Geschichten von den Kanaren "Ich melke Ziegen und du die Wolken"

Wolken anzapfen, Salz trocknen, Greifvögel auf dem Rücksitz - die Kanaren sind eine Welt für sich. Hier sind Anekdoten, die die weniger bekannten Seiten der Atlantikinseln zeigen.

Von Oliver Lück


Knappe fünf Stunden dauert der Flug. Selbst im Winter sind es tagsüber 20 Grad und mehr. Und es regnet selten. Wenn es kalt ist in Europa, werden die Kanarischen Inseln vor Afrikas Westküste zum beliebtesten Urlaubsziel. Auch viele Deutsche lässt die schnelle Aussicht auf Sonne und kurze Hose jetzt in die Flieger steigen.

Teneriffa, Fuerteventura und Gran Canaria sind die drei größten Inseln des spanischen Archipels im Atlantik und bekannt für ihre Strände. Unter Individualisten und Wanderern besonders beliebt sind La Palma und La Gomera. Jede der Inseln hat ihr ganz eigenes Flair, und über jede lassen sich viele Geschichten und Anekdoten erzählen. Hier sind einige, die noch selten zu lesen waren:

Auf El Hierro, einer der kleinsten der Kanarischen Inseln, ist man menschenleere Straßen gewohnt. Kaum 7000 Herreños sind noch das gesamte Jahr über da, Touristen kommen nur wenige. Gerne erzählt man sich noch heute die Geschichte, als der erste Kreisverkehr der Insel fertig gebaut war und eine Frau mit ihrem Kleinwagen beinahe einen Auffahrunfall verursachte: Sie war rückwärts um den halben Kreis gefahren, da sie die Ausfahrt verpasst hatte.

Treiben die Passatwinde Wolken an die Berghänge, kondensiert der Dunst an den Nadeln der Pinien und tropft auf den Waldboden. "Dieses Phänomen gibt es auf allen Kanaren", sagt Andrés García von der Umweltbehörde auf El Hierro. "Weil es bei uns auf El Hierro so selten regnet, müssen wir ein bisschen nachhelfen, um ausreichend Trinkwasser zu bekommen." Zwischen fünf Meter hohe Eisenstangen werden Plastiknetze gespannt. Das an den Maschen kondensierte Wasser fließt in eine Rinne, dann in einen Tank: pro Konstruktion rund tausend Liter am Tag. "Einer unserer Inselhirten hat mal zu mir gesagt: 'Ich melke meine Ziegen und du die Wolken.'"

La Graciosa (rechts im Foto) ist die kleinste der bewohnten Kanareninsel. Wer Ende der Siebzigerjahre die deutsche TV-Serie "Timm Thaler" gesehen hat, wird Horst Frank an diesem Ort noch lachen hören. Dort wohnte der von dem Schauspieler verkörperte Bösewicht, Baron de Lefouet. Weit im Norden Lanzarotes baute der spanische Künstler César Manrique den Mirador del Rio in den Lavafels. 500 Meter über dem Meer. Unten, im 600-Einwohner-Ort Caleta del Sebo auf Graciosa, lebt Familie Cabrera und vermietet einfache Apartments direkt am Strand.

Wer auf La Palma neben einem Kleintransporter hält, muss anscheinend auf alles gefasst sein; auch dass man durch die Autoscheibe von den scharfen Augen eines Greifvogels beobachtet wird. Der Besitzer erzählte, dass er den Falken vor gut einem Jahr bei einer Wanderung gefunden habe. Er sei verletzt gewesen und habe nicht mehr fliegen können. Nun wolle er gar nicht mehr weg. Die Bemerkung, dass der Vogel ja festgebunden sei und vielleicht das der Grund für seine Anhänglichkeit sein könnte, überhört er dann allerdings.

In Imada gibt es noch immer keinen Handy-Empfang. Man kann die Bewohner des kleinen Bergdorfes in der Inselmitte von La Gomera aber gelegentlich pfeifen hören, wenn sie von Haustür zu Haustür miteinander sprechen oder in den Bergen - wie dieser Ziegenhirte. Die Pfeifsprache Silbo der Gomeros ist mehr als 500 Jahre alt. Es sind hohe, lang gezogene Töne, die sich immer wieder senken und übergehen in kurze, trällernde Laute. Bis weit in die Sechzigerjahre hatte es keine Telefone auf der Insel gegeben. Heute gehört Silbo zum Weltkulturerbe der Unesco und wird sogar in den Grundschulen La Gomeras unterrichtet.

Einmal im Jahr brechen viele Bewohner der Kanarischen Inseln zur Salzernte auf. Gleich kiloweise tragen sie ihre Jahresvorräte in Eimern oder Tüten nach Hause. Dafür braucht es keine künstlich angelegten Salinen, wie es sie noch auf La Palma oder Gran Canaria gibt. Überall sammelt sich das Meerwasser in den unzähligen Mulden der schroffen Lavaküste. Es verdunstet und zurück bleibt das grobkörnige Salz, das herausgekratzt und auf dem Ofen oder in der Pfanne getrocknet wird, bis sämtliche Feuchtigkeit verschwunden ist. Die Hauptspeise der Canarios überrascht da wenig: Papas arrugadas runzelige Kartoffeln mit dicker Salzkruste.

In der Welt von Ernst gab es keine Ausreden. 14 Jahre lebte der gebürtige Österreicher alleine in einem alten Hirtenhaus auf einem abgelegenen Hügel La Gomeras. Er sagte: "Wenn ich noch 15 Jahre hier oben sein kann, ist das gut. Wenn es noch 20 Jahre funktioniert, ist das sehr gut." Bekannte, die ihn regelmäßig besuchten, sagten, sie hätten immer Angst davor gehabt, ihn eines Tages tot auf der Couch zu finden. "Dann ist auch das gut", sagte Ernst, "das dauert aber noch." Im Januar 2013 fand man ihn auf seiner Terrasse. Vermutlich war er im Sonnenaufgang mit Blick auf den Atlantik gestorben - wie er es sich gewünscht hatte.

Egal, wo man auf den Kanaren unterwegs ist, überall wird viel Geld für schöne Schilder in vielen Sprachen ausgegeben. Dabei kommt es regelmäßig zu abenteuerlichen Übersetzungen. Dieses Straßenschild auf La Palma ist da noch eher harmlos. Ganz anders ein Hinweis, der vor wenigen Jahren noch am Strand von Cofete auf Fuerteventura zu lesen war und auf die gefährlichen Strömungsverhältnisse des Atlantiks aufmerksam machen sollte. Die deutsche Übersetzung lautete: "Brandungsrückstrom! Es ist gestattet hinaus zu schwimmen."

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Sumerer 26.02.2016
1.
Inhaltlich ist dieser Artikel schon etwas dürftig. Ich kenne zwar nicht alle kanarischen Inseln aber einen Teil dann schon gut (Teneriffa, Fuerteventura, La Palma und La Gomera. Auf die Inseln hätte man detaillierter eingehen können. So etwa auf die Klimazonen der verschiedenen Inseln, mit ihrer jeweils endemischen Flora und auch Fauna, die von der jeweiligen Inselbeschaffenheit, dem Kanarenstrom und den Passatwinden abhängen. Natürlich wäre auch die geologische Situation der Kanaren von Interesse. Die Inseln sind verhältnismäßig jung und überwiegend durch Vulkanismus geprägt. Auch und gerade die eingerichteten Nationalparks sind von Interesse. Aber gut, das kann man auch alles in guten Reiseführern studieren.
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