Kajak-Touren im Winter Minusgrade? Rein ins Boot!

Er friert nie zu, ist wunderschön und bietet sich dadurch perfekt an für eine Kajaktour im Winter: Am Brienzersee können Aktivurlauber auch bei Minusgraden lospaddeln.

Heidi Siefert/ SRT

Sie durchbrechen die Stille wieder und wieder. Paddel, die mit sanftem Platschen ins Blau des Brienzersees tauchen. Über dem Wasser hängt dicht der Nebel, fast gefrierpunktkalt ist der Februar. Dennoch hat es ein paar Hartgesottene auf das Gewässer gezogen - in Trockenanzügen und dicken Socken. Was viele ausschließlich als Sommerhobby verstehen, ist in Interlaken auch im Winter möglich: Kajaken.

Denn im Berner Oberland lebt Dave Storey seinen Traum. Zu jeder Jahreszeit nimmt der Betreiber einer Paddelsportschule Gäste aus aller Welt mit auf den Brienzersee.

In Bönigen, einem Nachbarort von Interlaken, ist der alte Ballsaal des Oberländerhofs seit 2013 Standort von Storeys Kajakschule. Unter Stuck und gerahmten Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Jugendstilhauses von 1900 schlüpfen die Paddler in Fleecepullover und zentimeterdicke Neoprenanzüge, die nur Kopf und Hände frei lassen. Direkt vor dem Haus liegen die bunten Kajaks.

Mehrere Touren täglich bietet das Team um Storey im Winter an. Jede dauert drei Stunden und startet nach einem schnellen Frühstück - die beste Tour des Tages, findet Storey: "Morgens ist der See magisch."

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Brienzersee in der Schweiz: Paddeln im Winter

"Habt ihr alle Reißverschlüsse gut geschlossen?", fragt der Engländer und erinnert noch an Sonnenbrille und -creme. Er erklärt, wie die Hände in den am Paddel befestigten Neoprenfäustlingen warm und trocken bleiben. Mit einem kräftigen Schubser stößt er jedes Boot vom Kiessaum des Ufers ab.

Auf dem See erklärt Storey, wie man das Paddelblatt leicht andreht, ins Wasser setzt und das Boot daran vorbeizieht. Abwechselnd links und rechts. Leise gleitet die Gruppe dahin, und es dauert eine Weile, bis die ersten Gespräche in Gang kommen. Viel zu schön ist die Ruhe auf dem See, als dass man sie stören wollte.

Wolken hängen über dem eisigen Wasser und verdecken die Bergen. Das ist es, was Storey in Schweizerdeutsch mit britischem Akzent beschrieben hatte. Da er in England am Meer aufgewachsen ist, war seine Leidenschaft schon immer der Wassersport.

In Interlaken landete er wegen der unzähligen Sportmöglichkeiten und der aktiven Bevölkerung. "Speziell" findet er die Stadt - auch wegen ihrer Lage zwischen zwei besonders schönen Seen, die nur durch das Bödeli voneinander getrennt sind: ein schmales Stück Land, auf dem Interlaken und Böningen liegen.

Eiszapfen an Steilwänden

Wassersportfans sind hier genau richtig. Auch im Winter. Während im Sommer der Schaufelraddampfer über eines der saubersten Gewässer der Schweiz fährt, schwimmen hier jetzt nur ein paar Stockenten, die bei der Aare-Mündung nach Futter suchen. Die Paddler kreuzen hinüber in Richtung Ringgenberg, zu Eiszapfen an Steilwänden - man könnte sich kaum kleiner fühlen als im Boot auf dem See.

Ein Stück weit das Ufer entlang lotst Storey die Gruppe an einen winzigen Strand. Mit Rucksack und Thermoskanne laufen alle im Gänsemarsch bis zu der Mauer einer Burgruine. Es ist ein etwas seltsamer Anblick: mit Neoprenanzügen und Schwimmwesten durch die Kälte watschelnde Touristen, deren Schritte etwas quietschen, weil sich Wasser zwischen Füßlingen und Schuhen gesammelt hat. Die wenigen Dorfbewohner sind das aber gewohnt.

