Kurzreisetipp Fanø Kleine Insel, großes Glück

Wind und Wetter begrüßen Besucher der dänischen Nordseeinsel Fanø mit Wumms. Aber die stolzen Bewohner verstehen es, für Urlauberseligkeit zu sorgen.

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Von Andreas Hallaschka


Irgendwann ging es einfach nicht mehr weiter. Nach 15 Jahren als Personalmanager in Luxemburg stand Jesper Danneberg Voss vor der Wand.

Er war 43 Jahre alt und wollte raus. Aussteigen. Am liebsten gar nicht mehr arbeiten. Aber wohin sollte er gehen? Seine Wahl fiel auf Fanø, einen Ort, den er nur als Ferieninsel kannte. Genauso wie Dänemark ihm nicht wirklich vertraut war. Denn die meiste Zeit seines Lebens hatte der gebürtige Kopenhagener im Ausland verbracht.

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Dänische Insel Fanø: Wind, Watt und Wolken

Zehn Jahre später hat Jesper Danneberg Voss sein Leben neu geordnet. Der 53-Jährige, der in seiner ledernen Schürze aussieht wie ein Seeräuber aus "Game of Thrones", ist der ungekrönte "Oyster King of Fanø".

Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Austern: Austernsafaris, Austernkochbüchern, Kochkursen und einem Austernfestival. Sterne- und Spitzenköche kommen aus ganz Dänemark und Norddeutschland zu ihm auf die Insel - und auch immer mehr Urlauber, die den rauen Charme der winterlichen Nordsee und die hier im Überfluss vorkommenden Weichtiere zu schätzen wissen.

Auf Sammeltour im Wattenmeer

An der windgeschützten Ostküste zwischen Nordby und dem Festland versammelt Jesper (man darf und muss den König duzen) eine Gruppe Feriengäste (das Wort Touristen ist auf Fanø verpönt), um im flachen Wattenmeer Austern zu ernten.

Werden sie anderswo als Delikatesse zu Spitzenpreisen gehandelt, kostet die edle Muschel auf Fanø nur die Mühe, sich zu bücken, um sie aufzuheben. Dazu kommt, dass Fanøs Austern wegen ihres reinen und sauberen Geschmacks gerühmt werden. "Das verdanken wir der starken Strömung," sagt Jesper. "Unsere Austern haben reichlich Futter. Sie sind fester im Fleisch, und es ist mehr dran."

Seit sich vor Fanø die Pazifische Felsenauster breitgemacht hat und zusehends die heimische Miesmuschel verdrängt, sieht es der dänische Staat sogar gerne, wenn Feinschmecker mitten im Nationalpark Wattenmeer auf Sammeltour gehen.

Jesper bereitet die Austern am liebsten mit Erdbeeren zu: "Ich weiß nicht warum, aber die Kombination funktioniert einfach. Wahrscheinlich ist es ähnlich wie beim Hotdog, wo auch süß und salzig zusammenfinden."

Fanø gilt als nördlichste der nordfriesischen Inseln. Dabei siedelten hier nie wirklich Friesen. Die Insel entstand erst im Mittelalter aus einer Sandbank im Wattenmeer. Und weil es hier außer viel Wind und phänomenalen Sandverwehungen nicht viel zu holen gab, verkaufte der dänische König das Eiland samt aller Fischerei- und Jagdrechte seinen ersten Bewohnern.

Und die machten was draus. Pflanzten Wäldchen zum Schutz gegen die Sandstürme und legten im Norddorf Nordby und im Süddorf Sönderho je einen Hafen an. Daraus erwuchs bis ins 19. Jahrhundert die größte Handelsflotte Dänemarks nach Kopenhagen und ein gewaltiger Lokalpatriotismus.

So ursprünglich, so dänisch

Heute ist Fanø mit 3300 Einwohnern die zweitkleinste Gemeinde Dänemarks. Trotzdem gibt es hier selbst im Winter, wenn die Sommerurlauber längst weg sind, keine Geisterdörfer wie zum Beispiel Kampen auf Sylt oder Aerosköbing auf Aero.

