Maronenzeit im Tessin: Braun, gebrannt

Von Martin Cyris

Kastaniensammeln gehört zum Herbst wie die Winterreifenmontage. Im Tessin haben heiße Maroni eine lange Tradition. Jetzt im Herbst qualmt es dort in vielen Kesseln und Dörrhäusern. An den Uferpromenaden des Lago Maggiore kann man den gerösteten Früchten einfach nicht widerstehen.

Maroniröster im Tessin: Peppi und die Plumpsfrüchte Fotos
Martin Cyris

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Nahtlos braune Schönheiten, prall und rund - Peppi kann sich nicht sattsehen. Geschweige denn den Blick von ihnen lassen. Sonst würden die Kastanien in seinem Kessel anbrennen. Er röstet sie über offenem Feuer, nach alter Väter Sitte in einem schmiedeeisernen Gestell. Marrunat heißen die Kastanienröster im Tessin.

Einer von ihnen ist Giuseppe Cattomio, genannt Peppi. Der Mann - weißer Schnauzbart, Doppelkinn, Lieblingsfarbe: Braun - isst Kastanien für sein Leben gern. In den Dörfern des südlichen Schweizer Kantons, vor allem in abgelegenen Tälern, waren die kohlehydratreichen Maronen lange Zeit das Hauptnahrungsmittel. "Gekochte oder geröstete Kastanien in Milch, das war unser Abendessen, den ganzen Herbst und Winter über", erinnert sich Peppi, der hauptberuflich Maler und Tapezierer ist. "Ich liebe diese Dinger einfach", sagt er, greift mit seinem dicken Lederhandschuh nach einer großen Kastanie und schiebt sie sich vergnügt in den Mund.

Auf der Uferpromenade von Ascona hat er seinen Kessel platziert. Den ganzen Herbst und Winter über holen Peppi oder andere Maroniröster die Kastanien aus dem Feuer. An vielen Ecken qualmt es aus den Kesseln, vor allem wenn die Orte am Lago Maggiore zu ihren Kastanienfesten laden. Dann gibt es Kastanienbrot, Kastanienpüree, Kastanienpasta. Und ein Tütchen voller heißer Maroni ist der ideale Begleiter beim Spaziergang an der Promenade. Den Mülleimer für die Schalen tragen Besucher praktischerweise mit sich herum: Die Papiertüten haben ein Fach zum Ausklappen, damit nichts aufs Pflaster fällt.

Kastaniensammeln in Arosio

Viel liegen bleibt dagegen im Malcantone, einer hügeligen, idyllischen Region zwischen Lago Maggiore und Luganersee. Dort befinden sich ausgedehnte Kastanienwälder. Im Oktober und November sind die Böden mit den seeigelartigen Hüllen übersät. Das einstige "Brot der Armen", so eine Tessiner Redensart, hat nicht mehr die Bedeutung früherer Zeiten. Die Menschen sammeln nur noch die größeren Exemplare. "Dabei sind Kastanien eigentlich eine Nahrung, die gut in die heutige Zeit passt", sagt Carlo Scheggia, der Revierförster vom Malcantone. "Die Früchte sind 100 Prozent öko."

Scheggia ist passionierter Kastanienaktivist. "Weil Bäume und Früchte Teil unserer Tessiner Kultur sind", sagt er. Interessierte nimmt er gerne mit auf einen Ausflug auf den sentiero del castagno, den Kastanienweg. Diesen hat er vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Er ist knapp zwölf Kilometer lang, kann aber an mehreren Stellen abgekürzt werden. Der Weg führt durch bezaubernde Kastanienwälder, die so genannten Selven, und durch stille Bergdörfer.

Etwa Arosio. Es empfiehlt sich als Ausgangsort für eine Exkursion in die Welt der Esskastanie. In der Nähe des Dorfs stehen die ersten Jahrhunderte alten Bäume. Unter ihnen stapeln sich die stacheligen Plumpsfrüchte - festes Schuhwerk empfiehlt sich daher, auch wenn Herbsttage im Tessin noch recht mild sein können. Was man auch nicht vergessen sollte, ist eine kleine Tüte. "Wanderer dürfen auch ein bisschen sammeln", sagt Scheggia. Doch das war nicht immer so.

Kastanien waren früher ein wertvolles Lebensmittel, das die Menschen durch den Winter brachte. "Pro Bewohner ein Baum, so hat man früher gerechnet", sagt Scheggia. Sie waren nummeriert; alles, was bis Mitte November herab fiel, gehörte dem Besitzer. Nach diesem Zeitpunkt durften die Früchte von jedermann aufgeklaubt werden. Mittlerweile sind die Regeln nicht mehr so streng. Manch ein Besitzer übertrug die Sammelrechte an die Gemeinde. Nicht wenige Bewohner wanderten aus den Bergdörfern und Tälern in die Städte ab. "Kastanienanbau betreiben nur noch wenige Bauern", sagt Scheggia.

Die Kastanie hatte es auch im Tessin vorübergehend schwer. Ein Hauptgrund war der Rindenkrebs, eine Pilzkrankheit. Er lässt die Blätter der Bäume verkümmern, diese bringen nur noch kleine Früchte hervor. Doch die Bestände haben sich erholt. Die braunen Nussfrüchte werden seit einigen Jahren wieder größer. Carlo Scheggia freut sich über das, was er da sieht: "Nicht schlecht", beurteilt er eine pralle Kastanie, die er in die warme Herbstsonne hält.