Einst war Ringgenberg Stammsitz der mächtigen Brienzer Reichsvögte. Von hier hatten sie alles im Blick: den See, die Bergriesen und das enge Stück Land, auf dem heute hübsche Holzhäuser stehen. Bei dampfendem Tee und Schokolade erzählt Storey Spannendes über die Region. Gut für ihn und sein Geschäft: Der 14 Kilometer lange, fast drei Kilometer breite und 260 Meter tiefe See trägt auch in kältesten Jahren niemals eine Eisschicht.

Günstig übernachten in der Schweiz

Auf dem Rückweg reißen die Wolken auf. Mit den ersten Sonnenstrahlen leuchtet das Wasser fast karibisch grün. Weit hinter dem Dorf zeigt sich ein schneebedeckter Gipfel. Am Ufer wartet schon eine Gruppe junger Amerikanerinnen auf die Kajaks.

Während sich alle drinnen aus den Anzügen schälen, die trotz der Minusgrade warm gehalten haben, erzählt Storey, dass sein wichtigstes Klientel im Winter junge Leute aus den USA seien. Ob fürs Studium in Europa oder als Rucksacktouristen unterwegs - Interlaken sei ein Muss. Wegen der Nähe zum berühmten Berg-Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Wegen der Partys in den zahlreichen Hostels - und um hier vor verschneiten Bergen ins Boot zu steigen. Die Amerikanerinnen am Ufer tun das kreischend. Mit der Stille ist es nun vorbei.

Heidi Siefert, srt

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 04.02.2019
1. übertrieben....
...bei jedem Wetter jeden Sport zu machen. Letzte Woche gab es Bilder eines Rennradler der im Taunus bei 10 cm Schnee den Feldberg hoch ist....jeder kann ja machen was er will...aber die Frage stellt sich schon....Muss das sein?
chilibär 04.02.2019
2. Eben anders
Finde es nicht übertrieben, auch im Winter Kajak zu fahren. Es ist wirklich sehr schön und einsam auf den Seen. Noch schöner wird es in verschneiter Landschaft, wie ich es vor einiger Zeit am Greifensee im Kanton Zürich erlebt habe. Fazit: Auch andere Seen in der Schweiz frieren nicht zu und eignen sich für eine Tour. Auf das vielstrapazierte "Perfekt"-Gesülze verzichte ich.
Celegorm 04.02.2019
3.
Zitat von fatherted98...bei jedem Wetter jeden Sport zu machen. Letzte Woche gab es Bilder eines Rennradler der im Taunus bei 10 cm Schnee den Feldberg hoch ist....jeder kann ja machen was er will...aber die Frage stellt sich schon....Muss das sein?
Ich kann die Rad-Situation ja nicht beurteilen, aber Kajakfahren funktioniert in der Kälte und somit auch im Winter problemlos. Einige der schönsten Kajaktouren der Welt findet man oberhalb des Polarkreises und dort sind die Bedingungen schliesslich auch im Sommer oft eher eisig. Aber da gilt wie bei fast allem: es ist nur eine Frage der richtigen Ausrüstung.
rsl1411 04.02.2019
4.
Zitat von fatherted98...bei jedem Wetter jeden Sport zu machen. Letzte Woche gab es Bilder eines Rennradler der im Taunus bei 10 cm Schnee den Feldberg hoch ist....jeder kann ja machen was er will...aber die Frage stellt sich schon....Muss das sein?
Ganz genau. _Sie_ können es ja lassen. Kajakfahren bei niedrigen Temperaturen ist bei trockenem Wetter allerdings m.E. eine Stufe harmloser, für mich klingt das Beschriebene durchaus reizvoll.
fvaderno 04.02.2019
5. Für was kann man denn sonst noch unnötige 'Kurse' und 'Ausbildungen'
buchen? Paddel einmal links und einmal rechts, kann man sich das nicht in 5 Minuten in einer Broschüre anlesen. Sicher ist es anders, wenn man auf anspruchsvollen Gewässern wie dem Meer oder Wildwassern herumschippert. Aber was soll man denn im Winter auf dem Brienzer-See lernen. Man kann doch die Natur alleine genießen! Ich werde jetzt dann Ausbildungen zum Schneeschippen und Feuer-Anzünden anbieten - natürlich mit Abschlussdiplom!
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