Der große Reichtum aus der Ära der Segelschifffahrt ist heute noch in Sönderho zu bewundern. Die stattlichen Kapitänshäuser sind alle in ostwestlicher Richtung gebaut, damit der Wind ohne Angriffspunkt durchziehen kann. In der Kirche des 300-Seelen-Ortes hängen die stolzesten Schiffe der damaligen Zeit als Schmuck unter der Decke. Vor dem Gotteshaus liegen die verblichenen Kapitäne in Gräbern, die noch 100 Jahre später gepflegt werden.

Fanø bewahrt die alten Sitten. Man trägt zum Beispiel noch Tracht. Und gerade in der Nebensaison merkt man, wie ursprünglich und dänisch die Insel vor allem im Herbst und Winter ist.

In einer anderen Welt

Wer in nur zwölf Minuten von Esbjerg nach Nordby übergesetzt ist, landet in einer anderen Welt. Auf Fanø gibt es keine beleuchteten Schaufenster, Kinos oder andere Vergnügungen. Hier gibt es nur Ruhe. Man kann spazieren gehen, wattwandern, radeln und danach in hervorragende Gasthöfe einkehren.

Und wer die zwölf Kilometer von Nordby ins idyllische und weltabgeschiedene Sönderho zurücklegt, durchquert eine weite Heidelandschaft und ein Kiefernwäldchen ohne große Zeichen menschlicher Besiedelung.

Aber: Winter an der Nordsee ist nichts für Weicheier. Der Wind peitscht einem auf den Spaziergängen mitunter hart ins Gesicht. Zwischen hohen Dünen ducken sich Ferienhäuser, fast alle mit Kamin und viele mit Sauna - im Sommer schadet das nicht, und im Winter ist es eine Wohltat, selbst wenn Schnee auf Fanø eine Seltenheit ist.

Wie alle Dänen leben auch die Inselbewohner ihre Vorliebe für Flohmärkte gerne und regelmäßig aus. Auf den "Loppemarked" im Dorfgemeinschaftshaus von Rindby verirrt sich kaum ein Urlauber: Es gibt Honig aus der Heide, Beerenmarmeladen und Leuchten aus Scheidenmuscheln, die hier zuhauf angeschwemmt werden.

Es ist mehr ein Basar für Selbstgemachtes als für Trödel. Bald kennt man alle Verkäufer und deren Sortiment - und kommt dennoch gerne wieder. Denn es gibt immer guten Kaffee, Kuchen und ein interessantes Gespräch. So nah an der deutschen Grenze sprechen die meisten ziemlich gut Deutsch.

Wildkräuter aus den Dünen

Jesper, den Austernkönig, zieht es eher ins kleine Brauhaus der Insel, wo man schon Craft Beer braute, als dieses Wort nach gar nicht bekannt war. Im Bryghus trifft sich die Austern-Clique, zu der auch Thomas Laursen gehört.

Der war ursprünglich Lehrer, leitet mittlerweile aber ganzjährig Naturführungen und sammelt Wildkräuter in den Dünen. Die verkauft er an Fanøs Restaurants wie den sehenswerten Sönderho Krog von 1722. "Ich verdiene nicht mehr so viel wie früher, aber ich bin fast das ganze Jahr draußen in der Natur und es befriedigt mich, sie den Menschen näher zu bringen", sagt Laursen.

Gemeinsam haben Jesper und die anderen den deutschen Schlagersänger Nino de Angelo bewirtet, als der seine Hochzeit am Strand von Fanø feierte. Jetzt hoffen sie auf den Besuch von Königin Margarethe und ihres Mannes Henri de Laborde de Montpezat. "Dann könnte unser französischer Prinz mal einen richtigen König kennenlernen," sagt Jesper Danneberg Voss und lacht.

Andreas Hallaschka ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Diese Reise wurde zum Teil unterstützt vom Fanø Østersfestival.

