Irlands ungewöhnlichster Park Im Garten Ewe

In Irlands "The Ewe Experience" trifft Skulptur auf Natur. Der Besuch ist für Kinder wie Erwachsene ein Erlebnis. Oder wer wundert sich nicht über Mönche, die in Bäumen leben?

Frank Patalong

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Das kleine Tor zum Steg über das Wasser ist immer verschlossen. Kurt will jedem Gast persönlich öffnen. Man klingelt und kurz darauf kommt er. Ohne Eile, die Gummistiefel an den Füßen und den Strohhut auf dem Kopf. Er spricht leise: "Hallo und willkommen in unserem Garten. Wir leben hier: Dies ist ein privater Raum, den wir gern mit Ihnen teilen."

"The Ewe Experience", wie der kleine Skulpturenpark heißt, liegt in Irlands äußerstem Südwesten, an der Straße zwischen Kenmare und Glengarriff, kurz vor dem Ortseingang. Der Ort gilt als einer mildesten und wildesten der gesamten Insel: Hier trifft der Golfstrom erstmals auf Europas Küste. Es friert hier nie, und im Sommer kann es wärmer werden als irgendwo sonst in Irland.

Das hat Glengarriff zu einem unfassbar vegetationsreichen Ort gemacht. Was in Europa wachsen kann, das wächst hier. Kaum ein Haus ohne mediterrane Palmen. Im Naturschutzgebiet und Parkland an den Hängen über der Stadt konkurrieren bemooste Mischwälder mit riesigen Farnen, Rhododendren-Dickichte mit Bambuswäldern, Magnolien mit riesigen Fuchsien und brasilianischem Mammutblatt. Letzteres erinnert an drei Meter hohen Rhabarber mit Zwei-Meter-Blättern.

Noch spektakulärer wird es, wo mit Plan und Verstand gepflanzt wird: Garinish, der botanische Garten auf der vorgelagerten Ilnacullin-Insel, genießt Weltruf. Auf dem Weg hinüber passieren die Fährboote Robbenbänke und die seit rund vier Jahren dort wieder ansässigen Seeadler. 2016 hatten sie erstmals ein Junges, der Horst ist über das Wasser offen sichtbar.

Kurzum: Man muss sich schon anstrengen, wenn man gegen das überbordende Angebot von Natur und Kultur der Region noch ein Highlight setzen will. Sheena Wood und dem Dänen Kurt Lyndorff ist das gelungen.

Ein Garten wie eine Wundertüte

In ihrem Ewe-Garten trifft Skulptur auf wilde Natur, Spiel und Interaktion auf Information, Berg auf Wasser, Kitsch auf Kunst. Es ist ein weiträumiges, sich den Berg hinaufreckendes Gelände von fast dschungelhaftem Bewuchs. Das Ungewöhnlichste daran: Es changiert mit sehr viel Humor zwischen niedlich und beeindruckend, informativ und spaßig.

Sheena Woods Skulpturen sind mal massig aus Beton, mal filigran aus Holz, Wolle oder alten Milchcontainern geschnitzt. Da schlafen unter zentimeterdicken Schichten Moos nur noch in Konturen erkennbare Trolle in Pflanzenbetten.

Da zeigen sich im Wald aufgehäufte Althölzer als riesige Igel oder kleine Mammuts, wenn man sie nur aus dem richtigen Winkel sieht. Wood versteckt ihre Skulpturen oft regelrecht, sie verwachsen mit dem Garten. Das macht den zu einer Art Entdecker-Parcour, der nicht zuletzt auch Kinder anspricht: Für sie sind vor allem die niedlichen, trickfilmhaften Figuren gedacht.

Die Erwachsenen entdecken anderes. Vieles ist vieldeutig, manches aber regelrecht politisch plakativ: Themen wie Nachhaltigkeit, unser Verhältnis zur Natur und unsere menschliche Verwurzlung in der Evolutionsgeschichte sind Wood wichtig.

