Ferragosto an der Amalfi-Küste: Ans Meer, ans Meer!

Von Barbara Schaefer

Zu Mariä Himmelfahrt strömt ganz Italien ans Meer. Auch die Gassen der Orte an der Amalfi-Küste werden überflutet von Autos und Touristen. Aber das Hinterland! Dort treffen Wanderer lediglich auf Zitronenträger, Mulis und erfrischende Wasserfälle.

Amalfi-Küste im August: Andiamo al mare! Fotos
Corbis

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Gennaro Pisacane macht zu Mariä Himmelfahrt keine Wallfahrt. Er flüchtet. Denn der 15. August ist zwar einer der wichtigsten Feiertage Italiens, vor allem aber ist ferragosto der Höhepunkt der sommerlichen Ferienzeit. Andiamo al mare, beschließen die Italiener. Fahren wir ans Meer, ans Meer!

An fast allen Sandstränden und Felsenbuchten werden Sonnenschirme befestigt, Krokodile aufgeblasen, aus Kühltaschen Panini und Lasagne verspeist. Wer auch nur einigermaßen bei Trost ist, sollte diesen Tag in der Kühle hinter geschlossenen Fensterläden verbringen.

Aber so funktioniert Italien nicht. Wenn alle ans Meer fahren, will keiner zu Hause bleiben. Und diejenigen, die wirklich nicht an den Strand fahren, fluten die Gassen malerischer Ortschaften. Wie zum Beispiel Amalfi.

Wenn auf dem Corso Japanerinnen mit Hütchen, Kreuzfahrtschiffpassagiere und auch noch all die Italiener vor Körbchen mit riesigen Zitronen entlangschlendern, dann geht Pisacane mit seinen drei kleinen Töchtern in das steile Tal hinter Amalfi.

Dort sitzt er am kühlen Fluss, die Felswände ragen so senkrecht auf wie die Mauern seines Heimatortes. Nur ist hier außer dem Plätschern des Wassers und den Juchzern der Mädchen nichts zu hören. Die Sonnenstrahlen lassen die Felswände grün aufleuchten, Farne breiten ihre Blätter aus, und überall tröpfelt Wasser, stiebt in Wasserfällen, rauscht auch mal gewaltig.

Anti-Stress-Wandern im Hinterland

Gennaro Pisacane, 45 Jahre alt, Anwalt, Hotelbesitzer, Präsident der Hotelvereinigung, kommt oft hierher. Er ist ein begeisterter Wanderer. Und er meint damit nicht das, was seine Landsleute darunter verstehen: an einen Parkplatz fahren und mit dem Picknickkorb zum nächsten Baum spazieren. "Ich gehe fast jeden Morgen in die Berge", sagt Pisacane.

Gegen 7 Uhr zieht er los, und immer geht es gleich steil hinauf, so ist das eben an der Amalfi-Küste. Das verleihe Energie für die viele Arbeit des Hoteliers. Denn Amalfi ist im Sommer stets voll bis überlaufen. Seit Jahrzehnten strömen die Touristen hierher, ach was, seit Jahrhunderten. Die Küste von Amalfi sei die "anmutigste Gegend Italiens", schrieb schon Mitte des 14. Jahrhunderts Giovanni Boccaccio im "Decamerone".

Die Hoteliers möchten zudem gerne die Saison verlängern, sagt Pisacane. Für Wanderurlauber sei es auch in der Nebensaison "traumhaft". Er läuft zum Torre dello Ziro, einem Turm aus dem Mittelalter, hinauf. Über die uralten Treppen wurde die Ernte von den Hügeln ans Meer gebracht. Das klingt nach längst vergangenen Zeiten, bis Hufgetrappel zu hören ist. Den steilen Weg herab führt ein Mann zwei Maultiere am Zügel. Sie sind hoch beladen.

