Italiens schönste Dörfer Andiamo! Ab ins Nirgendwo!

Diese bunten Häuser! Dieser bröckelnde Putz! Diese verlassene Piazza! Italiens Provinz verzaubert Urlauber. Und genau die sollen nun die einsamen Dörfer retten.

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Warum lieben wir Deutschen eigentlich die bröckelnde Schönheit Italiens so sehr? Warum rauschen wir mit dem Auto über den Brenner und fahren dann gemächlich über die Serpentinen Südtirols, die Küstenstraßen Kampaniens oder durch die nach Pinien duftende Toskana - immer auf der Suche nach dem authentischen Italien, das dessen Dörfer und Städtchen so zuverlässig liefern?

"Ihr schätzt unsere Kultur einfach viel mehr als alle anderen - sogar mehr als wir Italiener selbst", sagt Fabio Lazzerini, Vorstand des Fremdenverkehrsamts Enit.

Seine Landsleute seien bisweilen fast blind für die Schönheit ihrer Heimat. Würden verkennen, wie Häuser, kleine Geschäfte und Kirchen die Jahrhunderte überlebt hätten. "Die Deutschen dagegen lieben es, sich zu verlieren, hier um die Kurve zu fahren, dort noch einen Abstecher zu machen, um etwas Verborgenes zu entdecken."

Mehr als elf Millionen Deutsche kamen 2016 laut dem Statistikamt Istat nach Italien. Damit stellen die Bundesbürger die wichtigste Zielgruppe für das südeuropäische Land dar.

Nun hat das Tourismusministerium das Jahr der sogenannten Borghi ausgerufen. Die Marketinginitiative ist nichts anderes als ein Aufruf, in Italiens Provinz zu reisen, dem Nirgendwo und seinen Bewohnern einen Besuch abzustatten. Schließlich schmeckt das Gelato da genauso gut. Und die Palazzi können sich auch auf dem Land sehen lassen.

Denn es gibt ein Problem. Großstädte wie Florenz und Rom sind gnadenlos überlaufen, aber auch malerische Kleinstädte wie San Gimignano in der Toscana oder Taormina auf Sizilien ächzen in der Hochsaison unter Touristenmassen. Gefragt sind Ideen, um die Besucherströme besser zu lenken - vom Aostatal bis zum apulischen Stiefelabsatz.

Besuch im Nirgendwo

"Borgo einfach mit Dorf zu übersetzen, ist unpräzise", sagt Rosa Maria Musco, Leiterin des Borghi Italia Tour Network, ein Reiseveranstalter, der eigens gegründet wurde, um Italiens Lokalperlen zu promoten. Diese haben sich unter dem Namen "I Borghi più Belli d'Italia" (auf Deutsch: Die schönsten Dörfer Italiens) zusammengetan, einem Klub mit inzwischen 270 Mitgliedern, von denen 20 zum Unesco-Welterbe zählen.

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Dorf-Tourismus: Das authentische Italien

Musco definiert Borgo als eine kleine Ortschaft, die im Mittelalter oder in der Renaissance rund um einen Adelssitz oder ein Schloss entstand. Die Borghi seien Symbole der italienischen Kultur mit künstlerischem und architektonischem Wert.

"Die Borghi sind touristisch interessant, sozial aber teilweise ausgestorben", sagt Musco. "Wer hier ein Zimmer bucht, hilft dem Dorf zu überleben", sagt Fiorello Primi, Vorsitzender von I Borghi più Belli d'Italia. Er hat die Vereinigung vor 15 Jahren zusammen mit anderen Bürgermeistern gegründet und wirbt für einen nachhaltigen Tourismus in seinem Land.

Was das heißt? "Nicht nur für ein paar Stunden kommen und dann wieder abhauen, sondern über Nacht in einem Borgo bleiben - und am Morgen dem Duft aus der Bäckerei folgen, wo der Bäcker das Brot, die Brioche oder Panini aus dem Ofen holt."

