Von Ponza über Procida bis Stromboli Insel-Hopping auf Italienisch

Wo hat man an Italiens Küsten den Strand für sich? Hans-Jürgen Schlamp machte sich auf die Suche - und fand sein Glück auf den Inseln. Eine Entdeckungstour von Ponza bis Stromboli.

Corbis

  • Sechs Jahre war Hans-Jürgen Schlamp SPIEGEL-Korrespondent in Rom. Nach einem Intermezzo in Brüssel lebt er jetzt teilweise wieder in "Bella Italia" und schreibt für SPIEGEL ONLINE.
Ich will hier nicht mehr weg. Ich sitze auf dem kleinen Balkon vor meinem kleinen, schlichten Hotelzimmer, nippe am Espresso und schaue auf den Hafen. Es ist noch früh am Morgen, für mich jedenfalls. Die Fischer haben ihre Fracht längst abgeladen.

Jetzt säubern sie die Boote, gehen auf einen Kaffee in die Bar und dann heim. Sie sind spät abends hinausgefahren und im Morgengrauen zurückgekehrt. Mit leise tuckernden Motoren laufen nun die ersten Segeljachten aus. Das erfordert schwierige Manöver, denn es ist eng im Hafen von Ponza - zumindest im Sommer.

Die kleine Insel mit weißen Buchten, duftenden Blumen und herrlichen Ausblicken liegt mitten im Meer und ist doch nicht weit entfernt von Rom. Von Mitte Juli bis Mitte August ist das Lieblingseiland der Römer fest in der Hand junger, reicher und lauter Urlauber aus Italiens Hauptstadt. Auch Neapolitaner kommen dann gerne her und viel Jetset, von Heidi Klum bis Prinzessin Caroline. "Aber die paar Wochen sind schnell vorbei", sagt Bootsvermieter Marco. "Dann ist es wieder schön ruhig hier!"

Auf Ponza braucht man ein Boot für Touren zu den Stränden

Er erklärt mir die Handhabung des Leihboots, das mich dann doch vom Balkon gelockt hat. Auf Ponza braucht man ein Boot, egal was für eins. Ob mit oder ohne Skipper, ob ein Schlauchboot mit Motor oder - was ich gerade in Besitz nehme - ein langes flaches Holzschiffchen mit Schattendach und Sonnendeck und gleichwohl zu erschwinglichem Preis.

Mit meinem neuen Gefährt umrunde ich die Insel und komme dabei an Buchten von kaum fassbarer Schönheit vorbei, in denen manchmal ein paar Menschen liegen und manchmal gar keine. Allein an weißen Sandstränden - wo gibt es das noch in Europa?

Wer es bequemer mag, lässt sich per Shuttle-Boot vom Hafen zum Strand der Cala Frontone bringen, schwimmt, tankt Sonne und geht vielleicht ein paar Schritte hinauf zum Restaurant von Gerardo, um dort Linsensuppe zu essen und ein Glas Weißwein zu trinken.

Ponza ist "dolce far niente". Alles ist langsam hier, alles ist möglich, nur nicht gleich, sondern vielleicht erst morgen. Ich will hier nicht mehr weg. Aber das habe ich schon auf mancher italienischer Insel gesagt. Denn viele der etwa 200 in "Bella Italia" sind zum Verlieben und Bleiben.

Auf Procida herrscht pralles italienisches Leben

Es gibt große wie Sizilien oder Sardinien, berühmte wie Capri, Ischia oder Stromboli, und es gibt viele kleine, wenig bekannte Eilande, die gleichwohl einen ganz eigenen Kosmos bieten. Procida zum Beispiel, die Aschenputtel-Schwester von Ischia. Etwa halb so groß wie Ponza ist sie, aber fast dreimal so stark bevölkert. Und das mit Neapolitanern, von denen ein jeder mit überschäumendem Temperament ausgestattet ist.

Die Häuser sind rot und gelb, weiß und manchmal blau, und sie sind übereinander gestapelt wie Kisten. Es ist eng hier. Procida ist kein Bade- und kein Kurort, es ist das pralle Leben Süditaliens: vom bunten, mit Lärm erfüllten Markt bis zum Gewusel am neuen Hafen Marina Grande, wo die Fährschiffe aus Neapel oder Pozzuoli anlanden. Die meisten Touristen reisen auf ihnen einfach weiter, 20 bis 30 Minuten nach Ischia, und erfahren nie, was sie hier versäumen.

Vielfältig und in Teilen noch abseits vom Massentourismus liegen noch weiter im Süden, fast schon in Sizilien, die Liparischen Inseln. Da gibt es naturbelassene Winzlinge wie Alicudi mit gerade einmal hundert Bewohnern, ein Ort scheinbar eigens geschaffen für Ruhe und Schönheit suchende Ökotouristen. Auch das benachbarte Filicudi ist nichts für Jetsetter oder Liebhaber von Stranddiskotheken.

Die Liparischen Inseln Panaera, Stromboli - und Giglio

Dann gibt es mondäne Flecken wie Panarea, mit versteckten Villen, stillen Gassen, schattigen kleinen Plätzen. Und es gibt abenteuerliche Landschaften wie auf Stromboli, mit seinem aktiven, Rauch speienden Vulkan. Den 900-Höhenmeter-Aufstieg zum Krater wagen allabendlich kleine und größere Bergsteigergruppen.