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insgesamt 7 Beiträge
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Japhyryder, 30.10.2017
1. Fanö
Hatte vor Jahren eine Woche auf Fanö verbracht. Mehr durch Zufall. Hatte einen Artikel über einen Film-Regisseur gelesen, der vorwiegend auf dieser Insel lebte. War in der Gegend und dachte mir: Fahr da mal hin. Mir haben diese 6, 7 Tage unglaublich gut gefallen. Sehr relaxed. Die Insel habe ich tagelang per geliehenem Fahrrad erkundet. Als ich dem alten Mann, der seinen Verleih direkt am Strand hatte, sein Rad zurückgab, fragte er mich: "Warum?" "Ich muss wieder nach Hause, arbeiten", sagte ich ihm. Seine Antwort hat mir noch jahrelang zu denken gegeben und traf mich unmittelbar: "Hast Du das nötig?" Eine der wichtigsten Fragen, die mir je gestellt wurden.
lynx2 30.10.2017
2. Kenne die Insel seit Anfang der 70-er Jahre und war schon fast...
10x dort (Anfangs Camping, später Sommerhaus). War immer wieder begeistert.Bin bewußt nicht nach Sylt gefahren. Hoffentlich entwickelt sich Fanö nicht zu einem zweiten Sylt, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gering ist. Der Austern-Kult ist mir neu, den gab's früher nicht, aber der Sönderho Kro war schon immer eine Offenbarung.
mydiablo 30.10.2017
3. Hammer
Die Insel ist absolut genial. Wer sie noch net besucht hat ist selbst schuld :) http://www.dealking.de
Japhyryder, 31.10.2017
4. Fanö/Farö/Bergman/Fahrradverleiher
Die Insel heißt Farö. Der Regisseur Ingmar Bergman. (Zwar wunderte ich mich darüber, dass er auf Fanö leben sollte - aber er ist Ingmar Bergmann, dachte ich mir). Ich fand die Insel (Fanö) knuffig. Aber dieser Fahrradverleiher war der Rausreißer. Ne echte Denksportaufgabe gab er mir mit auf den Weg. Arbeit. Was ist das eigentlich? Wie willst du arbeiten? Leben? Arbeit. Fremdbestimmtsein. Geld. Der Mann hat etwas in mir angestoßen, dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Das ist mir auf Reisen immer wieder passiert. Zufällige Begegnungen, die alles mögliche ins Rollen brachten. Ich bin dem nur begegnet, weil ich Farö mir Fanö verwechselte. Der alte Mann hatte eine Auffassung vom Begriff Arbeit, die vollkommen anders war, als ich es damals als junger Mensch in Deutschland erlebte. Der hatte ja einen ganz einfachen Verleih und schien zufrieden hoch drei zu sein. Leben, Arbeit, er selbst. Eine Einheit. Das was er tat, plaudern, Räder instand setzen, verleihen, Geld verdienen, das war für den, aus meiner damaligen Sicht, etwas völlig anderes, als ich es zuhause gewohnt war zu erleben. Darüber mußte ich nachdenken. Unbedingt. Später habe ich erlebt, dass es ne Menge Skandinavier gab, die Arbeit ganz anders lebten, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Faszinierend.
achterhoeker 31.10.2017
5. Die Dänen
Die Dänen und ihre Glückseeligkeit. Auf der Insel dort kann man ja gut Sprüche klopfen über Arbeit usw. Währenddessen andere Dänen knallhart Profit zu Lasten der Gesellschaft und Natur machen. Maersk, Dänisches Bettenlager und viele Ferienhausvermieter. Zudem ja der dänische Anteil am Europa der "Werte und Menschen" sich in Nischen aufhält. Und Sprüche klopfen mir in Deutschland schon zu viele, im Bundestag alle bis runter in die Gemeinden. Der alte Mann soll froh sein das welche hart knuffen um sich die überteuerten Ferienhausurlaube mit Kinder und Hund in der dänischen Glückseeligkeit zu leisten.
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