in dem gerade mal 35 Menschen leben. Transjö Hytta, die Hütte der Glasmeister Sven-Åke Carlsson, Jan-Erik Ritzman und ihrer beiden Assistenten ist so etwas wie der Gegenentwurf von Kosta, wo mittlerweile ein großes Outlet-Center um Käufer wirbt.
In den grünen Wiesen sind tiefblaue Glasschalen zu entdecken, über dem träge dahintreibenden Flüsschen Lyckebyå schweben kunstvolle Glasobjekte. "Kein Werk ist wie das andere", erläutert Glasmeister Carlsson den Besuchern, die das Quartett tagsüber bei der Arbeit beobachten.
"Wir glauben fest an die Zukunft der kleinen Glashütten abseits der Massenproduktion", sagt der Norweger Lars Skulberg, der im Schwarzwald aufwuchs und seit fünf Jahren in der Transjö Hytta arbeitet. Für die kostbaren Einzelstücke greifen Liebhaber gerne tief in die Tasche. Bis zu 65.000 Schwedische Kronen, etwa 7800 Euro, können kunstvolle, überdimensionale Glaskunstwerke von Transjö Hytta kosten.
Mats Jonasson verbindet in einigen seiner Kunstwerke Glas und Eisen. Der 67-jährige Mann aus Målerås gilt als einer der führenden Glasgraveure Schwedens. Aus aller Welt reisen Besucher in das abgeschiedene Dorf, um in der Ausstellungshalle die Arbeiten zu bewundern. Eine trägt den Namen "Terrorbalans" (auf Deutsch: Gleichgewicht des Schreckens), ein Begriff, der im Kalten Krieg geprägt wurde. Die Vereinten Nationen wollte das Kunstwerk ankaufen, doch Jonasson entschied: "Es soll hier in Målerås bleiben, nahe bei meinem Herzen und meinen Gedanken."
In den Tourismusbüros der Region gibt es für 95 Schwedische Kronen (etwa 11 Euro) den Glasriket Pass, der neben dem vergünstigtem Eintritt in die Hütten auch Rabatt bietet, wenn man einmal selbst versuchsweise Glasbläser werden möchte.
Bernd F. Meier/dpa/jus
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