Trockenfrüchte in Tessiner Tälern

In der Nähe des Dorfs Mugena hat Scheggia gemeinsam mit anderen Kastanienliebhabern ein traditionelles Dörrhaus errichtet. Diese Steingebäude - im lokalen Dialekt grà genannt - standen früher in jedem Dorf. Hunderte Kilo Maronen liegen darin übereinandergeschichtet. Drei Wochen lang werden sie über einem Feuer getrocknet - in den Flammen lodern Kastanienholzscheite.

In diesen Wochen qualmt es wieder aus einigen gràs. Vor allem in den Tessiner Tälern wird die Tradition des Kastanientrocknens hochgehalten. Etwa im Val Muggio, im Val Colla und im Val Verzasca. Dort finden auch spontan kleinere Kastanienfeste statt. Ein Anlass findet sich immer. Zum Beispiel beim Sammeln, beim Befüllen der gràs oder beim Leeren derselben. Über die getrockneten Kastanien und das Kastanienmehl freuen sich die Tessiner Gourmetköche.

Unter ihnen ist auch ein echter Schwabe. Frank Oerthle ist Chefkoch im Ristorante Arté am Ufer des Luganersees. "Als Wahl-Tessiner arbeite ich gerne mit Kastanien", sagt Oerthle. Der Sternekoch verarbeitet sie zum Beispiel zu Cavatelli, einer traditionellen Pastasorte. Wohl auch im Sinne seines Arbeitgebers. Das Lokal gehört zum Grand Hotel Villa Castagnola, wo prächtige Kastanien gedeihen. Auf dem Parkplatz warnen Schilder vor den dicken Plumpsfrüchten. Schäden wären teuer, denn dort parkieren, wie der Schweizer sagt, häufiger mal Ferraris und Lamborghinis.

Im Ristorante Arté stärkte sich gelegentlich auch Zlatan Ibrahimovic, bis vor wenigen Monaten noch Fußballer im nahe gelegen Mailand. Der schwedische Nationalstürmer bescherte den deutschen Kickern kürzlich in der Qualifikation für die kommende Fußball-WM ein peinliches Unentschieden. Womöglich lag es mit an den nahrhaften Tessiner Kastanien.

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1. ...
deus-Lo-vult 29.10.2012
Zitat von sysopKastanien-Sammeln gehört zum Herbst wie die Winterreifenmontage. Im Tessin haben heiße Maroni eine lange Tradition. Jetzt, im Herbst, qualmt es dort in vielen Kesseln und Dörrhäusern. An den Uferpromenaden des Lago Maggiore kann man den gerösteten Früchten einfach nicht widerstehen. Kastanien aus dem Tessin: Reise zu den Maronenröstern am Lago Maggiore - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/kastanien-aus-dem-tessin-reise-zu-den-maronenroestern-am-lago-maggiore-a-863655.html)
Heiße Maronen sind ja auch richtig lecker! Ich freue mich auch schon seit Wochen darauf. :-)
2. Ticino...
Layer_8 29.10.2012
Zitat von sysopKastanien-Sammeln gehört zum Herbst wie die Winterreifenmontage. Im Tessin haben heiße Maroni eine lange Tradition. Jetzt, im Herbst, qualmt es dort in vielen Kesseln und Dörrhäusern. An den Uferpromenaden des Lago Maggiore kann man den gerösteten Früchten einfach nicht widerstehen. Kastanien aus dem Tessin: Reise zu den Maronenröstern am Lago Maggiore - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/kastanien-aus-dem-tessin-reise-zu-den-maronenroestern-am-lago-maggiore-a-863655.html)
...öchel... Keschte gibts au bei uns in Baden, Elsass un in der Palz. Die passe gut zu Süßmoscht oder neuer Woi. Ma muss halt nur in da Wald gehe un se eisammle. Die alte Römer hän uns scho gute Sache gebracht. Keschte, Feige, un de Woi halt au
3.
SpitzensteuersatzZahler 29.10.2012
Ich wünschte ich hätte auch Kastanienbäume in der Nähe zum Sammeln - leider ist nicht ganz Deutschland mit diesen Köstlichkeiten gesegnet :/
4. Edelkastanien
Dieter62 29.10.2012
kann man auch gut noerdlich der Alpen und in Deutschland anbauen, sie sind winterhart bis um die minus 20 Grad. Zumindest hat solches ein frisch gepflanzter Baum hier am Ort ueberlebt. Man sollte ihm aber einen Suedhang wie im Tessin schon goennen und fuer genuegend Wasser sorgen. Das Tessin ist eines der niederschlagsreicheren Gegenden der Schweiz. Das Wasser fliesst dort aber schnell wieder ab, also Staunaesse ist eher unguenstig. Die richtigen Marroni kommen uebrigens aus Italien, die Tessiner Varietaeten gelten als eher schwierig zu braten und sind deshalb billiger. Wegen der Sommerhitze und Duerre in Italien gibt es heuer relativ wenig echte Marroni. Diese findet man uebrigens in der Schweiz in jedem Bahnhof der etwas auf sich haelt.
5.
Duracellhase 29.10.2012
Zitat von Layer_8...öchel... Keschte gibts au bei uns in Baden, Elsass un in der Palz. Die passe gut zu Süßmoscht oder neuer Woi. Ma muss halt nur in da Wald gehe un se eisammle. Die alte Römer hän uns scho gute Sache gebracht. Keschte, Feige, un de Woi halt au
Der größte zusammenhängende Kastanienhain (Eßkastanien) nördlich der Alpen steht jedoch in Hessen...
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