Kanareninsel El Hierro: Kult um den Käsekuchen

Von Oliver Lück

Über Käsekuchen macht man keine Witze - jedenfalls nicht auf El Hierro. Denn dort sind die Menschen verrückt nach den süßen Quesadillas, keine Familienfeier geht ohne. Die Sucht löste einst eine über 100 Jahre alte Fabrik hoch über dem Atlantik aus.

Wenn man um drei Uhr nachmittags durch die Straßen Valverdes geht, kann es passieren, dass man ganz alleine ist. Kein Auto fährt, niemand ist unterwegs, kein Geschäft hat geöffnet. Dann schläft El Hierros Hauptstadt, die mit ihren 1700 Menschen eigentlich gar keine richtige Stadt ist. Es ist so ruhig, dass man seine eigenen Schritte hören kann. Denn zwischen halb drei und fünf ist Siesta, an sieben Tagen der Woche - und die Siesta ist heilig.

Einzig in einem Haus mit cremefarbener Fassade wird dennoch gearbeitet. Draußen hört man es durch die geöffneten Fenster schaben und kratzen. Der Duft von Frischgebackenem zieht auf die Straße. Wenn der Wind günstig steht und vom Meer eine leichte Brise hinauf weht, erfüllt der Wohlgeruch den halben Ort, der sich mit seinen Hangterrassen, Äckern und winzigen Häusern auf 600 Meter Höhe über dem Atlantik an den Berg schmiegt.

Es ist ein süßlicher Duft mit einer leicht rauchigen Note. Es ist ein Duft, wie es ihn nur auf El Hierro gibt, der kleinsten der Kanarischen Inseln. Über dem Eingang des Hauses steht in großen, schwarzen Buchstaben: "Fabrica de Quesadillas" - Käsekuchenfabrik.

"Wir haben keine Zeit für Siesta", sagt Marisol Gutiérrez, "sonst kommen wir mit der Produktion nicht nach." Wie ein Schulmädchen, das einen Abzählreim singt, wippt sie dabei von einem Bein auf das andere. Ein kurzer Blick auf die Uhr - Zeit für ein Interview habe sie eigentlich auch nicht, sagt sie, "aber gut, wenn Sie extra aus Deutschland gekommen sind".

2500 Käsekuchen in der Woche

Sie steht vor der Tür ihrer Fabrik, die eigentlich keine richtige Fabrik ist - jedenfalls keine im klassischen Sinne mit Hunderten Arbeitern, riesigen Produktionshallen und dutzenden Schornsteinen, aus denen dichter Qualm quillt. Betrachtet man das Gebäude aber unter den Größenvorstellungen von El Hierro, das etwa so groß wie Dortmund ist und wo alles etwas überschaubarer und ruhiger zugeht als auf den von Touristen überlaufenden Nachbarinseln, dann passt das mit der Fabrik schon ganz gut. Vier Angestellte backen rund 2500 Käsekuchen die Woche. Das ist viel bei gerade mal 10.000 Menschen, die auf dem Eiland leben.

Sind auch Stammkunden dabei? "Ja", versichert Marisol Gutiérrez, "alle." Sie grinst nicht, als sie das sagt, nicht mal ein bisschen. Es soll auch kein Scherz sein, sie meint es vollkommen ernst. Über Käsekuchen macht man keine Witze auf El Hierro. Denn die Herreños sind regelrecht verrückt nach der untertassengroßen Süßspeise. Nirgendwo auf den Kanaren wird pro Kopf mehr Kuchen gegessen. Keine Familienfeier geht ohne. Es gibt Tage, da stehen die Kunden in langen Schlangen bis zur Straße hinaus und tragen dann Kartons zu 24 Quesadillas aus der Fabrik. Der Stückpreis: 1,60 Euro.

In ihrem weißen Kittel und der weißen Hose sieht Marisol Gutiérrez aus wie eine Krankenschwester. Und auch der kleine Raum, wo die Kundschaft an einem winzigen Tresen bedient wird, erinnert mit seinen strahlend weißen Wänden und dem kalten Licht der Neonröhren eher an den sterilen Charme einer Notfallaufnahme eines Hospitals. "Wir kümmern uns ja auch um das Wohl der Menschen", sagt die 67-Jährige, "bekommen sie keinen Käsekuchen, geht es ihnen schlecht." Wieder kein Scherz, auch das meint sie zweifelsohne ernst.

