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Island-Tagebuch: Bobby Fischers letzte Zuflucht

Aus Reykjavik berichtet Henryk M. Broder

So genial wie Bobby Fischer Schach spielte, so konfus waren seine politischen Ansichten. Als dem früheren Weltmeister eine Haft in den USA drohte, gab ihm Island die Staatsangehörigkeit. Seine letzten Jahre verbrachte der US-Amerikaner in Reykjavik - und im Antiquariat von Bragi Kristjonsson.

Exil eines Schachspieler: Bobby Fischer in Reyjkavik Fotos
Henryk M. Broder

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Bücher, wohin das Auge reicht. Regale, vollgestopft mit Büchern. Stapel von Büchern. Berge von Büchern. Es können 100.000 sein oder auch 200.000. "Ich habe sie nicht gezählt", sagt Bragi Kristjonsson, "aber ich weiß genau, welches Buch wo liegt."

Bragi, 72, betreibt zusammen mit seinem Sohn Ari Gisli, 43, das Antiquariat "Bokín" in der Klapparstigur in 101 Reykjavik. "Früher", erinnert sich der Senior, "gab es 16 Antiquariate in der Stadt, heute sind es nur noch drei."

Früher, das war Mitte der siebziger Jahre, als Bragi von einem Aufenthalt in Kopenhagen, wo er Volkswirtschaft studiert hatte, zurückkam und beschloss, "in das Buchgeschäft einzusteigen". Damals waren "alte und seltene Bücher" eine sichere Geldanlage, ebenso wie Gemälde, Münzen und Briefmarken. Es lohnte sich nicht, Geld auf die Bank zu bringen, die Inflationsrate lag über dem Zinssatz. Das änderte sich erst Anfang der achtziger Jahre, als das Finanzsystem reformiert wurde.

Das war gut für die Banken und die Sparer, aber schlecht für die Antiquare. "Einer nach dem anderen musste aufgeben." Bragi hielt durch. Statt Sammlern teure Erstausgaben anzubieten, verlegte er sich auf das Geschäft mit gelesenen Büchern. Romane, Krimis, Sachbücher, vor allem aber Biografien und Arbeiten über isländische Geschichte.

Wie die meisten Antiquare hatte auch Bragi seine Stammkunden. Einer von ihnen war - Bobby Fischer, Schachspieler im Ruhestand, ein Genie auf seinem Gebiet, aber ein extrem komplizierter Charakter. 1943 in Chicago geboren, wurde Fischer achtmal hintereinander US-Champion, 1972 gewann er den Weltmeister-Titel gegen den Russen Boris Spasski. Als er drei Jahre später zu einem Turnier gegen Anatolij Karpow nicht antrat, wurde ihm der Titel aberkannt.

"Auf einen Verrückten mehr oder weniger kommt es nicht an"

Fast 20 Jahre lang lehnte Fischer alle Partien ab, bis er 1992 wieder am Spieltisch Platz nahm, gegen seinen alten Rivalen Boris Spasski. Die Siegesprämie von 5,5 Millionen Dollar war auch eine Art Schmerzensgeld, denn das Turnier fand in Jugoslawien zur Zeit des Krieges statt, und Fischer hatte mit seiner Teilnahme gegen die von den USA verhängten Sanktionen gegen Serbien-Montenegro verstoßen.

Da er nicht in die USA zurückkonnte, wo ihm die Verhaftung drohte, blieb er zuerst in Europa. Später lebte er abwechselnd in Japan und auf den Philippinen.

Dabei verwandelte sich der Amerikaner jüdischer Herkunft in einen USA-Hasser und Antisemiten. Er kungelte mit Holocaust-Leugnern und gab am 11. September 2001 einem philippinischen Radiosender ein Interview, in dem er unter anderem sagte: "Das sind wundervolle Neuigkeiten... Fuck the US!"

Die Amerikaner zahlten es ihm heim, indem sie ihn aus dem Schachverband ausschlossen und seinen Reisepass für ungültig erklärten. 2004 wurde Fischer bei dem Versuch, Japan zu verlassen, festgenommen. Aber bevor er in die USA abgeschoben werden konnte, verlieh ihm das Parlament in Reykjavik im März 2005 per Gesetz die isländische Staatsangehörigkeit - aus Dankbarkeit dafür, dass er 1972 gegen Spasski in Reykjavik gespielt hatte. Der damalige isländische Ministerpräsident, David Oddsson, verteidigte die Entscheidung damit, es lebten bereits 300.000 Verrückte auf Island, auf einen mehr oder weniger komme es nicht mehr an.

So kam Bobby Fischer auf die Insel, wo er bis zu seinem Tod an Nierenversagen am 17. Januar 2008 völlig zurückgezogen lebte. Er gab keine Interviews und ging jedem aus dem Weg, der auch nur ein Autogramm von ihm haben wollte,

Mehrmals die Woche kam er allerdings in das Antiquariat "Bokin" von Bragi Kristjonsson, wo er nach Büchern über Exilanten und Gesetzlose suchte. "Er war ein sehr netter Mann", erinnert sich Bragi, "belesen und gebildet, nur ein wenig seltsam", vor allem wenn es um Amerikaner und Juden ging, von denen er sich auch auf Island verfolgt fühlte. "Einmal hat er mir sogar angeboten, Ordnung in den Laden zu bringen."

