Jakobsweg Engel am Wegesrand

Maria Mediavilla ist 75 und stempelt Pässe. Fast täglich, seit sieben Jahren. Jeder Pilger auf dem Jakobsweg kommt bei ihr vorbei, wird per Strichliste gezählt. Langweilig wird ihr der Job nicht, denn sie ist längst dort angekommen, wo viele noch hin wollen - bei sich selbst.

Von Oliver Lück


Sie wird auf Weltreise gehen. Wie fast jeden Tag in den vergangenen sieben Jahren. Sie hat es nicht weit. Sie braucht bloß die Tür ihres Hauses zu öffnen, die Steinstufen hinunter und die wenigen Schritte zu ihrem alten Schreibtisch zu gehen, der am Wegesrand steht. Dort setzt sie sich unter den knorrigen Feigenbaum, der an heißen Tagen etwas Schatten und bei Regen einen trockenen Platz bietet.

Und dann wartet sie und horcht in den Morgen hinein. Sie wartet auf die Menschen, die täglich an ihrem Haus vorbeilaufen. An ihren Fingern beginnt sie aufzuzählen: "Frankreich, Spanien, Brasilien, Südkorea, Japan, USA, Kanada, Australien, Deutschland", sie macht eine Pause – "wissen Sie was? Menschen aus der ganzen Welt kommen bei mir vorbei."

In weiten Teilen führt der Jakobsweg auf seinen rund 800 Kilometern von der französischen Grenze nach Santiago de Compostela über die Hügel des wilden Westens Europas. Kurz vor Logroño, einer Stadt mit 120.000 Menschen im Nordosten Spaniens, sitzt Maria Mediavilla. Sie ist eine kleine Frau mit kurzen, grauschwarzen Haaren, einer Brille und herzlichen Augen. Das Leben hat tiefe Falten in ihr Gesicht gegraben.

Noch bevor die Pilger den Ebro erreichen, der sich braun und schlammig durch die Stadt schlängelt, laufen sie durch Weinberge und am Haus der 75-Jährigen vorbei. Hier wachsen die weißen und roten Trauben des berühmten Rioja, dazu einige Olivenbäume. Es ist ein schwerer, zäher Boden. An Regentagen sammelt er sich zu einer zentimeterdicken Schlammschicht unter den Füßen. Nur schwer lässt sich die lehmige Erde wieder von den Schuhen kratzen. Jeder Schritt wird schon hier zur Herausforderung – dabei sind es noch 602 Kilometer bis zum Grab des Heiligen Jakob.

Stempelkissen, Stift und Gästebuch

Maria Mediavilla kann die Menschen mit den Rucksäcken und Wanderstöcken schon von Weitem sehen, wenn sie den kleinen Hügel hinunter kommen. Vor ihrer Haustür ist der Jakobsweg eine schmale asphaltierte Straße. Vor ihr auf dem Tisch liegen ein Stempel, ein Stempelkissen, ein Stift, ein Zettel und ein Gästebuch. Eine Plastikfolie schützt es gegen den Regen. Zwei schwere Backsteine sorgen dafür, dass der Wind die Folie nicht fortreißt.

Doch das Wichtige ist nicht das Buch, es ist der Stempel. Maria Mediavilla sitzt fast jeden Tag hier, um den Familienstempel in das Credencial, den offiziellen Pass der Pilger, zu drucken. Jeder muss diesen Ausweis mitführen und unterwegs – meist in den Herbergen – immer wieder stempeln lassen, um in Santiago de Compostela die finale Urkunde seiner Pilgerschaft zu erhalten.

Señora Mediavilla ist eine Stemplerin. Sie hat diese Aufgabe von ihrer Mutter übernommen. Sie spricht viel über ihre Mutter und wie das damals alles anfing, dass ein Priester aus der Stadt in das Haus in den Weinbergen kam und die Mutter um Hilfe bat. Man wollte erfassen, wie viele Jakobspilger nach Logroño kamen. Immer wenn sie konnte, sollte sie die Menschen zählen. Denn hier oben, zwei Kilometer vor der Stadt, war alles viel übersichtlicher als unten im Gewirr der Straßen. Da sie nicht lesen und schreiben konnte, zählte sie anders. Sie legte kleine Steine in eine Schale auf dem Tisch – für jeden Pilger einen Stein. Am Ende des Tages zählte die Tochter die Steine und notierte eine Zahl.

