Inselkult Sylt ist nicht gleich Sylt

Von Antje Joel und Robert Lebeck, Fotograf

2. Teil: Nackt küsst man der Verehrten die Hand


Oswald Kolle und Frau legen am Strand ihre Kleider ab und geben vor Kameras ihr Schauspiel zwecks "sexueller Aufklärung" der Nation. Es wird ein kinofüllender Film. Der Strandabschnitt an der Buhne 16 gerät zum Freikörperrevier. Derer mit dem Geld vor allem. Es ist schick, die Kleider, die man sich leisten kann, nicht zu tragen. Nackt küsst man der Verehrten die Hand. Und der Butler, der den Champagner serviert, trägt weiße Handschuhe. Sonst nichts.

Der Kolumnist Martin Morlock schrieb: "Teilnahmslos, als wäre Kampens Nacktstrand die Hamburger Mönckebergstraße, schwebt ein primäres Geschlechtsmerkmal am anderen vorüber, und wenn ein dazugehöriges Augenpaar, statt der Quallen zu achten, versehentlich seitwärts schweift, meint man, es blicke in ein Schaufenster voller Büromöbel."

Auf fällt, wer bekleidet bleibt: Rudolf Augstein zum Beispiel und der Verleger Ernst Rowohlt. Letzterer, von enormer Fülle, trägt stets Badehose und auf dem kahlen Schädel ein an den vier Ecken geknotetes Taschentuch. Sitzt so wie ein Buddha im Sand oder bis zum Hals im Wasser, je nach Wetter. Weshalb ihn der Theaterintendant Boleslaw Barlog "den Seehund" nennt. Rowohlt seinerseits nennt den Nacktbader Barlog "altes Schwein". Und Romy Schneider, die einmal nach Sylt kommt und dann nie wieder, klagt: "In jeder Welle hängt ein nackter Arsch."

Bald hängen in jeder Welle zwei. Wenn auch nicht mehr nur die feinen. Die, die jemand sind, ziehen ja auch immer jene nach, die so gern jemand wären. Und Geldhaben gilt ja oft schon genug, um die anderen von dem eigenen Jemandsein zu überzeugen. Die Künstlerkolonie Kampen verfällt dem schrillen Treiben gehobener Bourgeoisie. Es wird gezahlt, gezecht, gezahlt. In den Bars tanzen sie auf den Tischen. Über die Reetdächer reiten Männer auf nackten Frauen.

Westerland ist New Yorker und Bijou Brigitte

Nach Sylt fährt man nicht mehr Sylts wegen. Man fährt um seiner selbst willen. Aber nach Sylt muss es sein. Auch heute noch. Wo angesichts manchen Orts auf der Insel nicht mehr begreifbar ist, warum. Angesichts Westerlands beispielsweise, dessen wilde Seesandromantik längst einbetoniert ist in die Tristesse grauer Apartmentwaben. Mehrstöckig übereinander getürmt, reihen sie sich hinter dem verbliebenen Streifen Strand. Eine Ferienfavela für die, die sie sich leisten müssen, deren Bedürftigkeit jedes vernünftige Maß übersteigt. Westerlands Inneres, wo die Teuerboutiquen einst von dem Geldwert seiner Gäste prahlten, verfällt der Beliebigkeit. Westerland ist New Yorker und Bijou Brigitte. Ist McDonald's und Wienerwald und eine Frittenbude, die "Pommes Currywurst Schaschlik Champagner" verkauft. Nur noch eine weitere graue Stadt am Meer. Und auf den Barhockern vor den Cafés posiert die Klientel der dauerhaft Sonnenbebrillten und spielt Vergangenheit.

Schauspielerin Andrea Jonasson: Dünenglück
Robert Lebeck

Schauspielerin Andrea Jonasson: Dünenglück

Ich fahre weiter, nach Kampen. Es ist ein eisiger, hagelschauriger Samstagabend im April, der Strönwai liegt verlassen. Kein Vergnügungssüchtiger auf der Meile, kein Porsche geparkt, keine Harleys auf und ab rasend. Das einzige Knattern rührt von den windgebeutelten BVLGARI-Fahnen. In ihrer Nachbarschaft leuchten Louis Vuitton und Escada. In die ehemalige Enklave der Eigenartigen fallen heute die Feldbuschs und Bohlens, die Gottschalks und die Drews. Und mit ihnen kommen die, deren ganzes Glück es bedeutet, einmal im gleichen Café ihren Kuchen gegessen zu haben wie jene. Über den gleichen Asphalt geschlendert zu sein. Im gleichen Sand gelegen zu haben. Koste es ihren Jahreslohn und jedes andere Vergnügen.

