Insel Port-Cros: Die Geliebte im Mittelmeer

Von Helge Sobik

Eine Insel mit 27 Hotelzimmern: Port-Cros liegt vor Frankreichs geschäftiger Côte d'Azur - und ist noch immer ein Geheimtipp. Tagsüber streifen Wanderer über die Küstenpfade, Segler schlürfen ihren Café au lait im Hafen, und abends senkt sich tiefe Ruhe über das Eiland.

Insel Port-Cros: Geheimtipp vor der Côte d'Azur Fotos
Helge Sobik

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Der Mann hat eine Geliebte. Er nennt sie "meine Perle" und blickt schmachtend, wenn er von ihr erzählt. Sogar der Tonfall seiner Stimme verändert sich dann, wird weicher, der Klang singender. Die Arme beginnen zu gestikulieren, als würde er ihre Figur, ihre Taille in die warme Sommerluft zeichnen, damit sich jeder der Umstehenden diese Schönheit besser vorstellen kann.

Die Affäre von Nicolas Gerardin läuft seit fast 30 Jahren, und der Name der Geliebten ist auf die Schulterpartie seines Diensthemds gleich unter dem Nationalparklogo eingestickt: "Port-Cros" steht dort. Seine Perle - das ist diese nahezu unbewohnte Insel im Mittelmeer: "Sooo schön", schwärmt er. "So still. Und so natürlich. Ein Schatz!"

Gerardin hat vor bald drei Jahrzehnten alleine die Welt umsegelt - um am Ende des Törns ungeplant auf Port Cros hängen zu bleiben. Und um seitdem zu schwärmen: davon zum Beispiel, dass es nirgendwo anders so viele verschiedene Grüntöne gebe wie hier in seiner Inselheimat, wenn man das kristallklare Wasser in den felsumrandeten Buchten entlang der Küste und die Farbabstufungen der Blätter unterschiedlichster seltener Pflanzen zusammenzählt.

Davon, wie sich der Blick vom Turm der Festung Fort de l'Estissac im Meer verliere und sich das Blau der Wellen mit dem des Himmels am Horizont verbinde. Davon, wie schön die Tauchgründe seien. Ob ihm hier irgendetwas nicht gefalle? Er schaut, als würde er die Frage nicht verstehen, ist einen Moment wortlos - um gleich danach weiter zu schwärmen.

Zur Beruhigung ein paar Chansons

Zehn Inseln sind der südfranzösischen Küstenstadt Hyères vorgelagert, die Großstadt Marseille ist weniger als eine Autostunde entfernt. Die drei größeren Eilande dieser Îles d'Or - goldene Inseln - genannten Gruppe stehen Urlaubern offen. Als Einzige davon ist Port-Cros komplett als Nationalpark unter Schutz gestellt - und das bereits seit 1963.

Die Auflagen sind derart vielfältig, dass sogar ein generelles Rauchverbot im Freien gilt - wegen der Umweltverschmutzung durch weggeworfene Kippen und mehr noch wegen der Waldbrandgefahr. 135 Euro Geldstrafe werden fällig, wenn man mit brennender Zigarette ertappt wird. Ranger wie Nicolas Gerardin überwachen die Einhaltung der Regel. Bei so etwas versteht er gar keinen Spaß.

Weniger als drei Dutzend Menschen sind auf dem rund vier Kilometer langen und zweieinhalb Kilometer breiten Eiland zu Hause, und bloß ein paar Häuschen mit Restaurants und Bars säumen die halbmondförmige Hafenbucht. Nur 27 Hotelzimmer gibt es, dazu ein paar Ferienwohnungen.

Tagsüber sind es Wanderer mit Picknick-Box im Rucksack, die hier auf 30 Kilometer Wegen und schmalen Pfaden oberhalb der Steilküsten über die Insel streifen. Abends sind dort nur noch Eidechsen unterwegs, die eilig über den Weg huschen, dazu ein paar Seevögel am Himmel. Und nachts versinkt Port-Cros in tiefster Ruhe - bis morgens aus dem ersten der vier Restaurants am Hafen das Radio dudelt, der Moderator irgendwas vom Stau auf der Küstenstraße erzählt, dabei natürlich das Festland meint und zur Beruhigung erst mal ein paar Chansons auflegt.

Kellner rücken derweil Tische und Stühle zurecht, breiten Polsterauflagen aus und warten auf die Ausflügler, die in der Saison gegen halb elf mit dem ersten Boot aus Hyères eintreffen werden. Ein paar Segler kauen bereits ihre Croissants, nippen am Milchcafé und lesen in der Tageszeitung von gestern. Sie haben die Nacht auf ihren Schiffen verbracht, werden sich den neuen Tag lang wieder vom Wind auf dem Wasser zwischen den Inseln voranschieben lassen und abends in den Hafen zurückkehren.

Brangelina und Helmut Kohl

Wenn die Tagesbesucher erst mal da sind, verläuft sich der scheinbare Ansturm schnell. Zwei Schulklassen stapfen mit ihrem Bio-Lehrer in die Natur, ein paar junge Leute steuern gleich den Strand Plage de la Palud an, ein Pärchen zieht einen ungenutzten Holzponton in Sichtweite als private Sonnenbank vor. Das Mittelmeer gluckst zur Begrüßung. Ein paar Leute zieht es in die Cafés, die anderen schultern den Rucksack und starten zur Insel-Rundwanderung. Und kaum dass sie den kleinen Hafen mit seinen Anlegern, seinen paar Nussschalen und Segelbooten verlassen haben, umfängt sie nur noch Stille.

Manchmal bleibt ihr Blick beim Schwenk übers Meer an den Yachten haften, die weiter draußen unterwegs sind. Irgendwie sieht die Frau, die dort diesen Nachmittag gerade im roten Badeanzug von Deck springt ein bisschen aus wie Angelina Jolie, der Typ mit dem quergestreiften Matrosen-Shirt wie Brad Pitt. Kann sein, dass sie es wirklich sind. Es wäre nichts Ungewöhnliches für die Îles d'Or.

Früher kam François Mitterand regelmäßig hierher, machte Ferien im Herrenhaus "Le Manoir d'Helene", wo die Esstische der Gäste unter hohen Bäumen im Freien auf einer gemähten Wiese stehen und Störche beim Mittagsmahl zuschauen. Einmal hat er Helmut Kohl mitgebracht, damals deutscher Regierungschef. Einer hat beide herumgeführt - und ist aus dem Schwärmen nicht herausgekommen: Das war Nicolas Gerardin.

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