Kanalinseln Moonwalking auf Jersey

Immer wenn der Vollmond über der Kanalinsel Jersey leuchtet, zieht sich das Meer besonders weit zurück. An der Ostküste legt der zweithöchste Tidenhub der Welt eine Wattlandschaft frei, die sich auf geführten "Moon Walks" entdecken lässt: dreistündigen Wanderungen durch eine Wildnis voller Wunder.

Von Hilke Maunder


Wilde Fuchsien und kunterbunte Fischerboote: Die Bucht von Bonne Nuit
Hilke Maunder

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Von der Rampe des Seymour Slip, gegen die bei Flut die Wellen donnern, springt Andrew Syvret, 35, auf den Strand, geht in die Hocke und zieht Kreise und Quadrate in den feinen Sand. "Jersey hat sich erst vor 5000 Jahren vom Festland getrennt - und ist aus diesem Grund ganz anders als die anderen Kanalinseln: Das Wasser ist flacher, drei bis vier Grad wärmer - und wandert gegen den Uhrzeigersinn um die Insel", erläutert Syvret, einst Börsenmakler, heute Meeresbiologe und Umweltexperte aus Überzeugung.

Das Tempo der Tide ist beeindruckend: Drei Zentimeter pro Minute zieht sich das Meer bei Ebbe zurück. Bei Vollmond fällt die Ostküste der südlichsten Kanalinsel trocken. Mehr als 32 Quadratkilometer, so weit das Auge reicht, erstreckt sich dann der durch die Vereinten Nationen geschützte Wattbereich - und sorgt dafür, dass sich Jersey zweimal täglich verdoppelt. Zweimal im Jahr - zu den Springfluten im Frühjahr und Herbst - zieht sich der Ärmelkanal sogar so weit zurück, dass er nur als schmaler Streifen am Horizont erscheint.

An diesem Nachmittag nach Vollmond trennen Strand und See mehr als fünf Kilometer. Zerfurchte Riffe aus Granit bedecken den feinen Sand, glänzen feuchtschwarz im Gegenlicht, spiegeln sich in Wasserlöchern. Eine kräftige Brise aus Nordwest lässt das Wasser in den Prielen aufwogen. Wie Spaghetti aus Sand ringeln sich die Ausscheidungen des Wattwurms auf dem Sand. "Sucht ein P", sagt Andrew plötzlich, und die kleine Gruppe, die in Gummistiefeln und Wetterjacken zu diesem Moon Walk erschienen ist, schaut irritiert auf. Ein P, hier, auf dem Meeresboden? Andrew geht auf einen senkrechten Fels zu. Trotz der kalkigen Verkrustungen ist ein großes "P" klar zu erkennen, eines der sechs Grenzmarkierungen des Gebietes, in dem um 1750 nur die Familie Payn während der Saison "Vraig", Seetang, sammeln durfte.

Die Meeresalgen, die einst die Felder düngten und Häuser heizten, liegen heute auf den Tellern der Trend-Restaurants Jerseys wie Green Island oder Suma's. 240 Sorten Seealgen gibt es in den Gewässern rund um die Insel, 120 verschiedene Fischarten, 100 Krustentiere, Krabben & Co. sowie 165 Muschelarten. Eine seltene Spezialität ist das Seeohr, "ormer". Die Muschelart, ähnlich delikat wie Abalone, darf nur zu bestimmten Zeit in begrenzter Stückzahl gesammelt werden.

"Moon Walk" bei La Roquel: Die geführten Touren durch das Watt dauern rund drei Stunden
Hilke Maunder

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Ziel der rund dreistündigen Wanderung sind der Icho oder Seymour Tower, zwei trutzige Wehrtürme im Watt, die das befestigte englische Eiland vor französischen Übergriffen schützten sollten. Zwei Dutzend Mal versuchte Frankreich vom 13. bis 18. Jahrhundert, das nur 20 Kilometer von der Bretagne entfernte "Piratennest" einzunehmen - zuletzt bei der Battle of Jersey. An einem nasskalten Januartag 1781 war es Baron de Rullecourt gelungen, mit 700 Soldaten an der Ostküste zu landen. Auf dem Marktplatz der Hauptstadt St. Helier scheiterte er jedoch an der Übermacht der Insulaner, angeführt von Major Francis Peirson. Beide Männer starben in der Schlacht - und liegen heute friedlich vereint in der Kirche von St. Helier. So wurden sie Symbol einer Insel, auf der sich britischer Lifestyle mit französischem Savoir vivre vereint. Auf den Straßen, die französische Namen tragen, wird links gefahren, im Pub "Le Portelet Inn" auf "the Queen, our Duke of Normandy" angestoßen.

Städtchen Gorey an der Ostküste Jerseys: Der Hafen bei Niedrigwasser
Hilke Maunder

Städtchen Gorey an der Ostküste Jerseys: Der Hafen bei Niedrigwasser

Mehr Erfolg als die Franzosen hatten die Deutsche im Zweiten Weltkrieg. Die Kanalinseln waren das einzige britische Gebiet, das Hitlers Armee besetzen konnte - von Juni 1940 bis zum 9. Mai 1945, der alljährlich als "Liberation Day" gefeiert wird. Fünf Jahre lang gruben sich deutsche Ingenieure wie Maulwürfe ein, hoben unterirdische Räume für Mensch und Munition aus und säumten die Küsten mit Bunkern aus Beton. In exponierter Lage mit bestem Meerblick errichtet, sind nur wenige mit Moos und Gras überwuchert und stehen leer. Etliche werden an Feriengäste vermietet. Am Nordende der St. Ouens Bay verkaufen Faulkners Fisheries Hummer und anderes Meeresgetier für die lokale Küche; in St. Lawrence im Landesinnern erinnern die mehr als hundert Meter langen Gänge des "Deutschen Unterirdischen Spital" als "Jersey War Tunnels" eindrucksvoll mit O-Tönen und Original-Mobiliar an die Zeit der Okkupation.

Der Weg dorthin führt durch sanft gewelltes Binnenland. Meterhohe Hecken auf üppig bewachsenen Granitmauern säumen die schmalen Straßen, verdecken die Sicht in den "Green Lanes", verkehrsberuhigten Wegen mit Vorfahrt für Reiter, Radfahrer und Spaziergänger. Dahinter erstrecken sich Felder mit Frühkartoffeln. Die "Jersey Royals" sind das wichtigste Agrarprodukt der Insel - nierenförmige Knollen, je kleiner, desto begehrter. Was in den Augen der Briten zu groß geraten ist, wird inzwischen nach Belgien exportiert. "Jersey Belles", rotbunte Kühe mit Rehaugen, grasen auf winzigen Weiden. Ab und zu lugt zwischen den Hecken ein altes Herrenhaus hervor, ragt eine Kirchturmspitze in den Himmel, führt der Weg in Kehren steil wieder zur Küste zurück: Kunderbunt liegen die Fischkutter in der Bucht von Bonne Nuit auf den Kieseln, mit langen Stahlketten gut zehn Meter höher an der wuchtigen Hafenmauer vertäut - bis die mächtige Tide sie wieder anhebt.



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