Inousses in der Ägäis: Die verrückteste griechische Insel der Welt

Ein klitzekleines Eiland und kaum Touristen: Die Beschreibung von Inousses im Reiseführer klingt nach Idylle. Reiche Griechen leben hier - und die sollten doch wissen, wo's am schönsten ist! Aber Stephan Orth musste erfahren: Die Insel ist vor allem für absurde Überraschungen gut.

Inousses: Griechische Insel-Idylle einmal anders Fotos
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Das einzige Hotel von Inousses hat diesen Sommer geschlossen. Baumängel, dringende Renovierungsarbeiten. Es ist elf Uhr abends, ich bin gerade auf der kleinen Ägäis-Insel angekommen und würde gern darauf verzichten, auf dem Kopfsteinpflaster zu nächtigen. Aus einer der drei Bars im Hafen tönt noch laute Musik, vielleicht kann mir dort jemand helfen.

Auf der überdachten Terrasse bietet sich folgende Szenerie: Hinter dem Tresen steht ein kompakter Kerl mit Stiernacken, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Barkeeper aus "From Dusk till Dawn" (der mit den Wurfmessern unter der Weste) hat. Seine einzigen Gäste sind zwei betrunkene junge Griechen, die gerade Arm in Arm zu einer Powerballade der Scorpions aus dem Jahr 1982 tanzen. Während die Jungs voller Inbrunst die Textzeile "This Is the Place where I Belong" mitsingen, wird mir bewusst, wie wenig das momentan auf mich zutrifft.

"Du hast Glück", krächzt der Barkeeper, "wir haben ein Zimmer für dich." Das müsse nur noch hergerichtet werden, ich solle so lange warten. Er hat einen Laptop hinter dem Tresen, auf YouTube sucht er damit nach Songs vergangener Jahrzehnte, um sein Etablissement in Discolautstärke zu beschallen. Kein Zweifel: Der "From Dusk Till Dawn"-Mann hat sich vorgenommen, mir die Wartezeit so qualvoll wie möglich zu gestalten.

"It's Fun to Stay at the Y-M-C-A" (bestimmt, ich würde jede Unterkunft nehmen, um hier wegzukommen), "Dance the Night Away" (so lange dauert es hoffentlich nicht), "Relax (Don't Do It)" (Hey ihr zwei, bitte relaxt mal, ihr müsst jetzt nicht eure T-Shirts ausziehen und damit in der Luft herumwedeln!), "I Want to Break Free" (Ich auch! Zumal gerade zwei junge Oben-ohne-Griechen mit lasziven Tanzbewegungen um meinen Holztisch kreisen und das Musikvideo des Songs imitieren, indem sie pantomimisch den Barboden staubsaugen).

An dem Zimmer müsste man noch was machen

Dann endlich, mein persönlicher Sommerhit des Abends: "Room is Ready", gerappt vom Barkeeper. Er stellt sich als Periklis vor und fährt mich mit seinem Moped durch die engen Gassen des 400-Einwohner-Örtchens. "Das ist ein Studio mit Küche, eigentlich wollten wir erst in zwei Tagen öffnen", erzählt er mit seiner tiefen Raucherstimme.

In diesen zwei Tagen sollten sie vielleicht noch die auffälligen "I Love Dildo"-Aufkleber vom Küchentisch entfernen. Die machen Werbung für ein auf Intim-Piercings und Erwachsenenspielzeuge spezialisiertes Fachgeschäft, das auch "Scarification" im Angebot hat. Was für ein hübsches Wort, denke ich mir, schließe die Wohnungstür zweimal ab und gehe schlafen.

Am nächsten Morgen möchte ich Inousses noch eine Chance geben. Die Beschreibung im Reiseführer hörte sich so an, als sei das 17 Quadratkilometer kleine Inselchen vor Chios in der nordöstlichen Ägäis eine unentdeckte Idylle, die bisher kaum von Touristen besucht wird. Deshalb bin ich hingefahren: Ich wollte eine griechische Insel entdecken, die anders ist als die anderen, die noch nicht durch große Besucherzahlen ihren ursprünglichen Charakter verloren hat.