Es sind Inseln zum Schwimmen, zum Tauchen, zum Essen, Inseln der Ruhe und Schönheit, die allerdings teils nur schwer, nach stundenlangen Bootsfahrten erreichbar sind. Näher liegen für Besucher aus dem Norden die Inseln vor der Küste der Toskana, Elba zum Beispiel. Die kennt jeder, zumindest dem Namen nach - Napoleon was here!

Auch Giglio, etwas weiter südlich gelegen, ist weltbekannt, seit dort am 13. Januar 2012 das riesige Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" auf einen Felsen fuhr und gleich neben dem Hafen kenterte. 32 Menschen verloren dabei ihr Leben. Aber die kleine Insel mit etwa 1400 Einwohnern ist "viel mehr als ein Unglücksort", sagt Bürgermeister Sergio Ortelli. Recht hat er.

Eine knappe Stunde braucht die Fähre von Porto Santo Stefano bis zum malerischen Hafen. Bunte, im Halbkreis angeordnete Häuser umrahmen den Giglio Porte, die meisten sind Restaurants oder Bars. Per Bus oder zu Fuß auf einem wild-romantischen Weg, auf dem ich beim Auf- oder Abstieg nie mehr als drei Menschen getroffen habe, geht es ins 405 Meter hoch gelegene Zentrum der Insel, Giglio Castello.

Nur Ferdinandea lässt sich gerade nicht bereisen

Hinter einer Mauer mit runden Türmen wartet ein kleiner Ort, der in Teilen aus dem zwölften Jahrhundert stammt. Mit engen, von Bögen überspannten Gassen, Außentreppen an den trutzigen Gebäuden, die in die oberen Stockwerke führen, und einer Burg. Die Inselfläche ist zu 90 Prozent unbewohnt und lädt ein zum Wandern durch eine authentische mediterrane Landschaft. Im Frühjahr wird sie zum Blütenmeer, im Herbst ist sie ins melancholische Gelb-Braun der Toskana getaucht - mit immer neuen, atemberaubenden Blicken auf das Meer.

Nur eine der mehr als 200 Inseln im italienischen Verzeichnis kann man derzeit nicht bereisen - Ferdinandea. Nur alle paar hundert Jahre taucht sie südlich von Sizilien auf, vermutlich als Folge vulkanischer Aktivitäten. Zuletzt wurde sie im Sommer 1831 über Wasser gesichtet und von Forschern vermessen. Umfang: 5000 Meter. Maximale Höhe: 63 Meter. Das Eiland löste sogleich heftigen Streit zwischen englischen, französischen und italienischen Regenten aus. Doch schon im Dezember hatte die Brandung die Lavainsel so weit zerbröselt, dass sie wieder versank.

1987 hielt ein US-Flugzeug den gelegentlich rauchenden Rest der Insel für eine geheime libysche Militäranlage und zerdepperte sie mit Bomben. Wer auf diese Insel reisen möchte, wird sich deshalb wohl noch etwas länger gedulden müssen, bis sie wieder auftaucht. Bis dahin begnüge auch ich mich mit den anderen Inseln in Italiens Gewässern - mit Vergnügen.

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insgesamt 8 Beiträge
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lavendelirm 05.10.2014
1. Insel-Italien
Herr Schlamp beschreibt die Inseln so "appetitanregend", dass man Lust bekommt, sofort dorthin aufzubrechen. Auf diesem Wege möchte ich einen besonderen Gruß an Herrn Schlamp richten; wir waren in den 1970er Jahren für kurze Zeit Kollegen beim WDR in Köln, in der Redaktion Wirtschaft und Verkehr. ;-))
syracusa 05.10.2014
2. zum Glück
Zum Glück zeigt der Autor keine Bilder der schönsten, nämlich der ähnlichen Inseln. "Liparische" Inseln werden diese nur von den Bewohnern der Hauptinhalt Liparische genannt. Auf Salina ist es gleich drei unabhängige Gemeinden, die sich gegen die Vorherrschaft Liparis wehren. Am schönsten ist für mich der kleine Ort Pollara. Bekannt wurde dessen atemraubende Lage in der Kaldera eines ehemaligen Vulkans mit einem alle Vorstellungen springenden Blick zum Sonnenuntergang durch den wunderschönen Film "Il Postino" mit Philippe Noiret als Pablo Neruda.
an-i 05.10.2014
3. ja, ja diese wunderschöne Inselwelt
aber ich fahre schon lange nicht mehr hin http://www.greenpeace-magazin.de/magazin/archiv/6-10/gift-schiffe/
francesco_meint 05.10.2014
4. so isses
Als langjähriger Inselurlauber kann ich diesem Bericht nur beipflichten. Die kleinen Inseln mit den einsamen Buchten sind einfach nur schön. Hier kann man die Seele herrlich baumeln lassen.
DieterFr 05.10.2014
5. Denglisch
Insel-Hopping. Muss dieses dämliche Denglisch wirklich sein? Warum nicht Island Hopping oder Inselhüpfen?
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