An den steilen Hängen der Küste gebe es einfach keine andere Möglichkeit, Lasten zwischen Amalfi am Meer und den Dörfern zu befördern, sagt Pisacane. Nur eine noch: In Pontone wickelt sich ein Mann eine Art Turban um den Kopf, das Tuch bildet einen Wulst im Nacken. Dann wuchtet er sich eine Plastikkiste auf den Kopf, randvoll mit Zitronen, abgedeckt mit einem alten Tischtuch. Wie viel das wiege, fragt Pisacane. 60 Kilogramm antwortet der Mann, winkt mit der freien Hand und geht forsch eine Treppe hinauf zur Straße.

Deutsche kommen wegen der Zimmerpreise nicht mehr

Auf der Piazzetta von Pontone, einem Dorf mit 700 Einwohnern, sitzt vor der Bar ein österreichisches Ehepaar mit kleinem Rucksack. Fünf Tage Trekking haben sie schon hinter sich, ihre Wasserflaschen füllen sie am Dorfbrunnen nach. Am Nachbartisch plaudern zwei Britinnen, die aussehen wie aus einer Jane-Austen-Verfilmung: rötliche Haare, flatternde helle Sommerkleider, große Sonnenhüte. Sie wohnen bei Freunden in Ravello.

Wie lebt man eigentlich, wenn die Dorfgassen immer verstopft sind von Menschen? Gennaro Pisacane sagt, Amalfi habe 2000 Gästebetten auf 5000 Einwohner, "noch ein ganz gutes Verhältnis. Was uns zusetzt, sind die Tagestouristen". Um das zu regulieren, haben sie die Gebühren für Busparkplätze erhöht. Die erste Stunde kostet 75 Euro, die zweite ist billiger, die dritte umsonst. "Damit die Veranstalter ein Mittagessen einplanen und wir etwas daran verdienen."

Die Krise in Europa würden sie mit Gästen aus der Ferne auffangen. "Mit den Chinesen kommen wir gut zurecht", sagt Pisacane. "Der Chinese ist dem Italiener so ähnlich. Die Mentalität ist geradezu identisch." Sie legten viel Wert auf Familie, seien entspannt, nicht besonders pünktlich.

Japaner hingegen seien kompliziert. "Wir vergleichen sie mit den Deutschen." Und was sagt man über die Deutschen? "Wir haben aufgegeben, die Deutschen kommen nicht mehr", sagt der Hotelier. Deutsche Reisende machen nur noch einen Anteil von zwei Prozent aus. "Die rechnen ganz genau, unsere Zimmerpreise sind ihnen zu teuer."

Vom Turm aus sieht er nach Ravello hinüber. Der Ort, in dem die Britinnen logieren, thront auf einem Felsplateau. Hier komponierte Richard Wagner, hier kann man für eine Nacht 4000 Euro bezahlen. Nach wie vor gehörten alle Hotels Einheimischen. "Wenn jemand verkauft, versuchen wir, dass es möglichst einer von hier kauft. Wir wollen kein Geld aus Neapel." Das nur 60 Kilometer entfernte Neapel ist ein Synonym für Mafia und Camorra. Neapolitanische Geldgeber hätten Amalfi eine Marina finanzieren wollen. "Wir haben abgelehnt."

Zitronen gegen die Krise

In einem Bogen geht es zurück nach Amalfi, hinab durch Zitronenbäume. An Holzgestellen hängen schwer die leuchtenden Früchte, dahinter glitzert das Meer - mehr Süden geht nicht. Die Hänge durchzieht ein System von Kanälen. Für die Terrassen wurden Felsen zertrümmert und kleine Ebenen mit Erde aufgeschüttet. Außer dem Zufluss war auch Drainage wichtig, damit das Wasser sich nicht staut, "weil es sonst mit Macht die Mauern wieder einreißt".

Aber kommen die Zitronen in den Souvenirgeschäften wirklich von hier? Ja, erklärt Pisacane, doch die Bauern verdienten schlecht. "Sie verkaufen das Kilo für 50 Cent an die Läden. In den achtziger Jahren haben sie dafür 500 Lire bekommen, im Grunde immer noch den gleichen Preis." Wegen der Wirtschaftskrise besinnen sich die Italiener sogar auf die Arbeit in den Zitronenhainen zurück, auch wenn sie schwer ist.