Inousses hat zudem eine besondere Geschichte: Einige der erfolgreichsten Frachtschiffreeder und Seefahrer des Landes stammen von hier. In jede Straßenlaterne ist ein Anker eingeritzt, auf dem Dorfplatz stehen Bänke um einen riesigen Kompass. Der pittoreske Fischerhafen ist gesäumt von Seefahrer-Bronzestatuen, die mit leeren Metallaugen aufs Meer starren. In die Sockel sind Namen geritzt, fast alle heißen mit Nachnamen Lemos, Pateras oder Pontikos.

"Die Reederfamilien haben viel Geld mit dem Handel verdient und damit die Insel aufgebaut", erklärt eine beleibte Mopedfahrerin mit Baseballkappe. Sie deutet auf die gepflegten weißen Häuschen des Ortes, den sauberen Hafen, die Baustellen. "Ohne sie gäbe es das alles hier nicht." Die Gemeinde Inousses gehört zu den reichsten Griechenlands, auch ein paar Mitglieder der Onassis-Familie sollen hier Villen besitzen.

Touristen sind ziemlich egal

Die meisten Besucher kommen nicht aus dem Ausland, sondern sind griechische Urlaubsheimkehrer, die inzwischen in New York, Melbourne oder London leben. Ein paar tausend kommen jeden Sommer von der größeren Nachbarinsel Chios per Boot hierher. Deshalb ist Inousses noch nicht vom Fremdenverkehr verdorben, ganz im Gegenteil: Touristen sind hier ziemlich egal. Ihr Geld ist hier nicht so wichtig, man bemüht sich nicht um sie.

Deutlich wird das an der Hauptattraktion der Insel, "einem der wichtigsten Maritimmuseen Griechenlands", wie eine Infobroschüre der griechischen Regierung beteuert. Geöffnet ist es wochentags von 10 bis 12 Uhr - unpraktisch für Kurzbesucher, da die regulären Fähren zum Festland mittags um ein Uhr ankommen und morgens gegen sieben Uhr wieder fahren.

Ich stehe um fünf nach zehn vor dem Eingang, ein roter Eimer und eine Wischmobstange versperren den Weg. Museumswärter Fortinas, um die 80, schwarzweißkariertes Hemd, braungebranntes Gesicht, kommt in braunen Ledersandalen herbeigeschlurft und verkündet: "Noch nicht trocken. Gehen Sie einen Kaffee trinken, in 20 Minuten machen wir auf!"

Walknochen und Kriegsschiffe

Eine halbe Stunde später laufe ich zwischen altmodischen Vitrinen mit Schiffsmodellen durch einen gefliesten Saal, der nach Klebstoff riecht. Voraus schlurft Fortinas, er kaut die ganze Zeit auf irgendwas herum und schmatzt laut. Mit einem Küchenpapier tupft er die Scheiben und Wandbilder ab.

Zu sehen sind Walfangboote aus echten Walknochen, Kriegsschiffe des 18. Jahrhunderts mit liebevoll modellierten Soldatenfigürchen - und jede Menge Frachtschiffe, deren Originale Hunderte Meter lang waren. "Die gehörten Reedern aus Inousses", sagt Fortinas stolz. Eine Marine-Taucherglocke von 1942 sowie ein paar Vasen aus der Bronzezeit komplettieren den Sammlungs-Mix. Um kurz nach elf fällt die Tür hinter mir ins Schloss, das Museum hat jetzt geschlossen.

Die nächsten Programmpunkte meiner Inoussee (kurz für Inousses-Odyssee):

  • eine fruchtlose Diskussion mit der einzigen Taxifahrerin der Insel (Sie nutzt ihre Monopolstellung und verlangt satte 50 Euro für eine Rundfahrt)

  • ein Ausflug zum Ortsstrand ("Übersichtlich", würde Loriot zu den zehn Metern Kies mit drei Sonnenschirmen sagen)

  • eine vergebliche Souvlaki-Bestellung bei "Souvlaki Kostas" ("Sorry, unser Koch ist gerade auf dem Festland")

In einem Café mit unaussprechlichem Namen arbeitet die Taxifahrerin auch als Köchin und Bedienung. Sie sagt, sie kann mir entweder Toast oder Crêpes anbieten, ich bestelle Toast mit Schinken und Käse, als Beilage liegen ein paar Salzsticks auf dem Teller.