20 Jahre lang saß Felisa Rodriguez Medel vor ihrem Haus und bot den Menschen Wasser, Feigen und ein schattiges Plätzchen an, und sie stempelte ihnen die Pässe. Als ihre Mutter starb, erbte Maria Mediavilla den Stempel. Er ist ein Geschenk eines Pilgers aus Madrid. "Felisa, Higos, Agua y Amor" steht darauf – Felisa (der Name von Marias Mutter), Feigen, Wasser und Liebe. "All das, was sie gegeben hat und was ich nun fortführe", sagt Maria Mediavilla, die einst auf den Höfen der Gegend Trauben und Oliven erntete und heute von einer geringen Rente und den Spenden der Pilger lebt.

Vor 30 Jahren nahmen gerade mal ein Dutzend Menschen jährlich die mittelalterliche Wallfahrt auf sich. Inzwischen – Paulo Coelho, Shirley MacLaine und Hape Kerkeling sei Dank – sind in manchen Jahren weit über 100.000 auf dem Pilgermarsch. Und Maria Mediavilla führt Buch: Im August zählte sie 7569, im September, 5143, im Oktober 2196, im November 1873. Sie macht Striche auf einem Zettel. Jeder Strich steht für einen Pilger. Und jeder Strich sieht gleich aus. "So ist das auch auf dem Weg", sagt sie, "er macht keine Unterschiede, es ist egal, ob du reich oder arm, ob du dumm oder klug bist – alle sind gleich."

Ein offenes Ohr für jede Geschichte

Sie selber ist die Strecke nach Galicien noch nicht gelaufen. Sie wird es auch nicht mehr, sagt sie, "aber ich gehe den Weg jeden Tag aufs Neue, durch die Pilger und ihre Erzählungen". Und jeder darf sich bei ihr ausruhen und berichten.Die meisten bleiben nur kurz, bitten um einen Stempel und legen eine kleine Spende in die Jakobsmuschel auf dem Tisch. Andere gehen wortlos vorüber, grüßen nicht mal. Wieder andere stehen eine Stunde oder länger bei ihr, reden ohne Unterlass, als ob sie dafür bezahlt würden.

Und manche setzen sich auf eine der Bänke gegenüber in den Schatten, sprechen kein Wort und beginnen zu weinen. "Oft weine ich mit ihnen", sagt Maria Mediavilla, "wenn sie sich dann doch öffnen, ich mir ihre Probleme anhöre, sie von Krankheiten oder der Familie erzählen."

Viele bedanken sich dafür mit einem kurzen Gruß im Gästebuch. "Ein Engel am Wegesrand", schreibt ein Mann aus Kiel. "Kurz vor dem Lärm der Stadt eine Oase der Ruhe", war der Ort für eine Frau aus München. Und eine Frau aus Kanada: "Danke für den Kaffee." 22 Bücher sind in 27 Jahren als Geschenke da gelassen worden.

Maria Mediavilla sagt, dass die meisten, die den "Camino" auf sich nehmen, auf der Suche nach etwas sind – nach einer Aufgabe, nach Anerkennung, nach einer Erklärung für etwas, vielleicht nach der eigenen großen Wahrheit, dem Glück. Sie selber scheint vieles von dem bereits gefunden zu haben. Sie sitzt einfach da und wartet, gibt jedem den Wunsch "Einen guten Weg!" mit auf die Reise. Und jedem, der möchte, drückt sie mit größter Sorgfalt einen Stempel in den Pass, als sei es das allererste Mal. Stets begutachtet sie ihr Werk, pustet noch einmal drüber, damit die Farbe nicht verwischt und schreibt das Datum daneben.

Zeit ist das, was man aus ihr macht

"Das ist meine Aufgabe", sagt sie, der Stempel ist die Verbindung zwischen ihr und den Pilgern, zwischen zwei Welten. Denn wenngleich diese Begegnungen oft nur wenige Augenblicke dauern, grundverschiedener könnten sie kaum sein: hier die Pilger, stets unterwegs, jeden Tag an einem anderen Ort, dort die Frau, daheim vor ihrem Häuschen im Schatten des Feigenbaumes, längst angekommen, wo viele noch hin wollen: bei sich selbst.

Ob es nicht langweilig ist, jeden Tag vor dem eigenen Haus zu sitzen, hatte eine junge Frau aus Österreich einmal gefragt. "Oh doch, manchmal schon", hatte Maria Mediavilla geantwortet, doch jeder Tag sei ja anders, "denn jeden Tag treffe ich andere Menschen, andere Geschichten". Und wenn mal drei Stunden niemand kommt, hatte das Mädchen weiter gebohrt. "Dann liegt es an mir, aus meiner Zeit etwas zu machen, nachzudenken, zu kochen oder einfach die Stille zu genießen." Zeit ist das, was man aus ihr macht – einfacher und schöner könnte diese Geschichte nicht enden. Ein Blick auf die Uhr am Handgelenk der alten Frau verrät, dass diese stehen geblieben ist.



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