Am gegenüberliegenden Hang führt eine senkrechte Wasserleitung zu Tal, das erste Elektrizitätswerk Amalfis. Das Wasser floss zum Teil durch offene Rinnen. Wenn im Ort das Licht erlosch, weil der Strom ausfiel, sagte Pisacanes Großmutter stets im Dialekt Kampaniens: "È gut a fronn ind ó canal" - Blätter verstopfen den Kanal.

Um der Autos Herr zu werden, die die Küstenstraße Amalfitana verstopfen, gibt es einen neuen Plan: Ein Tunnel soll hinter Amalfi durch die Berge führen, unter den Dörfern des Hinterlandes hindurch. Der Zugang zum Ort würde dann durch jenes Tal führen, das Pisacane gerne durchwandert. "Ich kann mich mit dem Gedanken einfach nicht anfreunden", sagt Pisacane. Aber da baue er einfach auf die Krise: "Dafür ist ohnehin kein Geld da, wer sollte etwas finanzieren?"

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Magnifico!
Fussgänger 15.08.2013
Die Amalfitansiche Küste ist in der Tat ein Wunderschön. Die Übernachtungspeise im Hinterland sind jedoch "normal", erst recht jene von B&B. Hier gebt es ein paar hundert Meter über dem Meer viele private Initiativen. Bin über viele Jahre dorthin. Von Neapel mit der Circumvesuviana S-Bahn nach Castellamare, von dort mit der Seilbahn hinauf, über den Berg hinüber, bis knapp 1400m, dann steil hinab nach Positano (bzw. kleiner Ort darüber). Die Transformation vom Chaos Neapels hin zur erhabenen Ruhe der Berglandschaft hoch über dem Meer ist surreal einzigartig. Bildstrecke hierzu: Von Neapel in die Berge Positanos: http://www.retrofutur.org/retrofutur/app/main?DOCID=100007296&albumMode=100007296#100007296 An der Küste: http://www.retrofutur.org/retrofutur/app/main?DOCID=100007379&albumMode=100007379#100007379 :-)
2. Es gibt nichts schlimmeres als Ferragosto
rodelaax 15.08.2013
Man kann nur jedem raten, Italen zu dieser Zeit zu meiden. Ferragosto ist eine Völkerwanderung richtung Meer. Zu dieser Zeit mutieren winzige Orte zu Städten. Besonders abends und nachts wälzen sich auf einmal Menschenmassen duch die kleinen Örtchen und die Menschen treten sich gegenseitig auf die Füße. Das ist schlimmer als in Fußgängerzonen deutscher Großstädte, kurz vor Weihnachten.
3. Urlaubserlebnisse
spinatpute 15.08.2013
Warum eigentlich die vielen SPON-Artikel über den Niedergang des Print-Journalismus in der letzten Zeit. In Zukunft sollte SPON etwas demütiger sein - wer auf dem Niveau "Mein schönstes Ferienerlebnis" Urlaubs- und Reiseartikel wie diesen hier, garniert mit ein paar Hobby-Knipsbildchen auf der Startseite publiziert hat meiner Meinung nach den Online-Journalismus auch nicht verstanden. Dieser Artikel über die Amalfi-Küste ist alles was Online-Journalismus nicht sein sollte: banal, beliebig, amateurhaft und langweilig!
4. @Fussgänger
brut_dargent 15.08.2013
Beeindruckend, was für eine Aussicht. Vielen Dank für den Fototipp. Kleine Einschräkung: Wer tut sich sowas an? Das grenzt doch an seelischer Grausamkeit, wenn man wieder runter muss von den wunderschönen Bergen : ))
5. So stellt man sich Italien vor......
Benutzernameoptional 15.08.2013
Horrende Preise im Tourismusbereich anstelle von wirtschaftlicher Innovation und Entwicklung. Steuern im Tourismus? Wahrscheinlich Fehlanzeige. Hauptsache schnelles Geld. Eher gründet dort (ja, in Italien!) einen Verein zur "Entschleunigung des Alltags", wie auf einem der Bilderbeschriftungen zu lesen ist. Wunderbar, sie werden noch langsamer! Zum Glück haben wir mit diesem Land nicht die selbe Währung. Oder doch??!
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