Reise


Historischer Staatsbesitz: Italien möbelt Abbruch-Villen zu Luxushotels auf

Von Julia Stanek

Italien will sich durch sein historisches Erbe sanieren: Das hochverschuldete Land sucht heruntergekommene Villen, Gefängnisse und Leuchttürme, um daraus schicke Hotels zu machen. Hunderte Gebäude könnten so aufgemöbelt werden - die erste Luxusherberge ist bereits eröffnet.

Italien plant Hotelkette: Nacht in der Abbruch-Immobilie
Fotos
Roberto Patti

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Aus ihrem Zimmer im roten Leuchtturm haben die Gäste einen spektakulären Blick aufs Mittelmeer. Einsam ist es an diesem südlichen Zipfel von Sardinien, nur ein paar Möwen kreischen über der Steilküste. Der mehr als 150 Jahre alte Faro Capo Spartivento ist italienisches Nationaleigentum. Doch die Agenzia del Demanio - die Behörde, die Italiens Staatsimmobilien verwaltet - hat den Leuchtturm an einen Investor vermietet. Und dieser hat ihn vor drei Jahren in ein Hotel verwandelt.

Es ist eins der Vorzeigeprojekte von "Valore Paese" (auf Deutsch: der Wert des Landes), einer größeren Initiative, die sich Italien hat einfallen lassen, um mit seinen Schätzen aus Stein Geld zu verdienen.

Die Idee besteht darin, historische Gebäude im Staatsbesitz für einen Zeitraum von maximal 75 Jahren in private Hand zu geben und so den alten Gemäuern neues Leben einzuhauchen. Laut der in Rom ansässigen Agenzia del Demanio kommen Hunderte Häuser in Frage. Ob Adelspaläste in der Toskana, Gefängnisse auf verlassenen Inseln, Kasernen am Gardasee, Schlösser oder eben Leuchttürme - die Mieter sollen die Immobilien restaurieren und zu Hotels mit komfortabler Ausstattung umbauen.

"Wir wollen ein Netzwerk aus Hotels in historischen Gebäuden aufbauen", sagt eine Sprecherin der Agenzia del Demanio. "Es soll eine Dachmarke entstehen, ähnlich wie bei den Paradores in Spanien." Als Beispiel in Italien soll bald die Villa Tolomei bei Florenz dienen. Ein Millionenprojekt, bei dem einem heruntergekommenen Palast zu neuem Glanz verholfen wurde. Das Vier-Sterne-Resort in den Hügeln der Toskana öffnet im Mai seine neuen Holzpforten für Gäste. Ein Doppelzimmer wird mindestens 300 Euro pro Nacht kosten.

Mehr Baracke als Burg

"Wir wollen aus diesen Gebäuden Nutzen ziehen, sie haben einen immensen Wert", sagte vergangene Woche bei einer Pressekonferenz Domenico Arcuri, einer der Projektverantwortlichen. "30 Jahre lang haben alle nur davon geredet, dass der Tourismus für Italien fundamental wichtig ist. Aber in diesen 30 Jahren haben uns andere Länder überholt." Nun sei es an der Zeit, diesen Trend wieder rückgängig zu machen.

Hinter der Initiative steckt neben der Behörde für Staatsimmobilien auch die Wirtschaftsförderungsbehörde Invitalia, die beide dem italienischen Finanzministerium unterstellt sind. Erklärtes Ziel sei es zwar, das touristische Angebot zu erhöhen und das historische Erbe in den Mittelpunkt zu stellen. Doch wenn dabei die Staatsschulden sinken, ist das laut der Agenzia del Demanio ein willkommener Nebeneffekt.

"Wir können nicht das Eigentum des Staates verkaufen, aber wir können damit für mehr Einnahmen sorgen", lautet die Ansage einer Behördensprecherin. Für den Leuchtturm Capo Spartivento auf Sardinien kassiert Italien 36.000 Euro pro Jahr. Die Vermietung der Villa Tolomei bringt dem Staat jährlich 150.000 Euro ein.