Wo ist Italiens Provinz am schönsten?
    Reisen und dabei Dörfer retten - das klingt ja fantastico! Verraten Sie uns, welche Perlen Sie in Italien entdeckt haben. Ob einen trubeligen Marktplatz, ein verlassenes Dorf oder eine bröckelnde Ruine! Schicken Sie Ihren Italien-Tipp an spon_reise@spiegel.de, am besten mit Foto. Eine Auswahl zeigen wir in Kürze auf SPIEGEL ONLINE. Mit der Einsendung erklären Sie, dass Sie die Rechte am Material haben und mit der Veröffentlichung einverstanden sind.

Musco versteht nicht, warum sich die Touristen alle um die Piazza San Marco in Venedig drängen, dort ein überteuertes Zimmer buchen und die Schätze der Umgebung übersehen. "Wäre doch auch mal was, 50 Kilometer entfernt zu übernachten, Land und Leute kennenzulernen - und dann für einen Tagesausflug nach Venedig zu kommen." Sie setzt darauf, dass Reisende in Zukunft vermehrt besondere Erlebnisse suchen, von denen sie zu Hause erzählen können, statt einfach ein Reiseziel abzuhaken.

In den Borghi seien oft bereits die Unterkünfte spektakulär, sagt Musco. Sie schwärmt von Jungunternehmern, die historische Gebäude restaurieren und sie zu kleinen Hotels umbauen. Über die Website des Borghi Italia Tour Network können diese direkt gebucht werden. Angeboten werden dort aber auch organisierte Touren durch die Regionen - etwa Weinberg-Hopping im Piemont, Wandern oder Reiten im Bergmassiv Gran Sasso oder Besuche bei Kunsthandwerkern auf Sardinien. Stippvisiten in den Borghi natürlich immer inklusive.

Dass die angelockten Touristen die Dörfer überfluten könnten, befürchten die Italiener nicht. "Die Einwohner schmeißen eher noch eine spontane Party, wenn hier mal ein Bus vorfährt, aus dem Leute aussteigen", sagt Primi optimistisch. Massentourismus? Davon ist man hier ohnehin weit entfernt.

