Kirchen anders genutzt Gott aus dem Häuschen

In Italien werden immer mehr Kirchen an private Eigentümer verkauft. Der neue Besitzer kann damit machen, was er will: eine Autowerkstatt eröffnen, ein Büro - oder eine Pizzeria.


Tief steckt Italien in der Rezession, überall muss gespart werden. Und wenn man kein Geld mehr hat, um Kirchen zu restaurieren und sie in Schuss zu halten, werden auch in dem erzkatholischen Land die Gotteshäuser entweiht und verkauft.

Je nachdem, wer der neue Besitzer ist, wird die Kirche dann neu genutzt. Der italienische Fotograf Andrea Di Martino ist mit seiner Kamera zu vielen ehemaligen Gotteshäusern gefahren und hat diese abgelichtet. Was er hinter den schweren Kirchentüren vorfand, ist überraschend.

Wein statt Weihrauch, Pizza statt Hostie

In einer Kirche in Como am Comer See befindet sich heute eine Autowerkstatt. In der weiß und gelb gestrichenen Portichetto di Luisago kann man heute das Öl wechseln lassen, wo man sich früher mit Weihwasser bekreuzigt hat.

Die Kirche San Filippo Neri in L'Aquila ist voller roter Sessel aus Samt. Denn seit 1987 befindet sich dort das Theater San Filippo. Von der Decke aus schauen auch kleine Engelchen dem Stück zu, das auf der Bühne gespielt wird. Applaus. Und in der Kirche Tutti i Santi in Viareggio wird heute Wein getrunken, wo früher Moral gepredigt wurde - die neuen Besitzer führen hier eine Pizzeria.

Fotograf Andrea Di Martino bezeichnet sich selbst als religiös, geht aber nicht jeden Sonntag in die Kirche - er besucht sie nur für seine Bilder. "Ich mochte alle von ihnen. Ich mag Orte, die mir eine Geschichte erzählen können. In jeder Kirche hatte ich so ein Gefühl", sagt Di Martino. "Diese Gebäude haben in den vergangenen Jahrhunderten so viel gesehen, so viele verschiedene Zeiten und Menschen erlebt - dort herrscht schon eine einzigartige Atmosphäre."

Die Autowerkstatt hätte er gerne gehabt, weil es eine der ersten umfunktionierten Kirchen war, die er fotografiert habe, sagt Di Martino. Als er ging, dachte er sich: "Ich muss unbedingt wissen, was aus den anderen Kirchen geworden ist." Der Anfang seiner Reise zu den göttlichen Designerläden, Restaurants und Hotels - bis heute hat er 70 umfunktionierte Kirchen fotografiert.

jkö

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
mipez 10.10.2014
1.
Ich sehe da keinen Skandal, sondern eher einen Hinweis, dass in Italien noch jemand mitdenkt.
zerr-spiegel 10.10.2014
2. Ist bei uns nicht anders
Auch in Deutschland werden immer wieder Kirchen, vor allem kleine bis kleinste Dorfkirchen, an Privatleute verkauft. Das ist offenbar nur für den Autor etwas neues. Oder soll das einfach nur als redaktioneller Artikel getarnte Werbung sein?
Business Ethics 10.10.2014
3.
Gott, wenn es ihn gäbe, wäre begeistert! Endlich etwas Sinnvolles in den Gemäuern!
peter_gurt 10.10.2014
4. Das sind keine Gotteshäuser!!
Diesen Begriff für auf Blut erbauten Gebäuden (Kathedrale, Dom, Kirche, etc.) hat unsere ungeliebte Staatskirche (rk) geprägt. Die eigentliche Kirche, besser gesagt Gemeinde, sind die Menschen und nicht irgendwelche Gebäude die mit Gold und Statuen bestückt sind. Kein Wunder treten immer mehr Menschen aus diesem System aus.
Chuck.Let 10.10.2014
5. Kirchen-Recycling
Finde das eine echt gute Idee. Statt die Gebäude verfallen zu lassen bekommen sie nun einen neuen Zweck zu gute. Könnte mir persöhnlich auch sehr gut vorstellen, ein Büro, eine Garage oder ähnliches aus einer Kirche zu machen :)
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