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Island-Tagebuch: Immer auf der Sonnenseite

Was kümmern einen Aschewolke und Bankenkrise? Der Sommer kommt! Das Thermometer steht bei sieben Grad! Die Isländer haben erstaunlich gute Laune, stellt Henryk M. Broder fest. Für SPIEGEL ONLINE schildert er seine Eindrücke von der Insel der rauchenden Vulkane.

Broder in Island: Immer auf der Sonnenseite Fotos
Henryk M. Broder

Der Himmel über Reykjavik ist blau, so blau, dass selbst die Capri-Fischer vor Neid platzen würden. Wir sitzen im Café Paris im Zentrum der Stadt inmitten von Einheimischen und Touristen; die Einheimischen erkennt man daran, dass die Männer Shorts und die Frauen knappe Tops tragen; die Touristen dagegen sind verpackt, als wären sie unterwegs zur Zugspitze.

Das Thermometer zeigt sieben Grad Celsius an, in der Sonne könnten es schon zehn sein; aber die gefühlte Temperatur ist viel niedriger, denn es weht ein kalter Nordwind. Der treibt die Aschewolke des Eyjafjallajökull nach Südosten, in Richtung England. Das freut die Isländer, denn sie schulden den Briten seit dem Bankenkrach viel Geld - und statt cash bekommen die Untertanen ihrer Majestät jetzt eben ash geliefert.

In Island selbst muss man sich ein wenig Mühe geben, Spuren der Krise zu finden. Die Cafés sind voll, die Hotels gut gebucht. Allerdings werden die Zimmerpreise in Euro berechnet, weil der Kurs der isländischen Krone schwankt, was aber eher mit dem Euro als mit der Krone zu tun hat. Und fragt man einen Isländer nach den Folgen der Krise, antwortet er: "Krise, welche Krise?"

"Uns geht es verdammt gut!"

Dem isländischen Selbstbewusstsein hat der Bankencrash von 2008 nicht geschadet, jedenfalls nicht nachhaltig. Beim Seebaron am Hafen von Reykjavik gibt es noch immer "die beste Hummersuppe der Welt", was nicht einmal übertrieben ist, und nebenan im Burgerjoint steht "das Angebot des Jahrhunderts" auf der Speisekarte. Bescheidenheit war noch nie eine isländische Tugend.

Für die erstaunlich gute Laune der Isländer gibt es noch einen weiteren Grund: Nun sind sie an der Reihe, Witze über die Europäer zu machen, die ihrerseits auf eine Krise zusteuern, verglichen mit der die isländische nur ein kurzer Schluckauf war. "Who's laughing now, Europe?", fragt die Stadtzeitung "Reykjavik Grapevine" und zeigt auf dem Titelblatt Island in Form eines Spiegeleis: "Sunny Side Up!"

Dazu heißt es: "Wir haben nicht nur Bankster und Vulkane. Es geht uns verdammt gut. Der Sommer steht vor der Tür, der Himmel ist klar und sonnig, und es gibt coole Sachen zu tun. Also kommt zu uns und vergesst nicht, Unmengen von Euro und Dollar mitzubringen!"