Bald setzen sich ein paar grauhaarige Seemänner an den Nachbartisch, sie grüßen mit einem freundlichen Lächeln. Nach und nach lassen sie sich Berge verschiedenster Meeresfrucht-Köstlichkeiten auftischen. Hier der Toast-Tourist, dort die Seafood-Seebären - so läuft das beim Zweiklassen-Mittagessen auf Inousses. Neidisch schiele ich auf Calamares und Riesengarnelen. Nur von dem großen dunklen Stapel halbierter Seeigel, die aussehen wie schwarze Kastanien, würde ich nicht kosten wollen.

"Hier, probier mal", sagt ein freundlicher Ex-Kapitän mit Brille, der wohl meine Blicke bemerkt hat - und reicht mir einen Seeigel und einen Teelöffel. Bloß nicht unhöflich sein jetzt und heldenhaft losgekratzt: Das leuchtend orangefarbene Innere schmeckt wie feuchter, salziger Meersand.

Das schönste Fußballstadion der Ägäis

Ich muss wohl einfach akzeptieren, dass auf Inousses nichts so läuft, wie man es erwartet. Den Beweis allerdings, dass ich tatsächlich auf der verrücktesten griechischen Insel der Welt gelandet bin, liefert bei einem Spaziergang schließlich das Fußballstadion vor dem Ortseingang. Modernster Kunstrasen und Hightech-Flutlicht, eine aus edlem Stein errichtete Tribüne mit 1000 Sitzplätzen, daneben eine Freilufttheaterbühne: In der ganzen Ägäis gibt es wohl keine vergleichbare Luxusarena.

Zufällig ist Sophokles da, der Architekt, der die Anlage vor 13 Jahren gebaut hat. Stolz führt er mich herum. "Ich liebe dieses Stadion. Jedes Jahr im Sommer komme ich aus Athen hierher, um zu sehen, ob noch alles okay ist." Ganz schön teuer sei der Prachtbau gewesen, fünf Millionen US-Dollar. "Die hat ein Seefahrt-Unternehmer bezahlt, der inzwischen in London lebt." Der müsse nun sein Leben lang keinen Eintritt zahlen, versichert Sophokles und grinst.

Wie viele Mannschaften gibt es denn auf Inousses? "Eine. Die spielt gegen Teams aus Chios." Kommen viele Zuschauer? "Normal sind so 200, im Sommer waren es aber auch schon mal 600". Also jeder Einwohner der Insel? "Nein, so viele werden es nur, wenn viele Besucher da sind!"