Kasernen und Knäste zwischen Bergamo und Neapel

Mehr als 2000 staatliche Gebäude kommen laut der Agentur für Staatsimmobilien für den Umbau in Hotels, Pensionen oder Ferienwohnungen in Frage. In einer ersten Projektphase wurden etwas mehr als 100 Häuser begutachtet und auf Lage, Schönheit und den jeweiligen Restaurationsbedarf untersucht.

Für folgende sieben Gebäude sollen bald die Ausschreibungen veröffentlicht werden, heißt es auf der Website der Agenzia del Dimore:

  • die Kaserne La Rocca (Venetien)
  • das Gefängnis XXX Maggio in Peschiera del Garda (Venetien)
  • das Gefängnis Terra Murata auf der Insel Procida (bei Neapel)
  • das Gefängnis Sant'Agata in Bergamo (Lombardei)
  • die Festung Castello Orsini in Soriano nel Cimino (Latium)
  • die ehemalige Kaserne Piave (Umbrien)
  • der historische Gebäudekomplex Santa Maria della Stella in Orvieto (Umbrien)

Wie feudal sie künftig aussehen könnten, zeigt das Beispiel vom Leuchtturm Capo Spartivento: Der Charme der alten Anlage blieb trotz des Umbaus erhalten, weil laut dem Investor Alessio Raggio "kein neuer Stein auf einen alten gesetzt wurde". Aber nun können die Gäste unterm Leuchtfeuer exquisit dinieren, Champagner trinken oder in einen Infinitypool springen. Wer den exklusiven Traumurlaub buchen will, muss für eine Woche mit Meerblick bis zu 7000 Euro hinblättern - Halbpension und Getränke exklusive.

"Wir müssen uns auf den Luxusmarkt konzentrieren", sagt Unternehmer Raggio, der das Leuchtturmhotel auf Sardinien führt. "Der Faro hat nur sechs Zimmer, verursacht aber Kosten wie eine Unterkunft mit 60 Zimmern." Nicht nur die Restauration, auch die Instandhaltung sowie Personalkosten seien extrem teuer. Ein billiges Bed & Breakfast wäre da wirtschaftlich nicht erfolgreich.

