Jugendherbergen in alten Burgen: Ritterspiele mit dem Herbergsvater

40 deutsche Jugendherbergen befinden sich in alten Burgen und Schlössern. Für viele ihrer Mitarbeiter ist das eine besondere Herausforderung - nicht nur in punkto Denkmalschutz: Um junge Gäste anzulocken, wird der Zivi schon mal zum Nachtgespenst und der Herbergsvater zum Leiter der Ritterspiele.

Deutschlands beliebeste "Jugend-Burg": In Nürnberg zählte der Herbergsvater im vergangenen Jahr rund 68 000 Übernachtungsgäste
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Deutschlands beliebeste "Jugend-Burg": In Nürnberg zählte der Herbergsvater im vergangenen Jahr rund 68 000 Übernachtungsgäste



Jeden Abend um 22.00 Uhr schickt Herbergsvater Günter Sagafe seinen Nachtgruß von Burg Bilstein ins Dorf hinunter. Bei Wind und Wetter tönen dann Trompete, Dudelsack oder Alphorn über den Burghof. Fällt der Gruß aus, steht am folgenden Tag das Telefon nicht still: "Die Leute fordern ihren Abendgruß", erzählt Herbergsmutter Brigitte Sagafe. Tradition wird groß geschrieben auf Burg Bilstein im Sauerland - so wie in den meisten Jugendherbergen, die in Schlössern und Burgen eingerichtet wurden. 40 solche Häuser in alten Gemäuern weist das Verzeichnis des Deutschen Jugendherbergswerkes (DJH) in Detmold auf.

In Ostdeutschland sind mehrere Schlösser zu Jugendherbergen geworden, so in Wittenberg (Sachsen-Anhalt), Windischleuba (Thüringen) und Augustusburg (Sachsen. "Burgen-Hochburgen" sind hingegen in Süd- und Westdeutschland zu finden. Neun mittelalterliche DJH-Unterkünfte gibt es allein in Bayern. An erster Stelle in punkto Gästezahlen steht Nürnberg, wo die Jugendherberge in einem Teil der Kaiserburg untergebracht ist. Hier wurden im vergangenen Jahr insgesamt 68.000 Übernachtungen gebucht. Platz zwei nimmt Burg Wernfels im bayerischen Spalt mit 56 000 Übernachtungen ein. Geht es nach der Auslastung der Betten, lag Burg Wernfels im vergangenen Jahr sogar vorne: "Jedes Bett in Wernfels war 336 Mal belegt", sagt DJH-Sprecher Knut Dinter.

Schloss Augustusburg in Sachsen ist heute eine Jugendherberge
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Schloss Augustusburg in Sachsen ist heute eine Jugendherberge

Die Burgen Wernfels und Bilstein sind als Gesamtanlage an das DJH übergeben worden. In Nürnberg ist dagegen nur ein Teil der Burg, die 500 Jahre alte Kaiserstallung, Jugendherberge. In Augustusburg ist es der ehemalige Wirtschaftshof. "Hier sind Fliesen und Rundbögen noch im Original erhalten", sagt Leiter Martin Djoleff. Und nachts spielen Zivildienstleistende das Schlossgespenst nach.

Auch Günter Sagafe hält in der Burg Bilstein die Vergangenheit auf vielfältige Weise lebendig: Er veranstaltet Burgrallyes und Ritterturniere, er bastelt mit den "Knappen" unter seinen Gästen Schilder und Schwerter und schlägt sie dann beim Festmahl zum Ritter. Zum Burgfest Ende August trifft sich auf der Burg der ganze Ort zum mittelalterlichen Handwerkermarkt, Bogenschießen oder Knappenspiel.

Andere Jugendherbergen sind neu auf Burgruinen errichtet worden. - Zum Beispiel in Altleiningen in der Pfalz: Nur meterdicke Grundmauern, Rundbögen im Rittersaal und in der Burgschänke sowie der Burggraben - heute mit einem öffentlichen Freibad - erinnern dort an das Baujahr 1110. Je mehr alte Substanz erhalten ist, umso schwieriger ist die Modernisierung: So wird das Grafenschloss Diez aus dem 11. Jahrhundert insgesamt vier Jahre lang umgebaut: Die Auflagen des Denkmalschutzes zu erfüllen sei manchmal sehr aufwändig, sagt Martina Horak, Leiterin für Marketing und Service im DJH-Landesverband Rheinland-Pfalz / Saarland in Mainz.

 Mehr Romantik als zu Ritterzeiten: Der Hof der Jugendherberge Burg Bilstein im Sauerland entfaltet am Abend eine besondere Atmosphäre
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Mehr Romantik als zu Ritterzeiten: Der Hof der Jugendherberge Burg Bilstein im Sauerland entfaltet am Abend eine besondere Atmosphäre

Jugendherbergen in Burgen sind oft eine Gradwanderung zwischen historischem Flair und modernem Komfort: Für Familien und Kinder geeignet sollen die Jugendherbergen sein, hell, freundlich und behindertengerecht. "Wir sind kein Museum. Das ist eine Burg, die lebt", sagt Bilsteins Herbergsmutter Brigitte Sagafe. So endet der Fluchtweg zwischen den Wachtürmen heute im Duschraum der Lehrer. "Schlafen wie ein Ritter ohne fließend Wasser, Strom und Heizung - das will doch keiner."

Von Deike Uhtenwoldt, gms

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