Abzocke am Jakobsweg Das Geld ist dann mal weg

Überteuerte Unterkünfte, aufdringliche Souvenirhändler: Wer sich vom Jakobsweg innere Einkehr und Ruhe erhofft, ist oft schockiert vom kommerziellen Spektakel, das um den Pilgerpfad entstanden ist. Groß ist die Gefahr, dass die "spirituelle Botschaft" bei so viel Tamtam auf der Strecke bleibt.

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Santiago de Compostela - Idyllisch schmiegt sich Saint-Chély-d'Aubrac ins Flusstal ein, charaktervolle Steinhäuser säumen den Weg. In dem 545 Einwohner zählenden Dörfchen der südfranzösischen Region Midi-Pyrénées ist es mit der Ruhe aber vorbei: Der Ort liegt an der Via Podensis, dem vor allem bei Pilgern beliebten Jakobsweg in Frankreich. Inzwischen fallen Jahr für Jahr 25.000 Wanderer in Saint-Chély-d'Aubrac ein. Dort ist - wie auch in anderen Orten entlang des Jakobswegs - die Schlacht um das lukrative Geschäft mit den Pilgern voll entbrannt.

"Wir haben Glück, auf dem Weg nach Santiago de Compostela zu liegen. Seit 30 Jahren haben wir keine Einwohner verloren", sagt der Bürgermeister von Saint-Chély-d'Aubrac, Jean-Claude Fotanier, mit Stolz in der Stimme. In dem Örtchen gibt es neben der Grundschule eine Post, einen Arzt und sogar ein Polizeirevier - keine Selbstverständlichkeit in einem Landstrich, aus dem immer mehr Menschen wegziehen.

Früher sei es den Kommunen nicht wichtig gewesen, am Jakobsweg zu liegen. "Heute aber würden ihn viele gerne zu ihren Gunsten umlenken und von seinem unbestreitbaren wirtschaftlichen Segen profitieren", sagt Fotanier. Quer durch Europa führen mehrere Jakobswege bis in das nordwestspanische Santiago de Compostela. Der seit dem Mittelalter berühmte katholische Pilgerort erlebt seit einigen Jahren einen neuen Boom.

Pilgernde Brieftaschen

Doch der Pilgeransturm bringt entlang des Jakobswegs allerlei kommerzielle Auswüchse mit sich: Werbetafeln - oft illegal angebracht - flankieren idyllische Landwege, Händler bieten Softdrinks feil, und einige Herbergenbetreiber suchen sich ihre Gäste direkt auf der Strecke. Von T-Shirts mit Spongebob bis hin zu Jakobsweg-Kondomen steht ein riesiges Souvenir-Angebot bereit. "Manche halten die Pilger für wandelnde Brieftaschen", sagt Sébastien Pénari von der Association de coopération interrégionale (ACIR), der sich um die Erschließung des Jakobswegs kümmert. "Unter diesen Bedingungen verschwimmt die spirituelle Botschaft des Weges", kritisiert er.

Die Pilger sprechen über ihre Wanderung meist mit Inbrunst. Sobald sie aber ihrer Begeisterung gebührend Ausdruck verliehen haben, klagen viele auch über "Tempelhändler" entlang der Strecke, die "sich weigern, ein Glas Wasser umsonst zu geben", oder "einfache Matratzen zu horrenden Preisen" vermieten. Deshalb nehmen viele Pilger ihr Schicksal und ihre Isomatte selbst in die Hand: Ihre Suche nach Genügsamkeit grenze manchmal an Knauserigkeit - schimpfen wiederum diejenigen, die mit dem Weg ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Im Konkurrenzkampf geht es manchmal auch wenig fromm zu: "Jemand hat mein Werbeschild abgerissen und miese Gerüchte über meine Unterkunft verbreitet", beklagt sich Thérèse Wiart-Robertson. Sie betreibt eine Herberge in Livinhac-le-Haut und hat die Nase voll von dem Geschäft mit den Pilgern. In ihrem Dorf herrsche eine Stimmung wie im Wilden Westen, sagt sie: "Jeder ist bereit, dem anderen zwischen die Füße zu schießen."

Steuerbetrug statt Solidarität

Viele Hotels liegen zudem im Streit mit Herbergen auf Spendenbasis, die von den Pilgern nur einen freiwilligen Beitrag erbitten. Sie sprechen von unlauterem Wettbewerb. "Unter dem Deckmantel christlicher Solidarität horten manche beträchtliche Einkünfte, ohne Steuern und Gebühren abzuführen", sagt Pénari von der ACIR.

Das Geschäft mit dem Spirituellen umfasst auch All-inclusive-Angebote für Pilger, Gepäckdienste und Merchandising-Artikel. Inzwischen wirkt sich der Massentourismus auch auf die Einstellung einiger Wanderer aus: Um anderen Pilgern zuvorzukommen, schicken sie sogar einen Fahrer als Vorhut, der Betten am nächsten Reiseziel sichern soll.

All das gefährdet nach den Worten von Pénari die "Poesie des Weges". Der Jakobsweg laufe Gefahr, "seinen einzigartigen Charakter zu verlieren und zum Allerweltsausflug zu werden", sagt er und warnt: "Eines Tages wird der Eintrag als Weltkulturerbe der Unesco nicht mehr Bestand haben."

sto/AFP



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