Wellenreiter-Workshop in Irland Sägen, leimen, surfen

Irlands Wetter ist nicht ganz so schlecht wie sein Ruf - und Surfer lieben vor allem im Herbst die einsamen Strände mit grandiosen Wellen. Und: Im Nordwesten können sie ihre Boards gleich selber bauen.

Cliffs of Moher Visitor Experience / Irelands Content Pool

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"Das Umziehen ist der fieseste Part. Wenn der Wind aufdreht, kann's richtig kalt werden." Vornübergebeugt steht Benedict Kelly, 32, neben seinem VW-Bus und zerrt am Ärmel seines dicken Neoprenanzugs. Von seinen Fingern spritzen Wassertropfen, die nassen Haare glänzen in der Sonne.

Das Auto bietet Kelly Schutz vor dem Wind, der ein paar Meter weiter die Gischt mit sich reißt und zurück Richtung Horizont befördert, als würde er gegen die Wellen ankämpfen. "Ablandiger Wind, gut zum Surfen", sagt Kelly, während er sich in ein Handtuch wickelt. Eine knappe Stunde war er an diesem Herbstmorgen im Atlantik, dessen Temperatur hier, an der Nordwestküste Irlands, 15 Grad beträgt - immerhin ein Grad mehr als die der Luft.

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Surfen in Irland: Riesenwellen und leere Strände

Kelly ist zum Surfen hergekommen. Als Kind war er oft hier, sein Vater stammt aus Irland. Jetzt ist er mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Baby wiedergekommen: Von Berlin aus, wo die Familie lebt, haben sie mit dem Bulli 1400 Kilometer bis zur französischen Nordküste zurückgelegt und 19 Stunden auf der Fähre nach Irland verbracht, um danach knapp fünf Stunden über die Insel zu fahren. Bis zum Küstendorf Strandhill, wo Kelly jetzt zitternd am Strand steht. "Hat sich total gelohnt", sagt er und schaut grinsend zum Meer.

Wassertemperatur um den Gefrierpunkt

Kelly ist einer von aktuell knapp 200.000 Touristen, die jährlich nach Irland kommen, um "wasserbasierten Aktivitäten" nachzugehen, wie es in der Statistik der irischen Tourismusbehörde heißt. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren.

Wie viele Surfer darunter sind, wird nicht erhoben. "Surfen ist aber zweifellos populärer geworden, bei Einheimischen wie bei Touristen", sagt Liam Campbell von der Tourismusbehörde Fáilte Ireland. "In den vergangenen 20 Jahren haben 50 Surfschulen eröffnet und die Zahl der Surfclubs hat sich in dieser Zeit verdoppelt."

Aber warum nehmen Surfer die lange Anreise auf die Insel auf sich? Weshalb fahren sie nach Irland, wo das Wetter wechselhaft und der Wind unbarmherzig ist, anstatt in warmen Ländern wie Frankreich oder Portugal zu surfen, wo die Wellen perfekt sortiert an die Küste rollen?

"Ich glaube, viele von ihnen haben die klassischen Surftrips in den Süden schon gemacht und wollen was Neues ausprobieren", sagt Paul Reisberg, 34. Er steht, sooft es geht, auf dem Brett, vor allem da, wo andere den Wellen lieber dick eingepackt vom Strand aus zusehen: in Irland, seiner Wahlheimat Cornwall oder auf Sylt, wo im Winter seine Hände nach dem Surfen oft so klamm waren, dass er seinen Neo erst unter der Dusche ausziehen konnte - kein Wunder, bei einer Wassertemperatur um den Gefrierpunkt.

Gerade ist er aber nicht zum Surfen in Irland, sondern der Arbeit wegen: Der gebürtige Kölner bringt einer Gruppe von Surftouristen in einem einwöchigen Workshop bei, ihr eigenes Brett zu bauen. In Cornwall baut er maßgeschneiderte Surfboards für seine Kunden, daneben gibt er europaweit Kurse, wie hier, eine halbe Stunde landeinwärts von Strandhill bei Sligo.