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insgesamt 54 Beiträge
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Jobuch 17.04.2017
1. In Cinque Terre kriegt man keinen Stehplatz
Wenn man kann, fährt man die jeweiligen Orte von der Meerseite an - mit dem Auto kann man es vergessen. Von der Meerseite hat man auch genau den Blick, der besonders schön ist. Ist man mal drin, ist es Touri-Nepp vom Feinsten. Wenn man das einmal erlebt hat, reicht es auch. Das selbe gilt für Cefalú. Wenn man Zeit mitbringt und zum Beispiel bis Pisa die Autobahn nimmt und dann nur noch über Land fährt, kommt man an den "Borghi" fast automatisch vorbei. Es gibt jedoch in vielen der kleinen Dörfer kaum offizielle Unterkünfte - kein Wunder, wenn selten einer kommt. Kein Problem ist das, wenn man der italienischen Sprache einigermaßen mächtig ist - dann fragt man in der lokalen Bar nach und man hat umgehend eine Unterkunft mit Familienanschluß. Gerade wenn man sich "normal" verhält, sind die Italiener auf dem Land äußerst deutschfreundlich und selbst wenn einem bisweilen das ein oder andere Wort fehlt, wird gerne nachgeholfen, sie sind dankbar um jeden Brocken italienisch, den man fabriziert. Leider haben viele Italiener seit dem Euro ziemlich an Lebensfreude eingebüßt - im Gespräch mit den Gastgebern war das immer wieder Thema, daß man sich alleingelassen fühlt. Man sei früher arm, aber glücklich gewesen. Jetzt sei man zwar etwas wohlhabender, aber deswegen nicht glücklicher. Ich bereise Italien seit 30 Jahren und spreche leidlich Italienisch. Die Veränderungen in den Jahren seit etwa 2007 sind sehr deutlich erkennbar.
Beorn 17.04.2017
2. Klingt gut ...
... aber leider funktioniert der Link zur Website des Borghi Italia Tour Network schon mal nicht. http://www.bitn.it/
Sumerer 17.04.2017
3.
Leider habe ich bisher nur die Dolomiten in Italien bisher etwas kennengelernt. Die Bilder regen jedenfalls zu weiteren Reisen an. Wobei schon kritisch anzumerken ist, dass sie wohl zum Teil nachträglich kommentiert wurden.
wernlythr 17.04.2017
4. Italiens schönste Dörfer
In dieser Fotostrecke hat sich ein Fehler eingeschlichen: Foto Nr. 7 stellt nicht Otranto dar sondern Santa Cesarea Terme. Dieser Ort befindet sich etwa östlichen Küste 10 km südlich von Otranto an der östlichen Küste der Halbinsel Salento.
tempus fugit 17.04.2017
5. Was besseres für Italien, die kleinen Gemeinden...
...und deren Menschen konnte Musco garnicht einfallen - ein 'Geheimtipp' der in diesen 'bewegten Zeiten' eine Offenbarung ist für den Tourismus - für die Italiener und für die Besucher. Zweifellos sind Venedig, Florenz, Rom wunderbare Städte, Italienliebhaber fahren möglichst ausser Saison dorthin, sonst geht mit dem Gedrängel der Genuss und das Ambiente verloren. Genauso wie die CinqueTerre! Tipp? Nicht den Touri-Trampelweg sondern den Höhenweg ablaufen. Oder Levanto als sehr schönens, lebendes Städtchen gleich nebenan. Kann man mit einer etwas anstrengenden Wanderung durch Pinienwälder und nach duftendem Origano riechenden Pfaden erreichen. Sollte ein Wildschwein kreuzen - einfach Vorfahrt lassen... Levanto: Mit noch 'echten Italienern' wo man sich - noch? - nicht im nervenden Touri-Gedränge wie in Monterosso befindet. Die alte Bahntrasse wurde als Fussgänger- und Radweg und durch viele Tunnels direkt am Meer und Abstiegsmöglichkeiten für kleine Steinstrände entlang bis nach Bonasola - erinnert an verträumte Dörfer in Frankreich, aber mit Strand und Sand u.u.u. . Toll für Familien mit Kindern. Toskana? Alternativ die Maremma-Gegend um den Monte Amiata (erloschener Vulkan) und den vielen - auch spontanen - heissen und belebenden und gesunden Schwefelbädern. Da kann man sich sogar im November im engen Tal richtig mit Hitze und Wohlfühlen aufheizen, dann über die Natursteinmauer mit weiss-grün-gelben Ablagerungen ins eiskalte Flusswasser und schnell wieder rein. Bei unserem wohl 85jährigen Siro oben im Dorf eine Bistecca und und und selbstgemachten Wein, ach nein, ich verrate keine Namen. Selbst entdecken, wie wir.... Nach zig-km unbefestigter Wege, wo einem meterlange Schlangen den Weg kreuzen und wir eine riesige Staubwolke hinterliessen, wo man dann abenteuerlich an eine geteerte Strasse kommt - das Hinweisschild verbeult und unlesbar - und jetzt?... Frei nach J. Augstein - der damals wohl noch in Seppelhosen rumlief: Im Zweifelsfalle links. Dann stinkt's auf einmal nach faulen Eiern im tiefen, engen Tal. Links steigen Nebelschwaden auf, die Quellen, der Fluss, rechts die urige Locanda. Anhalten, ausziehen, rein in dieses milchweisse Wasser, da so schwer ist, dass man darin fast wie im toten Meer dümplet - nur das Rauschen des aus dem Fels strömenden schwefligen Wassers, dass sich in natürlichen Becken sammelt und dann in den Fluss läuft. Nein, wir duschen nicht, wir spülen uns im glasklaren Flusswasser - und haben einen echten Appetit. Und der wird mit der relativ urigen aber köstlichen Toskanaküche bedient - mit freundlichen, einfachen aber hellwachen Menschen die sich ebenfalls freuen, dass wir durch unseren leicht schwefeligen Geruch eben als Reisende und nicht als Massentouris erkennbar sind. Und, wenn gewollt, gern ein Schwätzchen abhalten, ohne dass die Costata auf'm Feuer in der Ecke des Gastzimmers anbrennt... Ach, ich wünsch' dieser Aktion wirklich das allerbeste an Erfolg und Dauer.
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