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Insel vor Venedig: Das Geheimnis der Glasmacher von Murano

Ein lebenslanger Lernprozess: Erst nach Jahrzehnten dürfen sich die Glasmacher von Murano "Maestro" nennen. Wie sie die Vasen, Schalen und Figuren herstellen, verraten die Künstler nicht - trotzdem leimen Nachahmer Touristen mit billigen Fälschungen.

Venedig - Zuerst ist es nur ein murmelgroßer Klumpen. Doch als der Glasmacher etwas Luft hineinbläst, dehnt sich das Glas aus und wächst zu einer immer größeren Blase heran. Nur wenige Minuten später ist Livio Serena fertig.

Ein dunkelroter, in der Mitte schlank zulaufender Weinkelch steht vor ihm auf der Arbeitsfläche - eines von Hunderttausenden von Produkten, die jährlich auf der bei Venedig gelegenen Insel Murano nach Geheimrezepten gefertigt und in die ganze Welt geliefert werden.

"Die Arbeit mit Glas sieht zwar sehr einfach aus, erfordert aber sehr viel Geschick und Erfahrung", erklärt Gaetano Mainenti, Leiter der Kulturabteilung der Glasschule "Abate Zanetti" in Murano. Daher gibt es auch keine feste Ausbildung zum Glasmacher. "Es ist vielmehr ein lebenslanger Lernprozess."

Nur wer wie Livio Serena auf der Insel geboren und aufgewachsen ist und sich Jahrzehnte später als Experte einer eigenen Glastechnik etabliert hat, erklimmt schließlich den Olymp der Glasmacher und kann sich "Maestro" nennen.

Diesen Titel tragen nur rund 150 Glasmacher auf Murano - dennoch lebt die kleine Insel nordöstlich von Venedigs Zentrum noch immer hauptsächlich von der Glasproduktion. Unzählige Geschäfte reihen sich in der Fondamenta dei Vetrai und der Fondamenta Cavour aneinander und bieten von kleinen Perl-Ohrringen über zarte Tiermodelle bis hin zu opulenten Kronleuchtern vieles an. Aus den Werkstätten in den Nebenstraßen sind das Brummen der rund um die Uhr brennenden Öfen sowie das ständige Klappern der Blasrohre und Werkzeuge zu hören.

Schutz vor Eindringlingen

So werden Jahr für Jahr Tausende Vasen, Trinkbecher, Schalen, Lampenschirme, Ketten und filigrane Figuren in allen Preisklassen hergestellt. Wie viele genau, ist unbekannt: "Die einzelnen Werkstätten geben nur sehr wenig über ihre Glasproduktion preis, weil sie nicht wollen, dass die Konkurrenz zu viel über sie erfährt", sagt Alessandro Venerio von der Vereinigung der venezianischen Glasmacher Promovetro. Insbesondere die Zusammensetzung des Glases ist ein gut gehütetes Geheimnis.

Als die Glasmacher wegen der Angst der Venezianer vor Bränden mit ihren Schmelzöfen vor Jahrhunderten nach Murano gehen mussten, geschah das auch, um die Glasindustrie besser vor Eindringlingen schützen zu können. Tatsächlich werden die Rezepte und Kniffe bis heute nur von Generation zu Generation innerhalb der einzelnen Familien weitergegeben.

Da Touristen die Besonderheit des venezianischen Glases aber meist nicht mit bloßem Auge erkennen können, werden in Murano und vor allem in den Touristenläden im Zentrum Venedigs auch billige Fälschungen aus China angeboten. Deswegen hat die Vereinigung Promovetro vor kurzem ein Echtheitszertifikat eingeführt, das bereits an vielen Produkten der Insel klebt.

Aliki Nassoufis, gms

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Glaskunst in Venedig: Die Maestros von Murano