Das Besondere an Reisbergs Boards: Sie sind aus Holz, und nicht aus Kunststoff wie die meisten Surfbretter. "Holz ist einfach mein Material, damit kenne ich mich aus", sagt der gelernte Bootsbauer. "Die Bretter sind robust, wiegen wenig, und die Kursteilnehmer bestimmen die Fahrweise selbst, indem sie das Board selbst formen."

Sieben Tage sägen, leimen und hobeln

Diesmal sind es sechs Teilnehmer, Deutsche und Schweizer zwischen Ende 20 und Mitte 30, mit mindestens zwei Jahren Surferfahrung und Lust am Tüfteln. Das Programm ist straff: Sieben Tage sägen, leimen und hobeln sie von morgens bis abends an ihren Boards, danach bleiben zwei Tage Zeit, um die Bretter im Wasser auszuprobieren.

"Für mich ist die Kombination perfekt: Du konzentrierst dich eine Woche nur auf dein Werk, erschaffst dein eigenes Brett und kannst dich dann damit im Wasser austoben", sagt Teilnehmer Jona, 34. "Und wenn's in die Hose geht, hänge ich mir das Brett eben an die Wand." Ein teures Dekostück: Inklusive Material kostet der Workshop rund 1000 Euro.

Organisiert wurde er vom kleinen Hamburger Reiseveranstalter Driftwood Travelling, der Surf- und Yoga-Trips in warme Länder wie Portugal anbietet - und nach Irland, mitten im Herbst. "Was das Wetter angeht, ist Irland viel besser als sein Ruf", sagt Marco Spee, Mitgründer von Driftwood Travelling. "Wir kommen immer im Herbst her, weil die Wellen gut sind und im Oktober oft die Sonne scheint." Es gebe immer mal wieder Schauer, aber die ziehen meist schnell vorbei.

Auch die felsige, zerklüftete Küste sieht Spee als Vorteil: Da jede Bucht anders ausgerichtet ist, finde man immer einen Spot zum Surfen, je nachdem, aus welcher Richtung Wind und Wellen kommen. "Voraussetzung ist, dass man sich an der Küste auskennt. Oder man bringt Zeit mit, um sie auszukundschaften."

Jubel über Wellenritt

Für Surfer Benedict Kelly macht vor allem die Kombination aus Wellen und Landschaft den Reiz aus. "Wenn dir an Tagen wie heute die Sonne ins Gesicht scheint, du auf dem Brett sitzt und diese Kulisse um dich herum hast - das ist einfach der Hammer", sagt er und zeigt hinter sich auf die grünen Hügel und die felsigen Cliffs, die in der Sonne bizarre Schatten werfen.

Als er gerade in seinen Bulli steigen will, um sich etwas Warmes anzuziehen, kommt ein Surfer vorbei, hebt die Hand und grüßt lächelnd. "Er war mit mir im Wasser, wir hatten den ganzen Spot für uns" sagt Kelly. "In Portugal oder Frankreich bist du oft mit 50 anderen draußen und musst um jede Welle kämpfen. Vor allem, wenn Einheimische ihre Wellen vor Touristen verteidigen wollen."

Localism nennen Surfer das Phänomen, bei dem das Wasser zur Kampfzone wird. "Das habe ich hier noch nicht erlebt", sagt Kelly. Im Gegenteil, viele Einheimische freuen sich über Gesellschaft und eine kurze Plauderei im Wasser - und mit jedem, der eine gute Welle bekommt. "Vor Kurzem hat mir ein Ire, der mit mir im Wasser war, nach einem langen Wellenritt zugejubelt. Da war meine Freude gleich doppelt so groß."

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hermannsson 28.09.2017
1. Und abends nach Sligo
Herrlich sind sie, die Küsten Irlands. Besonders im Nordwesten, ganz oben in Inichowen ist es wunderbar. Und abends, nach dem eiskalten Badespaß fährt man z.B. nach Sligo und lässt sich in warmen, gemütlichen Pubs ein leckeres Guinness bei Live Musik schmecken. Oder auch mehr als nur eins ...
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