Die Persönlichkeiten aber sind Kampen verloren gegangen, in dem Maße, in dem sie der Gesellschaft verloren gegangen sind. Nein, man kann diesem Möchtegerndorf mit seiner wachsenden Friesenhauskulisse nicht zum Vorwurf machen, dass es zum trivialen Spiegel einer trivialen Gesellschaft verkommen ist. Ich sehe in die Auslagen und frage mich, was passieren müsste, damit mein nichtig kleines Dorf, drüben auf dem Festland, eines Tages zu einer weltweit berühmten Kauf- und Vorführarena von Tausend-Euro-Handtaschen mutieren könnte. Was ein Dorf braucht, damit fremde Damen in neongrünen Cowboyboots seine gummigestiefelten Bauersfrauen verdrängen.

Sylt droht zu zerbrechen

Carla Petersen hat eine Antwort: "Wir Sylter sind tolerant. Und wir sind diskret. Diskreter als der Rest der Welt. Nehmen Sie doch nur die Homosexuellen, die haben wir hier zuerst geduldet." Ja. Und die Künstler, die Möchtegerns, die Nackten und die Nationalsozialisten. Dem Hermann Göring, später Ferienhausbesitzer hier, verlieh die Stadt Westerland gleich bei seinem ersten Besuch die Ehrenbürgerwürde. Und als die deutschnationalen Machthaber die Insulaner aufforderten, Juden den Aufenthalt zu verbieten, erhob sich die NSDAP-Genossin Jenny Jahns und gab der ausgesuchten, dem Lebensunterhalt unbedingt zuträglichen Sylter Duldsamkeit Ausdruck mit dem Ruf: "Ick bin 'ne freie Friesin, und dat eene will ick seggen: Ob dat nun Christen sind oder Dschuden, dat is mir ganz egal - ihr Geld sollen sie dalassen." Das werden die Gäste wohl tun. So lang sie können.

Sylt droht zu zerbrechen, in mehr als einer Hinsicht. Eine halbe Million Autos im Jahr, mit dem Autozug vom Festland herübergebracht, machen die Luft abgasschwer. Im Sommer staut sich vor Westerland der Verkehr. Motorenlärm überdröhnt das Möwengeschrei. Westerland droht seinen Bäderstatus zu verlieren. Zu viele Autos. Zu viele Menschen. 700.000 Gäste gleichzeitig übervölkern sommers die 99 Quadratkilometer Sylt. Die Gäste sind keine Gäste mehr: Sie besitzen mehr Wohnungen hier als die Einheimischen. Junge Sylter, der Familie entwachsen, müssen ein Heim auf dem Festland suchen. Ihre Heimat können sie sich nicht einmal zur Miete leisten.

Sylt schwindet. Das Meer raubt die Insel. Eine Million Kubikmeter Sand reißt es jedes Jahr mit sich fort. In jedem Frühjahr baggert eine dänische Firma dagegen an. Aus 15 Meter Tiefe holt sie Millionen Tonnen Sand herauf und spült sie vor die Inselküste. Kosten: neun Millionen Euro von 2003 bis 2005 allein. Dennoch, so fürchten die Kritiker, Sylt sei nicht zu retten. 2050 schon werde es in zwei Teile, 3000 in fünf zerfallen sein.

Am Kampener Strand zeugt die Abbruchkante des Roten Kliffs von der Insel Verletzlichkeit. Nebel steigt vom Wasser auf. Die Luft ist grau, kalt und nass. Der Wind reißt an meinem Haar. Kein Mensch außer mir auf dem Sand. Kein Laut außer Wind- und Wasserrauschen. Ich sehe über das Meer hinaus ins Nichts. Da ist kein Gestern. Kein Morgen. Da ist nur Jetzt. Und ich denke: So fühlt sie sich an, die Unsterblichkeit. Und frage mich: Ist das Sylt? Oder kann man das Gefühl mit sich tragen? An jeden Ort auf der Welt?



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