"Ewe" ist Englisch und bedeutet Mutterschaf (Wood und Lyndorff halten am Berg über dem Garten eine Herde). Es klingt aber auch wie "Du!" - oder wie "Huiiii, was ist denn das?", wenn man mit Kindern spricht. Die "Ewe Experience" bringt das alles spielerisch zusammen.

Ein Leben in Extremen

Sheena Wood und Kurt Lyndorff arbeiten seit 1993 daran. Es war das Jahr, als sich die Gewichtungen in ihrem Leben umkehrten. "Wir haben uns im Studium kennengelernt", erzählt Kurt. Sheena, geboren in England, studierte Landschaftsgestaltung und dreidimensionales Design. Kurt zog es in die Medien. Von der Uni Aarhus wechselte er zur dänischen Journalistenschule. Und dann machten die beiden einen Deal: Als Erstes würde seine Karriere ihre Lebensweise vorgeben. Und danach ihre.

Kurt wurde Kriegsberichterstatter. Für "Jyllands Posten" berichtete er aus dem Nahen Osten, aus Jerusalem und Nikosia. Sheena zog mit, folgte ihm in die Versorgungs-Unruhen von Caracas, in die harten Ecken von Ecuador, Guatemala, in die Berge Costa Ricas. Er berichtete über Krieg und Krisen, sie lernte die dortigen Kulturen kennen. Dann wurden ihre zwei Töchter geboren.

Sheena und Kurt zogen den Strich unter ihre Wanderjahre, und die zweite Phase ihres gemeinsamen Lebens begann. 1994 eröffneten sie "Ewe in Eden", ihren ersten Skulpturengarten am nahen Mizen Head, südlich der Bucht von Bantry.

Natur und Skulptur, so ihr Plan, sollten sich da ergänzen, in sanfter Weise. Zehn Jahre später entdeckten sie ein verfallenes Hostel bei Glengarriff und zogen mit dem Skulpturenpark um. Innerhalb weniger Jahre wurde daraus die "Ewe Experience", ein friedlicher Traum von Natur und Kultur, von Humor und Verantwortung.

Und damit sicher auch eine Gegenwelt zum persönlichen Vorher der beiden. Eine heile Welt, aber keine Flucht, sagt Sheena: Auch das, was da witzig daherkomme, enthalte oft eine Botschaft, manchmal eine Mahnung. Vor Raubbau, Umweltzerstörung, gegen den Wahnsinn, den sich Menschen antun.

Es ist ein Ort, an dem man ins Träumen kommt und zugleich fühlt, wie gut es ist, mehr nachzudenken. Völlig ohne jeden Stress, versteht sich.


The Ewe Experience
N71 Kenmare Road
Glengarriff
Erwachsene € 6.50
Kinder €5
Familien €20

Garantierte Öffnung Juni bis August,
ansonsten Wetterabhängig, 10-18 Uhr

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insgesamt 4 Beiträge
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wo_st 26.08.2016
1.
Diese Ecke der Welt war und ist für mich das Paradies. Zum ersten Mal erlebte ich dort Stille in einem belebten Ort. Man hörte von Weitem Sachen, die sonst nur aus nächster Nähe zu hören sind.
hongkongfui1970 26.08.2016
2. am liebsten gleich hin
Ich geb ja in Diskussionsforen selten meinen Senf dazu, aber der Inhalt dieses Beitrags hat mich dermaßen berührt, da konnte ich nicht anders - da möchte man am liebsten gleich die Koffer packen! Vielen Dank für diesen schönen Beitrag, Herr Patalong!
arpad 104 26.08.2016
3. Die gruene insel ruft..
..also worauf noch warten? Das ist das Produkt-wenn 2 sich einig sind.... greetings from Connemara. Dr. von Kerckhoff Irish artist
klariaka 26.08.2016
4. Danke
für den Bericht über so etwas wunderbares. Alles Liebe für die Erschaffer dieses sowohl mahnenden als auch zum Träumen anregenden Gesamtkunstwerkes. Da möchte man drin leben!!
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