"Meine 60 denkwürdigen Spiele"

Auch mehr als drei Jahre nach seinem Tod, erzählt Bragi, der Buchhändler, würde Bobby Fischer noch immer für Irritationen sorgen. Er habe zwei "Witwen" zurückgelassen, eine Japanerin und eine Philippina, die sich um sein Erbe streiten würden. Es könne sogar sein, dass Fischer exhumiert werden müsse, weil eine der beiden Frauen ein Kind hat, dessen Vater Fischer sein soll. Den Beweis könne nur eine DNS-Probe erbringen.

Der Antiquar von Reykjavik erzählt dermaßen hingebungsvoll über den verrückten Schach-Meister, dass wir darüber vergessen, worüber wir eigentlich reden wollten: die Krise! Eigentlich habe sich nicht viel geändert, er würde jetzt sogar mehr Bücher verkaufen als vor dem Crash, entweder weil die Leute jetzt mehr lesen oder weil sie weniger Geld in der Tasche haben würden. "Oder beides." Auch Schachspielen sei wieder in Mode gekommen. Und als habe Bobby Fischer das Gespräch mitgehört, kommt ein junger Mann ins "Bokín" und fragt, ob er eine Anleitung für das Spiel der Könige haben könnte.

"Warte einen Moment", sagt Bragi, geht auf einen der Buchberge zu, greift hinein und holt ein zerlesenes Taschenbuch heraus. "My 60 Memorable Games" von Robert James Fischer, 1969 erschienen. "Nimm das, etwas Besseres gibt es nicht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. Ob...
jdm11000 15.06.2010
Zitat von sysopSo genial wie Bobby Fischer Schach spielte, so konfus waren seine politischen Ansichten. Als dem früheren Weltmeister eine Haft in den USA drohte, gab ihm Island die Staatsangehörigkeit. Seine letzten Jahre verbrachte der US-Amerikaner in Reykjavik - und im Antiquariat von Bragi Kristjonsson. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,700575,00.html
... nun Fischer ein skurriler alter Mann war, oder ob nun in Island eine weitere Krise herrst - das Land selber ist schön. Und die USA haben eben nicht verstanden, daß Freiheit auch die Freiheit der Berufswahl und -ausübung bedeutet. Jemand deswegen zu kriminalisieren ist wieder mal ganz typisch für die Gesinnung des "freiesten" Landes dieser Welt: "Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlage ich Dir den Schädel ein!"
2. "How wrong can one be"
DickBush, 15.06.2010
Bobby hatte dem Schachspiel alles geöpfert, auch seine Gesundheit. Einem Genie sollte man wahrlich seine Irrwege in der "realen Welt" nicht übel nehmen.
3. i
dilinger 15.06.2010
Zitat von jdm11000... nun Fischer ein skurriler alter Mann war, oder ob nun in Island eine weitere Krise herrst - das Land selber ist schön. Und die USA haben eben nicht verstanden, daß Freiheit auch die Freiheit der Berufswahl und -ausübung bedeutet. Jemand deswegen zu kriminalisieren ist wieder mal ganz typisch für die Gesinnung des "freiesten" Landes dieser Welt: "Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlage ich Dir den Schädel ein!"
Wo kämen wir denn hin, wenn Genies sich nicht an Gesetze halten müssten? Im übrigen wurde Bobby Fischer der Schädel nicht eingeschlagen.
4. Island-Tagebuch:
tofu 15.06.2010
Ein schoener Artikel. Bobby Fischer hin oder her, allein schon die Schilderung ueber und die Bilder vom Buchantiquariat sind wohltuend. Eine gewisse harmlose Unordnung als Ausgleich zu einem immer staerker regulierten Alltag. So kann man auch Exzentriker tolerieren, auch wenn man selber anderer Anschauung ist.
5. Und jährlich grüsst das Murmeltier
moby17 15.06.2010
Wie schön, dass man bei SPON nach wie vor bereit ist, den jährlichen Island Urlaub von Henryk M. Broder zu begleichen. Aber könnte das nicht stillschweigend geschehen? Diese sich immer wiederholenden Artikel kann man sich doch sparen.
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Zum Autor

Henryk M. Broder, Jahrgang 1946, ist Autor für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem "Erbarmen mit den Deutschen" (1993) und "Hurra, wir kapitulieren", eine Attacke auf die Appeasement-Politik Europas gegenüber dem aggressiven Islamismus, sowie zuletzt "Kritik der reinen Toleranz".

Zurzeit bereist Broder wieder einmal Island. In den kommenden Wochen wird er von seinen Erfahrungen von der Vulkan- und Pleiteinsel bei SPIEGEL ONLINE berichten.


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