Abtrieb der Islandpferde Von den rauen Bergen kommen wir

Im Sommer leben sie wild, im Winter aber wird die Nahrung zu knapp: Hunderte Islandpferde werden jährlich Ende September von den Bergen herabgetrieben - ein eindrucksvolles Spektakel.

Mona Contzen/ SRT

Lange kann es nicht mehr dauern. Der Wind pfeift eiskalt über die Lavalandschaften, auf den Bergkuppen glitzert der erste Schnee, am Nachthimmel wabern die giftgrünen Nordlichter. Auf Island hält langsam der Winter Einzug, und der ist im "Land aus Eis" noch immer eine Frage des Überlebens. Meterhoch kann sich der Schnee im Norden türmen und sämtliche Nahrung unter einer frostigen Decke begraben.

Wer in dieser rauen Natur lebt, stellt sich ihr entgegen - mit kratzigen Wollpullovern, vollen Bärten und dunklen Liedern. Oder mit einem dichten Fell und langer Mähne. Wie die Islandpferde, die längst zum Symbol der wilden Insel zwischen Grönland und Norwegen geworden sind: stark, widerstandsfähig und schön.

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Pferdeabtrieb in Island: Hinab im Galopp

Im Sommer streifen die angehenden Zucht- und Reittiere wie Wildpferde in großen Herden durch das unbewohnte Hochland. Im Winter, wenn es dort auf 600 bis 800 Metern über dem Meeresspiegel statt saftigem Gras nur noch kalten Schnee gibt, ist es Zeit, heimzukehren. Der Pferdeabtrieb Ende September gehört zu den Höhepunkten des Jahres in einem Land, in dem die Hufeisen im Supermarkt gleich vorne an der Kasse hängen.

Schnaps gegen die Kälte

Hektische Bewegung einer Gruppe Schafe an einem Hang in der Ferne kündigen die Ankunft der Pferde an. Dann stürmt ein Tross aus Füchsen, Rappen, Braunen und Schimmeln über den Kamm und schiebt sich wie eine nicht enden wollende Ameisenstraße durch das gelbbraune, herbstliche Gras. Rund 500 Islandpferde sind beim diesjährigen Laufskálárétt in Hjaltadalur, dem größten Pferdeabtrieb des Landes, dabei.

Etwa 3000 Menschen - und damit nahezu die gesamte Gemeinde Skagafjörður - sehen bei dem Spektakel zu, treffen ihre Nachbarn, singen, picknicken auf Lkw-Ladeflächen. Die Feiern rund um den Laufskálarétt ziehen sich über mehrere Tage. Bei einer großen Pferdeshow am Vorabend sind die Tiere im Rennpass um die Wette gelaufen, im Tölt - der zweiten für das Islandpferd typischen Gangart - balancierten die Reiter unter dem Jubel der Zuschauer auf dem Pferderücken gar ein Glas Bier.

Die Kälte kriecht beim Warten langsam von den Füßen in die Glieder. Die Isländer lassen kleine Schnapsflaschen kreisen. Etwa 60 bis 70 Reiter und Kletterer haben sich in einer langen Reihe in den frühen Morgenstunden aufgemacht, um die Tiere aus den verzweigten Seitentälern zusammenzutreiben. "Die Pferde verhalten sich dabei wie Wasser auf einem Tisch", erklärt Hlin Mainka Johannesdottir. "Wenn man mit dem ausgestreckten Arm über den Tisch wischt, geht das Wasser in eine Richtung. So machen wir es auch mit den Pferden."

Hlin, die eigentlich Christiane heißt, wartet in einer dicken, roten Daunenjacke auf ihre sechs Pferde. Seit 20 Jahren lebt die Saarländerin jetzt schon auf der Insel, die nur rund 330.000 Einwohner hat, dafür aber 460.000 Schafe, unzählige Vulkane und mit dem Vatnajökull Europas größten Gletscher. Die Liebe hat sie hergeführt - die Liebe zu den Islandpferden.

Am pferdewissenschaftlichen Institut der Hólar-Universität hat sie ihren Abschluss als Reitlehrerin und Pferdetrainerin gemacht. Inzwischen unterrichtet sie selbst an der Universität, besitzt eine Reitschule und lebt mit ihrer Familie und 25 Pferden im Nordwesten der Insel.

"Einfach Pferd sein"

"Im Hochland, da können sie einfach Pferd sein und das merkt man ihnen an", sagt die 40-Jährige. "Islandpferde sind so natürlich und unerschrocken." Damit das so bleibt, achten die Isländer streng auf die Gesundheit und Reinheit der Rasse. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gilt ein Pferde-Importverbot: Ein Tier, das die Insel einmal verlassen hat, darf nie wieder zurückkehren.

Beim Laufskálárétt am isländischen Trollgebirge geht plötzlich alles ganz schnell. Die Pferde schießen in halsbrecherischem Tempo den Hang hinunter. Das Donnern der Hufe lässt die Luft vibrieren. Mähnen wehen, Nüstern blähen sich, feuchte Rücken dicht an dicht. Gerade noch haben die Reiter die Tiere durch einen Gebirgsfluss getrieben, jetzt hält die Herde direkt auf die Menschenmenge zu.