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insgesamt 12 Beiträge
kandana 17.04.2013
gut - schafft Arbeit, erhält historische Werte, lockt Touristen, die dann ihr Geld im Land lassen. Scheint mir ein gutes Projekt, um zur Sanierung der Finanzen beizutragen, wenn auch erst mittel- oder langfristig. [...]
Zitat von sysopItalien will sich durch sein historisches Erbe sanieren: Das hoch verschuldete Land sucht heruntergekommene Villen, Gefängnisse und Leuchttürme, um daraus schicke Hotels zu machen. Hunderte Gebäude könnten so aufgemöbelt werden - die erste Luxusherberge ist bereits eröffnet. Italien will marode Paläste und Leuchttürme in Luxushotels verwandeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/italien-will-marode-palaeste-und-leuchttuerme-in-luxushotels-verwandeln-a-894492.html)
gut - schafft Arbeit, erhält historische Werte, lockt Touristen, die dann ihr Geld im Land lassen. Scheint mir ein gutes Projekt, um zur Sanierung der Finanzen beizutragen, wenn auch erst mittel- oder langfristig. Hauptsache es geht dann ohne Gemauschel ab - der Vetter ist plötzlich Geschäftsführer oder die Tante Hotelchefin...
robert@act3d.de 17.04.2013
Mal ehrlich, das sieht sehr schön aus. Aber ausser einer günstigen Anreise ist Urlaub in Italien teurer als in Deutschland. Ganz abzusehen von der seit einigen Jahren stark zunehmenden Arroganz.
Mal ehrlich, das sieht sehr schön aus. Aber ausser einer günstigen Anreise ist Urlaub in Italien teurer als in Deutschland. Ganz abzusehen von der seit einigen Jahren stark zunehmenden Arroganz.
miss_moffett 17.04.2013
Die Konkurrenz beim Massentourismus ist groß und Italien kann da preislich nicht mithalten. Historische Gebäude dem Tourismus öffnen klingt nach einer Marktlücke. Die gezeigten Beispiele (Leuchtturm und Villa) werden [...]
Zitat von sysopItalien will sich durch sein historisches Erbe sanieren: Das hoch verschuldete Land sucht heruntergekommene Villen, Gefängnisse und Leuchttürme, um daraus schicke Hotels zu machen. Hunderte Gebäude könnten so aufgemöbelt werden - die erste Luxusherberge ist bereits eröffnet. Italien will marode Paläste und Leuchttürme in Luxushotels verwandeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/italien-will-marode-palaeste-und-leuchttuerme-in-luxushotels-verwandeln-a-894492.html)
Die Konkurrenz beim Massentourismus ist groß und Italien kann da preislich nicht mithalten. Historische Gebäude dem Tourismus öffnen klingt nach einer Marktlücke. Die gezeigten Beispiele (Leuchtturm und Villa) werden betuchtere Touristen anlocken. Gute Idee - ich fange schon mal an auf eine Urlaubswoche im Leuchtturm zu sparen.
Blutworscht 17.04.2013
Solche Angebote richten sich auch weniger ans Deutsche Prekariat, mit Billigurlaub in Betonburgen und All-You-Can-Eat-Angeboten will man hier nicht locken. Mit dem Euro sind die Preise für Essen und Unterkunft in Italien [...]
Zitat von robert@act3d.deMal ehrlich, das sieht sehr schön aus. Aber ausser einer günstigen Anreise ist Urlaub in Italien teurer als in Deutschland. Ganz abzusehen von der seit einigen Jahren stark zunehmenden Arroganz.
Solche Angebote richten sich auch weniger ans Deutsche Prekariat, mit Billigurlaub in Betonburgen und All-You-Can-Eat-Angeboten will man hier nicht locken. Mit dem Euro sind die Preise für Essen und Unterkunft in Italien tatsächlich explodiert, schön war die Zeit, als man mit einem harten Schilling oder DM sehr viel Leistung bekam. Suchen Italiener selbst einen billigen Urlaub, so wählen sie entweder sogenannten "Agritourismo" (in Deutschland so etwas wie Urlaub auf dem Bauernhof) oder fliegen gleich nach Spanien, Kroatien oder Griechenland, weil Italien einfach viel zu teuer geworden ist. Solche Angebote wie im Artikel richten sich u.a. an reiche Russen, Amerikaner und Chinesen, gerade neureiche Russen sind in Italien regelrecht verliebt. Wo früher Speisekarten auf Italienisch und Deutsch aushingen, sieht man heute Angebote in kyrillischer Schrift. Russen sind die "Top-Spender" in Italien, eine Millionen kommen mit steigender Tendenz und jeder lässt im Schnitt 200€/Tag in Italien: > Turismo: russi in Italia i 'top spender' - Top News - ANSA.it (http://www.ansa.it/web/notizie/rubriche/topnews/2013/03/20/Turismo-russi-Italia-top-spender-_8433428.html)
starki77 17.04.2013
Lest man sich Italienische Forumsbeiträge durch sind Deutsche nicht gerade erwünscht und außerdem - wie bereits erwähnt - kann man sich Italienurlaub ob Luxus oder "Standard" als normaler Bunderbürger sowieso nicht mehr [...]
Lest man sich Italienische Forumsbeiträge durch sind Deutsche nicht gerade erwünscht und außerdem - wie bereits erwähnt - kann man sich Italienurlaub ob Luxus oder "Standard" als normaler Bunderbürger sowieso nicht mehr leisten
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  • Mittwoch, 17.04.2013 – 12:12 Uhr
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Enrico Letta

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