Apropos "Bankster": Vier leitende Manager der Kaupthing-Bank wurden in U-Haft genommen. Nach ihrem Chef, der sich in London aufhalten soll, wird mit Hilfe von Interpol gefahndet. Und "Frettabladid", die größte isländische Zeitung, meldet: "Landsbankinn naestur", die Landesbank ist als Nächste dran.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. Die Isländer...
Emil Ule, 19.05.2010
...verknacken ihre Bankster. Die Deutschen zahlen ihnen Boni. Das ist der Unterschied.
2. Die Isländer sind erfreulich anders
kyon 19.05.2010
Zitat von sysopWas kümmern einen Aschewolke und Bankenkrise? Der Sommer kommt! Das Thermometer steht bei sieben Grad! Die Isländer haben erstaunlich gute Laune, stellt Henryk M. Broder fest. Für SPIEGEL ONLINE schildert er seine Eindrücke von der Insel der rauchenden Vulkane. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,695364,00.html
Vielleicht sind die Isländer ja in der Tat erfreulich anders als der Rest der Welt. Unser Island-Hund ist es im Vergleich zu anderen Hunden auch.Sein Wesen ist freundlich und fröhlich und begrüßt jeden Menschen und jedes Tier mit voller Begeisterung, ohne aggressiv zu sein. Er ist ausgesprochen verträglich und nahezu ohne Jagdtrieb. Für uns ist er ein Stück Sonnenenschein zu Hause und er verbreitet stets gute Laune. Mich wundert Ihr Artikel jedenfalls nicht!
3. ...Humor
eikfier 19.05.2010
Zitat von sysopWas kümmern einen Aschewolke und Bankenkrise? Der Sommer kommt! Das Thermometer steht bei sieben Grad! Die Isländer haben erstaunlich gute Laune, stellt Henryk M. Broder fest. Für SPIEGEL ONLINE schildert er seine Eindrücke von der Insel der rauchenden Vulkane. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,695364,00.html
...interessant zu lesen. daß Isländer immer noch (zuletzt war ich etwas länger vor ca. 30 Jahren dort)den Charme ihrer Landschaft und Witterung wiederspiegeln und was den Umgang mit Touristen anbelangt, habe ich damals nach Hause berichtet: Island müßt ihr euch etwas größer als Sizilien vorstellen, nur ohne den mediterranen Charm, aber mit reichlich Genen von Erik dem Roten, letzteres sollte man hier besser nicht laut sagen, denn dann verlieren sie den Rest ihres ohnehin für uns schwer verständlichen Humors.... P.S.: ich erinnere mich gerade, daß sie sich damals dort gerne die Geschichte mit den 200.000 Kneifzangen als Geschenk aus USA für die Isländer erzählten und glaube sogar, der SPIEGEL hat darüber berichtet...
4. Schade, zu kurz
Wolfgang Jung 19.05.2010
Der mit "ash" statt "cash" war gut. Ansonsten hätte Broder seinen Artikel noch ein bisschen länger gestalten können. Ich hatte mich gerade so schön eingelesen und parallel dazu Flugangebote nach Reykjavik geöffnet.
5. Was für ein oberflächlicher Artikel
kria09 19.05.2010
Dieser Artikel ist an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Die Antwort "Krise, welche Krise?" wird sicher kein Isländer geben, der über beide Ohren verschuldet ist und seine Kredite nicht mehr bedienen kann. Davon gibt es einige. Viele der Isländer, die von der Krise betroffen sind, haben inzwischen das Land verlassen. Vielleicht erhält man solche Antworten von offizieller Seite. Man sollte sich als seriöser Berichterstatter aber nicht mit derartigen Statements zufrieden geben. Vor kurzem hat ein umfangreicher Report zu den Verantwortlichkeiten für die Wirtschaftskrise in Island ein unvorstellbares Ausmaß an krimineller Energie und Korruption zutage gefördert. Das Problem der Vetternwirtschaft ist nach wie vor ungelöst und das Vertrauen in Politiker erdrückend niedrig. Das Thema Icesave ist aufgeschoben aber immer noch nicht vom Tisch. Vom Ende der Krise kann niemand sprechen, der willens ist, das Land etwas mehr als von seiner Oberfläche her zu betrachten. Eines aber stimmt: Island ist immer eine Reise wert, besonders jetzt mit dem Mehrwert der Möglichkeit zur Besichtigung eines aktiven Vulkans.
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Zum Autor

Henryk M. Broder, Jahrgang 1946, ist Autor für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem "Erbarmen mit den Deutschen" (1993) und "Hurra, wir kapitulieren", eine Attacke auf die Appeasement-Politik Europas gegenüber dem aggressiven Islamismus, sowie zuletzt "Kritik der reinen Toleranz".

Zurzeit bereist Broder wieder einmal Island. In den kommenden Wochen wird er von seinen Erfahrungen von der Vulkan- und Pleiteinsel bei SPIEGEL ONLINE berichten.


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