Hlin macht sich bereit. Einmal ist sie selbst beim Abtrieb mitgeritten, in diesem Jahr wartet sie nur auf die Rückkehrer. "Man will schließlich sicher sein, dass man sie alle heim kriegt", sagt sie. Das sei bei Weitem keine Selbstverständlichkeit. Einmal fehlten nach dem Abtrieb 60 Pferde. Der Schnee kam früh in jenem Jahr, man suchte sie mit Hubschraubern, brachte die Tiere schließlich sicher zu Fuß nach Hause.

Jetzt, wo sich alles dem Ende zuneigt, wird immer wieder eine Gruppe Pferde von der Koppel in den Pferch getrieben, damit ihre Besitzer sie mit geschultem Auge oder anhand von Mikrochips sortieren können. Geordnet wie ein Fischschwarm strömt der Tross in das Rondell, dreht eine Runde, wechselt die Richtung, weicht aus. Einige Tiere sind nur wenig Menschenkontakt gewöhnt. Vor allem die Jungpferde im Alter zwischen einem und drei Jahren werden den Sommer über in die Freiheit entlassen.

Zehn Kilometer muss Hlin die kleine Herde jetzt noch zu ihrem Hof treiben. Auch dort überwintern die robusten Tiere mit dem dicken Fell draußen, aber bei gutem Futter. Und mit ein bisschen Glück darf das ein oder andere Pferd im Mai wieder in Freiheit durch die wilde Natur Islands streifen.

Mona Contzen, srt/kry

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
shopper34 09.09.2017
1. Pferdefleisch
Leider erwähnt der Artikel nicht, dass jährlich fast ein Drittel der schönen Pferde im Herbst geschlachtet werden, damit man nicht so viele durchfüttern muss. Isländer lieben Pferde- und Schaffleisch. Komischerweise essen sie, obwohl Island für seinen Fischreichtum bekannt ist, nur ungern Fisch. Den exportieren sie lieber. Versuchen Sie mal in einem isländischen Restaurant frischen Fisch zu bestellen. Meist Fehlanzeige. Dafür gibt es überall Hammelragout, Pferdewurst und importierte Rindersteaks.
ch.weichberger 09.09.2017
2. wieso ist mir bis jetzt nie
aufgefallen das pferde richtige frisuren haben ...wie die menschen ...und das sie.. pony bitte .. heissen koennten
myonium 09.09.2017
3.
Zitat von shopper34Leider erwähnt der Artikel nicht, dass jährlich fast ein Drittel der schönen Pferde im Herbst geschlachtet werden, damit man nicht so viele durchfüttern muss. Isländer lieben Pferde- und Schaffleisch. Komischerweise essen sie, obwohl Island für seinen Fischreichtum bekannt ist, nur ungern Fisch. Den exportieren sie lieber. Versuchen Sie mal in einem isländischen Restaurant frischen Fisch zu bestellen. Meist Fehlanzeige. Dafür gibt es überall Hammelragout, Pferdewurst und importierte Rindersteaks.
Komisch - ich habe in Island (in Restaurants) eigentlich immer Fisch oder Meerestiere (also inkl. Garnelen oder Wal ...) auf der Karte gefunden, meist auch Lamm, aber niemals - wirklich nie! - Pferd oder Hammel.
walli_sp 09.09.2017
4.
Zitat von myoniumKomisch - ich habe in Island (in Restaurants) eigentlich immer Fisch oder Meerestiere (also inkl. Garnelen oder Wal ...) auf der Karte gefunden, meist auch Lamm, aber niemals - wirklich nie! - Pferd oder Hammel.
Ging uns genauso und der Fisch war fangfrisch. Allerdings passt die Anzahl der Schafe im Artikel nicht, es sind 450T bis 480T Mutterschafe, Lämmer und Böcke kommen noch dazu. Wegen der "schönen" Pferde sollten Sie sich mal Gedanken machen. Nutztiere werden meist mehrfach genutzt und dazu gehört u.a. auch das Fleisch. Auch ein Schwein, eine Kuh und ein Schaf sind schöne Tiere.
shopper34 09.09.2017
5. Touristen
Liebe Foristen 3 und 4 : Natürlich haben Sie recht, in Touristenrestaurants in der Hauptstadt bekommen Sie auch Sushi, Pizza, Serrano-Schinken, Big Mac, Peking-Ente und Chateaubriand. Aber wie lange dauert die Touristensaison in Island ? Es geht darum, was die Isländer selber zu Hause und in ihren lokalen Restaurants in den restlichen 9 Monaten des Jahres essen. Und da stehen Pferde- und Schaffleisch traditionell einfach weit oben. Und Fisch ganz hinten. Ich habe 3 Jahre in Island gearbeitet und weiss deshalb wovon ich rede. They really eat their Ponies.
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