Vielleicht kommen ja ein paar mehr, wenn Inousses wieder ein Hotel hat.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Schon mal auf die Überschrift geschaut?
yanasa 19.07.2011
Der Artikel selbst ist ja kurzweilig und amüsant geschrieben. Der normale Wahnsinn abseits der Touristenströme. Mal ganz ehrlich: hier läuft es in einigen ganz abgeschiedenen Gemeinden, in die sich kein Tourist verirrt, doch ähnlich. Als Außenstehender hat man verloren.... Aber das macht gerade einen gewissen Charme aus. Jedoch die Überschrift.... Entweder ist es die verrückteste griechische Insel, oder es ist die verrückteste Insel der Welt. Aber die verrückteste griechische Insel der Welt...???? Da rollen sich gemeinsam Zehennägel UND Zahnfleisch. Das tut irgendwie arg weh. Das hat was von: der pferdigste Weiße unter den Schimmeln. (könnt ihr bitte wieder einen Lektor einstellen???)
2. Ruhe, Natur und gutes Essen.
Rübezahl 19.07.2011
Da reise ich dann doch lieber gleich in den Schwartwald .:-) Allerdings verschwindet auch hier(Stühlingen /Südschwarzwald, die deutsche Küche immer mehr und wird von griechischen Familien übernommen. Folglich auf nach Bayern , hier stimmt noch alles, dank Patrona Bavarie !
3. arroganter Schreiberling
antilobbyist 19.07.2011
Tja was erwartet man(n), wenn man.. auf ein touristisch nicht erschlossenes Eiland reist? Als all-inclusive verwöhnter deutscher mit vermuteter Anpassungsstörung natürlich, daß alles so ist wie man es aus All-inclusive gewohnt ist. Der Mann ist nicht in der Lage zu akzeptieren, daß es Menschen gibt, die etwas zu feiern haben, warum läßt der sich so ausführlich über die feiernden Griechen aus? Setz dich doch einfach irgendwo hin, wo du nicht genervt reagieren mußt. Eine Speisekarte gibt es scheinbar nicht, kommunizieren könnte man ja, vielleicht mal fragen, ob es etwas besonderes gibt(Meeresfrüchte auf einer Insel,Hmmm)? Wahrscheinlich im Repertoire nicht vorhanden, möglicherweise ist er ja gewohnt aus den Trögen der AI zu schöpfen , da muß man mit den Menschen ja nicht reden... Das Zimmer war auch nicht adäquat aber auf dem Boden wollte er dann wieder nicht schlafen.TZZZZ.. Schön, daß er es noch möglich gemacht hat und mich noch auf seinem Moped hinfuhr-Fehlanzeige. Taxirundfahrt für 50 € unverschämt;5 Zloty wären ja wohl mehr als genug gewesen- unverschämte Ausnutzung der Monopolstellung, Museum öffnet nicht pünktlich, au weia.. Bei dem Text kann ich mich für meine Landsleute wieder nur fremdschämen. Mach Urlaub aufm Campingplatz an der Nordsee da gibts alles was du auf deiner Odysseeeee so schmerzlich vermißt hast.
4. sagen Sie Ihre meinung:
janne2109 19.07.2011
hier ist sie- fahren Sie nächstes mal auf eine andere Insel!
5. Erfrischender Bericht
sukowsky 19.07.2011
Warum auch nicht gerade das Abweichen von unserem Normdenken erfrischt das Lebe. Gut, das hier nicht der erwartete Pleitegeier regiert so ist noch Hoffnung für Griechenland. Wie viel Reiche hat es bei uns die hinter großen Zäunen leben. In diesem Artikel spricht man nicht davon.
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Reiseziel Griechenland
Beste Reisezeit
Hochsaison ist von Mitte Juni bis Ende August. Im Frühling und Herbst sind dagegen weniger Touristen unterwegs und die Temperaturen angenehmer. Über den Winter schließen viele Hotels, Restaurant und Cafés, besonders auf den Inseln. Auch Fähren und Busse verkehren dann nur noch eingeschränkt.

Einreiseinfos und Zeitzonen
Deutsche Staatsbürger brauchen für die Einreise nur einen gültigen Personalausweis oder Reisepass - wer nicht länger als drei Monate bleibt, muss keine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Griechenland gehört zur osteuropäischen Zeitzone, dort ist es also eine Stunde später als in Deutschland - im Sommer wie im Winter.
Highlights
Sehenswerte Städte sind zum Beispiel Athen mit der Akropolis oder die lebhafte Hafenstadt Thessaloniki. Auch die Ruinen des sagenumwobenen Delphi und das antike Olympia sind einen Besuch wert. Die meisten Urlauber zieht es zum Baden oder Wandern auf die griechischen Inseln. Besonders beliebt sind Kreta, Rhodos und die Kykladen, zu denen Naxos und Santorin gehören.
Festivals und Veranstaltungen
Ein kultureller Höhepunkt ist das "Hellenische Festival" in Athen und Epidaurus: Von Juni bis August stehen internationale Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen auf dem Programm (www.greekfestival.gr). Auch auf den Inseln lohnen einige Veranstaltungen einen Besuch: das Weinfest im kretischen Rethymnon etwa, das Sardinenfestival in Skala Kalloni auf Lesbos oder das Rockfestival in Ireon auf Samos.
Reiseinfos
Einen guten Überblick bietet die Internetseite der Kanadischen Tourismus-Kommission www.visitgreece.gr. Informationen speziell zur Hauptstadt Athen gibt es unter www.breathtakingathens.com.
Anreise und Transport
Zahlreiche Fluglinien bieten Direktflüge nach Griechenland an, zum Beispiel von Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf. Zwischen dem griechischen Festland und den einzelnen Inseln verkehren regelmäßig Fährschiffe.

REUTERS
Kalimera, Griechenland-Fans! Das Krisenland am Mittelmeer ist bei deutschen Urlaubern so beliebt wie eh und je. Doch wie gut kennen Sie sich aus in der Heimat von Göttern, Gyros und Generalstreiks? Testen Sie Ihr Wissen im SPIEGEL-ONLINE-Quiz