Frischkäse, Baumheide und ein Hauch von Anis

Und das Rezept der guten Laune hat sich in den letzten hundert Jahren nicht verändert: Frischkäse, Eier, Mehl, Zucker, Zitrone und einen Hauch Anis. In kleinen Förmchen werden die runden Kuchen bei 180 Grad für 30 Minuten im mit Holz befeuerten Steinofen goldbraun gebacken. Doch das ist schon alles? Gibt es kein Geheimnis hinter der Rezeptur? Plötzlich sieht das Gesicht von Marisol Gutiérrez wie schockgefroren aus. Sie blickt skeptisch, als wolle man sie berauben. "Sie wollen wirklich wissen, was unsere Kuchen so einzigartig macht?" - Ja, bitte Señora! - "Einverstanden, Konkurrenz brauchen wir ja nicht zu fürchten."

Auf zwei Zutaten komme es an, die es nur auf El Hierro gibt: der Inselkäse aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch, der direkt in großen Bottichen bei der Kooperative der Hirten gekauft wird. Und das Holz der Baumheide, das im Hochland wächst und das den Quesadillas ihren typisch rauchigen Beigeschmack verleiht. Marisol Gutiérrez deutet auf den gigantischen Berg Holzscheite, der vor dem Haus liegt. Sie sagt: "Ein Geheimnis gibt es nicht."

Im Haus hält José Antonio einen hölzernen Brotschieber in den Händen. Seine Arme sind so dick wie die Baumstämme draußen. Auf seiner Stirn haben sich kleine Schweißperlen gesammelt. "Etwas kross müssen sie sein und zugleich zart", sagt er. Acht Stunden täglich steht er am Ofen der Backstube, schiebt Kuchen hinein und holt sie heraus. "Ein guter Job", sagt er. Er findet, das könne man ruhig mal sagen, nach 45 Berufsjahren.

José Antonio hat bereits für den Vater der Chefin gearbeitet, auch den Großvater hat er noch gekannt. Dieser hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Idee für das Rezept und begann, die Quesadillas in großen Mengen herzustellen. In kurzer Zeit wurden sie zum beliebtesten Dessert der Insel. "In unserer Familie hat sich schon immer alles um Käsekuchen gedreht", sagt Marisol Gutiérrez. Das große Schild über dem Eingang trägt nicht umsonst den Zusatz "Adrián Gutiérrez y Hijas" - und seine Töchter.

Der Glaube an die Fabrik

Seit 50 Jahren steht die kleine Frau mit den blonden Haaren jeden Morgen vor der Sonne auf. Gleich nach dem Abitur fing sie im elterlichen Betrieb an, den sie nach dem Tod des Vaters als Älteste der Familie übernahm. Auch ihre Schwester hilft noch immer in der Fabrik, ihr Bruder Jaime sorgt für die Auslieferung der Ware im firmeneigenen Transporter. Und Juan, der 29-jährige Neffe, wird den Betrieb eines Tages leiten. "Das ist sicher", sagt sie. Die Erleichterung in ihrer Stimme ist nicht zu überhören. Das war ihre größte Sorge: dass es niemand geben würde, der die Tradition in der vierten Generation fortführen wird.

Denn auf El Hierro passiert nicht viel, viele der Jüngeren flüchten zum Studieren nach Teneriffa oder verlassen die Kanaren gleich ganz in Richtung Europa. Anders Juan - "der glaubt an die Fabrik", sagt die Chefin. Auch da die Küchlein längst zu einem Markenzeichen der Insel geworden sind und Bestellungen auch von Teneriffa, La Palma, Gran Canaria oder Fuerteventura kommen, wo die Quesadillas in den Supermärkten, Bettenburgen und Restaurants als kanarische Spezialität verkauft werden.

Passatwolken haben die Straße in ein milchiges Grau gehüllt, durch das die Sonne fahl wie ein Vollmond scheint. In Valverde kann sich das Wetter minütlich ändern. Hat eben noch die Sonne gewärmt, trägt die Luft nun eine nasse Kälte mit sich. Tropfen sammeln sich in den Haaren und auf der Kleidung. Sie müsse jetzt wirklich weiter arbeiten, sagt Marisol Gutiérrez und will schon hineingehen.

Señora, eine letzte Frage noch: Essen Sie selber auch Käsekuchen oder ist Ihnen der Appetit vergangen? Nun überlegt sie länger als gewohnt. Sie denkt laut: "Ob ich das überhaupt sagen darf?" Ein kleines Geheimnis gibt es nämlich doch, das sie selten jemandem anvertraut hat. "Wissen Sie", sagt sie, "ich habe noch nie gerne Süßes gegessen. Ich mag viel lieber Salziges."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Lück und Locke
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
El Hierro: Käsekuchen für die Kanaren