Isle of Man Insel der zwei Geschwindigkeiten

Die Isle of Man hat ihre eigenen Gesetze. Das fängt schon damit an, dass die kleine Insel zwischen Großbritannien und Irland zwar der britischen Krone gehört, nicht aber zum Vereinigten Königreich und auch nicht zur EU.


Dass hier die Uhren etwas anders gehen, ist aber vor allem eine Frage des Lebensgefühls. "Time enough", "Zeit genug", lautet das Motto der rund 72.000 Inselbewohner, das in der gälischen Fassung "Traa dy lioor" inoffiziellen Verfassungsrang beansprucht.

Seit 1873 verkehrt die Dampfeisenbahn zwischen Port Erin im Süden und Douglas an der Ostküste der Isle of Man
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Seit 1873 verkehrt die Dampfeisenbahn zwischen Port Erin im Süden und Douglas an der Ostküste der Isle of Man

Diesem Prinzip folgt der Mensch auch mit seinen Verkehrsmitteln: Da ist zum Beispiel die alte Dampfeisenbahn, die seit 1873 zwischen Port Erin im Süden und Douglas an der Ostküste verkehrt. Auf 25 Miles per hour, rund 40 Stundenkilometer, ist ihre Höchstgeschwindigkeit aus Sicherheitsgründen begrenzt - etwas zum Leidwesen des Lokführers, der die Grenzen der altertümlichen Technik manchmal schon gerne ausreizen würde.

Doch auch so übersteigt der subjektive Fahreindruck das wirkliche Tempo bei weitem. Wer sich nach 16 durchgeschüttelten Meilen in der Inselhauptstadt aus seinem Pullmansessel erhebt, schließt sich der bei frühen Technikskeptikern verbreiteten Meinung an, dass noch mehr Geschwindigkeit der menschlichen Natur nicht zuträglich sein kann.

Dieser Überzeugung scheinen auch die Stadtväter von Douglas anzuhängen, denn hier geht es noch langsamer vorwärts: Gaul Norman übernimmt entlang der ältesten pferdebespannten Bahn der Welt den Transfer in die von viktorianischen Gebäuden geprägte City, wo schon ein Aufkommen von einem Dutzend Fahrzeugen als Rushhour gilt.

Die Zugtiere der "Horse Tram" haben nach zwei Stunden schon wieder Feierabend
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Die Zugtiere der "Horse Tram" haben nach zwei Stunden schon wieder Feierabend

Norman ist einer von 40 vierbeinigen Angestellten der seit rund 125 Jahren bestehenden Horse Tram. Die Arbeitsbedingungen haben freilich nichts vom Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts an sich. Nach zwei Stunden maßvoller Mühe dürfen die Zugtiere in den Feierabend. Zwischen Mitte September und Anfang Mai werden sie überhaupt nicht zum Dienst herangezogen.

Es gibt weitere Beispiele für das Beharrungsvermögen der Dinge auf der Isle of Man: Da ist etwa die auf die Wikinger zurückgehende Bürgerversammlung, die seit 979 jedes Jahr am 5. Juli, dem Datum des alten Mittsommerfestes, auf dem Tynwald Hill abgehalten wird. Da sind die alten keltischen Mythen, die manche Einwohner auch heute noch veranlassen, auf Brücken einen Gruß an die Feenwelt zu entrichten, um diese gnädig zu stimmen. Da ist schließlich die englisch-irische Ideallandschaft mit ihren von Heidekraut bewachsenen Hügeln, in der Mauern aus unbehauenem Stein den einzigen zivilisatorischen Eingriff zu bilden scheinen.

Doch dann ist da die ganz andere Seite der Isle of Man: Für zwei Wochen Ende Mai/Anfang Juni verwandelt sich das verschlafene Eiland in das Mekka der internationalen Motorradszene. Die seit 1907 ausgerichtete Tourist Trophy ist kein Rennen wie jedes andere. Sie ist ein Klassiker, bei dem Tradition alles bedeutet, Sicherheit dagegen fast nichts.

Die Tourist Trophy auf Isle of Man ist das berüchtigste Straßenrennen der Welt
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Die Tourist Trophy auf Isle of Man ist das berüchtigste Straßenrennen der Welt

Rund 40.000 Motorradfans landen alljährlich zu den beiden Rennwochen (in diesem Jahr vom 22. Mai bis zum 7. Juni) auf der Insel und verbreiten dort vor allem während des "Mad Sunday" eine rustikale Karnevalsstimmung. So wurde die Trophy zu einem verlässlichen Tourismusfaktor - immerhin steuert sie mehr als zehn Prozent zu den jährlich rund 340.000 Besuchern bei.

Die Besonderheit der Tourist Trophy besteht darin, dass sie auf ganz normalen Straßen ausgefahren wird - und die sind auf der Isle of Man nicht unbedingt breit. Mit im Schnitt fast 200 Sachen rasen die motorisierten Gladiatoren an den Zuschauern vorbei, die in nur wenigen Metern Abstand die Straßen säumen. Sandsäcke überall entlang der hügeligen Strecke sind wohl mehr als Geste denn als ernst zu nehmende Schutzmaßnahme gedacht.

Da an der Tourist Trophy nicht nur Profis, sondern auch ambitionierte Amateure teilnehmen, ist ein hoher Blutzoll fast unvermeidlich. Tote gibt es in jedem Jahr, der Rekord von 1995 liegt bei zehn. Vielleicht wird er in diesem Jahr übertroffen, denn die TT-Fahrer haben Nachholbedarf: Nach endlosen Diskussionen wurde das Rennen im Jahr 2001 abgesagt, um die Maul- und Klauenseuche von der Insel und ihren 172.000 Schafen fernzuhalten. Einer wird bei dem Rennen nicht mehr dabei sein: Vor zwei Jahren kam Joey Dunlop, mit seinen 26 Siegen unbestrittenes Idol der Trophy-Gemeinde, bei einem Unfall ums Leben - nicht auf der Isle of Man, sondern in Estland.

Dass sich das berüchtigste Straßenrennen der Welt in der Irischen See einnisten konnte, hängt mit dem ausgeprägten Eigensinn der Insulaner zusammen: Die Veranstalter wollten ihr Motorradrennen ursprünglich auf den britischen Inseln ausrichten, wo dem allerdings ein striktes Tempolimit und andere rechtliche Hürden entgegenstanden. Die Isle of Man kannte solche Beschränkungen nicht und sprang ab 1907 in die Bresche.

Ähnlich liberal wird es heute mit den Steuern gehalten, die auf der Isle of Man nur etwa halb so hoch sind wie in Großbritannien. Das hat der Insel viele wohlhabende Neubürger und einen Tadel von der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) eingetragen.



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